Streaming-Dienste sind eine Enttäuschung, das habe ich schon vor rund einem Jahr gesagt. Dabei war ich früher mal ein großer Verfechter mit fünf gebuchten Anbietern auf einmal. Mittlerweile habe ich nicht mal mehr ein Abo bei meinem liebsten Streaming-Anbieter, bei dem ich zuvor 6 Jahre lang Geld gelassen habe.
Streaming hat sich einige Unarten des früheren, linearen Fernsehen angewöhnt. Beispiel gefällig?
Der Streaming-Dienst Max (gehört zu HBO) testet in den USA gerade »always-on-Kanäle«, auf denen rund um die Uhr Filme und Serien laufen und in die Abonnenten einfach reinzappen können (The Verge).
Auf einmal ist Streaming wieder zu linearem (Bezahl-)Fernsehen geworden. Das kann doch nur Satire sein.
Waren Streaming-Dienste zu gut, um wahr zu sein?
Als Netflix sein System von DVD bestellen via Post auf Streaming umstellte, brach eine neue Ära an. Auf einmal hatte man jederzeit alle möglichen Inhalte zur Verfügung.
- Man musste keine Scheiben kaufen oder leihen.
- Man musste sich nach keiner Uhrzeit richten.
- Man konnte Filme und Serien so oft anschauen, wie man wollte.
Und das alles zu einem moderaten Preis von anfänglich 8 Euro pro Monat im Basis-Abo.
Wie die heutige Streaming-Landschaft aussieht, wisst ihr. Mir geht es in diesem Artikel allerdings nicht hauptsächlich um den Preis. Mir geht es darum, wie wir Inhalte präsentiert bekommen – nämlich wie im Fernsehen und nicht wie bei einem Streaming-Dienst.
Zugegeben: Die Neuigkeit zu Max betrifft uns in Deutschland erstmal nicht. Der Streamer startet wohl erst 2026 in unseren Gefilden. Darüber hinaus kennen wir solche linearen Channels auch von Sky, der eigene Sender mit einem kuratiertem Programm seit Jahren anbietet.
Dennoch wirft das Gebaren bei mir die Frage auf: Dreht sich unser Medienkonsum im Kreis?
Ganze Staffeln auf einmal
Es begann einst damit, dass Serienstaffeln mit einem Schlag auf Netflix erschienen sind und es oft immer noch tun. Dann atmet man eben mal eine Handvoll Folgen weg. Das ist mit linearem TV unmöglich, wenn nicht gerade ein seltener Serienmarathon läuft oder man über Wochen Folgen einer Serie aufgenommen hat – und selbst dann muss man hoffen, dass sie nicht abgesetzt wird. Und Disks, sofern ich sie mir überhaupt noch kaufe, spare ich mir über Tage auf. Ich will das Gourmetessen ja nicht herunterschlingen, wenn ich es mir schon gönne.
Binge-Watching ist zwar wenig nachhaltig, weil man ja trotzdem ein Jahr oder länger auf die nächste Staffel Stranger Things warten muss, aber Spaß macht es mir ab und zu trotzdem, wenn mich eine Serie begeistert.
Apropos Binge-Watching: Der Begriff des exzessiven Wegschauens ganzer Staffeln am Stück ist nur durch Streaming in den kollektiven Sprachgebrauch übergegangen. Das zeigt den Einfluss von Netflix und Co., wenn es das Wort sogar in den Duden geschafft hat.
Folgen Woche für Woche
Der erste Schritt zurück zum klassischen Fernsehen war das Veröffentlichen von Serienfolgen im Wochenturnus, so, wie es auch Fernsehsender machen.
Ganz ehrlich: Ich persönlich finde das am besten!
Wöchentliche Folgen einer gehypten Serie sind ein richtiges, soziales Ereignis. Dadurch wird eine Episode mehr als bloß 40 bis 60 Minuten Unterhaltung. Was haben wir damals mit Freunden (und im Internet) über die neueste Folge The Walking Dead diskutiert und spekuliert (und uns versehentlich spoilern lassen, argh!). Jede Episode wird dadurch ein Highlight.
