Wie EAs Chef mit Anthem haderte - "Das ist nicht das Spiel, das ihr mir versprochen habt"

Während der Entwicklung von Anthem gab es einige Probleme, wie einige ehemalige Mitarbeiter nun verrieten. Gerade die hauseigene Frostbite-Engine machte viel Ärger.

von Robin Rüther,
05.04.2019 16:42 Uhr

Vor allem die Frostbite-Engine sorgte für große Probleme während der Entwicklung von Anthem.Vor allem die Frostbite-Engine sorgte für große Probleme während der Entwicklung von Anthem.

Dass die Entwicklung von Anthem alles andere als optimal verlaufen ist, haben wir in den vergangenen Tagen bereits in mehreren Artikeln beschrieben. Die Entwickler standen unter ständigem Stress, das Spielprinzip sollte ursprünglich ein ganz anderes sein und dann wurde nur wenige Tage vor der Ankündigung auch noch der Name von Anthem geändert.

Das alles geht aus einem Report von Jason Schreier auf Kotaku hervor, für den er mit 19 ehemaligen Anthem-Entwicklern gesprochen hat. Dort erklärt er auch, woher die großen Probleme während der Entwicklung stammten. Ein Hindernis stellte die hauseigene Engine dar.

»Frostbite ist voller Rasierklingen«

2011 entschied Patrick Söderlund, ehemaliger DICE-Chef und Manager bei EA, dass alle zukünftigen EA-Spiele auf der Frostbite Engine aufbauen sollen, die ursprünglich für die Battlefield-Reihe entwickelt wurde. Das ist auch der Grund, warum Spiele mit völlig unterschiedlichem Genre wie Mass Effect: Andromeda, FIFA 17 und auch Anthem auf der Shooter-Engine basieren.

Das große Problem: Frostbite ist nicht für Rollenspiele oder Third-Person-Spiele optimiert. Wie Schreier berichtet, machte die Engine bereits bei Dragon Age: Inquisition Probleme, grundlegende Elemente wie eine Third-Person-Kamera fehlten. Und auch bei Anthem sollte die Engine Ärger bereiten.

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Das Team konnte zwar riesige und hübsche Level mit Frostbite bauen, allerdings einen Großteil der geplanten Features nicht umsetzen. Nach und nach musste Bioware geplante Ideen und Prototypen abändern, kürzen und aufgeben.

Außerdem sei die Bedienung sehr umständlich gewesen. Bugs, die in anderen Engines innerhalb von wenigen Minuten gelöst werden konnten, existierten in Frostbite mehrere Tage oder gar Wochen. Ein Mitarbeiter erklärt:

"Es ist schwer genug ein Spiel zu entwickeln. Es ist sehr schwer, ein Spiel zu entwickeln, bei dem du die ganze Zeit mit deinen eigenen Tools kämpfen musst."

Ein anderer ergänzt:

"Frostbite ist voller Rasierklingen."

Ein untragbarer Prototyp

Erschwerend kam hinzu, dass keiner der Bioware-Entwickler an der Entwicklung der Frostbite-Engine mitgewirkt hatte und sie komplett durchschaute. Die Folge: Der ohnehin strauchelnde Entwicklungsprozess von Anthem verlief noch langsamer und stieß immer wieder auf neue Probleme.

2016 entwickelte Bioware einen Anthem-Prototyp für die Weihnachtstage, der Mitarbeitern einen Eindruck vom aktuellen Status des Spiels geben sollte, das ja bereits 2012 als Project Dylan begann. Der Inhalt war simpel: Auf einer Farm schoss man Aliens über den Haufen.

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Auch Patrick Söderlund spielte diese Demo - und hielt sie für untragbar: »Das ist nicht das Spiel, dass ihr mir versprochen habt.«

Vor allem die Grafik habe ihn entäuscht. Söderlund schickte daraufhin einige hochrangige Bioware-Mitarbeiter nach Stockholm zu DICE, um die Probleme um die Frostbite-Engine zu lösen.

Mehr Schein als Sein

In den folgenden Wochen arbeitete das Team ununterbrochen an einer neuen Demo und baute dabei auch ein Feature ein, dass heute nicht mehr aus Anthem wegzudenken ist: Das Fliegen. Bereits in der Vergangenheit hatte das Team diese Mechanik mehrfach hinzugefügt und dann doch wieder entfernt, weil sie sich nicht gut angefühlt hatte. Doch um Söderlund zu überzeugen, sahen sie keine andere Alternative.

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Im Frühling 2017 probierte Söderlund den neuen Prototypen aus, dieses Mal mit Begeisterung. Dieser Prototyp wurde schließlich zur Basis des Gameplay-Trailers, den EA auf der E3 2017 vorführte. Ironischerweise gab der laut Schreier nicht nur den Spielern, sondern auch Bioware selbst einen Eindruck davon, in welche Richtung sich Anthem bewegen sollte.

Auf der E3 2017 kündigte EA außerdem das Release-Datum für Anthem an: Der Loot-Shooter solle im Herbst 2018 erscheinen. Das setzte Bioware erneut unter Druck: Die Entwickler hatten einen Großteil der Inhalte längst noch nicht umgesetzt.

Die Folge: Zum Release präsentierte EA ein Spiel, das die Erwartungen vieler Spieler nicht erfüllte. Die Metacritic-Wertung der PC-Version liegt bei 58. Auch in unserem Test zu Anthem erklären wir, dass der Loot-Shooter in seinem aktuellen Status noch nicht funktioniert.

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