Ich erinnere mich noch daran, als Leute vor Jahren reihenweise Reaktionen in die sozialen Medien gepostet haben, als die berühmte Rote Hochzeit bei Game of Thrones stattgefunden hatte. Gut, mich hat’s genervt, weil ich die Serie damals nicht verfolgte, aber leben und leben lassen. Der Effekt war einmalig.
Klar, den wöchentlichen Turnus gibt’s heute auch noch, aber nicht jeder hat ein Sky- oder Wow-Abo, um jede Woche bei House of Dragon mitzureden. Der clevere Fan wartet, bis eine Staffel draußen ist, um sie dann zu bingen (und im Zuge dessen womöglich Geld zu sparen). Auf die Zerfaserung des Marktes gehe ich gleich noch ein.
12:53
House of the Dragon: Der offizielle Story-Recap bringt euch vor Staffel 2 auf den aktuellen Stand
Plötzlich: Werbung
Vor mehr als zwei Jahren hat Netflix Werbung eingeführt. In unserer News von damals zeigtet ihr euch gespalten. Einige waren einverstanden, andere wollten gar keine Werbung sehen – zurecht, finde ich. Mal vom Angebot abgesehen, ist es die himmelviele Werbung im Free-TV, weswegen ich dort so gut wie nichts mehr gucke. Ich will den Ghoul in Fallout sehen und keinen Clip für Schafskäse.
Doch dann kam Amazon und hat bei Prime Video standardmäßig Werbung reingeflanscht. Wer nicht zusätzlich zahlt, muss damit leben. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir stößt das sauer auf.
Natürlich, ich habe immer noch die Wahl, Werbung zu sehen oder nicht. Es fühlt sich allerdings anders an, sich für einen Tarif ohne Werbung zu entscheiden, als extra dafür zu zahlen, um etwas Nerviges loszuwerden. Und los werden wir die Werbung bei Prime Video und den anderen nicht mehr, denn das hat bisher zu viel Erfolg gehabt, wenn man Netflix Glauben schenkt.
Aufsplittung auf viele Anbieter
Eine weitere Maßnahme, die zur »TV-Sender-fizierung« von Streaming beiträgt, sind die vielen Anbieter, die es mittlerweile gibt. Logisch, Netflix ursprüngliche Idee hat Schule gemacht, dass es da kein Monopol geben würde, war mir klar.
Das Problem mit der Diversifizierung: Dadurch, dass (fast) jeder Anbieter Geld kostet, gibt es unter Film- und Serien-Liebhabern weniger Überschneidungspunkte – und das ist eigentlich sogar noch schlimmer als herkömmliche Fernsehsender.
Streaming ist zu Pay-TV geworden. Ob ich nun RTL, Pro7 oder Sat.1 schaue, ist mir überlassen, da alle gleichermaßen empfangbar sind, aber Netflix, Prime Video oder Wow kosten alle für sich genommen.
Ich mache es wie viele andere auch: Wenn sich genügend Inhalte angesammelt haben, gönne ich mir einen Monat Disney Plus (oder welcher Anbieter mich auch immer anspricht). Dadurch entstehen allerdings viele einzelne Silos und wenn nicht gerade eine Überserie wie Arcane stattfindet, gehen die kleineren Serien unter, im Gegensatz zu sogenannten »Gassenfegern« wie vor Jahrzehnten, weil eben jeder Wetten, dass …? sehen konnte, der wollte.
In dieser Argumentation berücksichtige ich auch nur Exklusivinhalte und Eigenproduktionen. Verträge mit Anbietern laufen aus und Titel wechseln den Streaming-Dienst, wie beispielsweise geschehen mit Marvel-Filmen und -Serien, die zum Großteil von Netflix auf Disney Plus übergesiedelt sind. Habe ich kein Abo bei dem Anbieter, bei dem ich einen Titel schauen will, muss ich verzichten oder zusätzlich zahlen.
Wenn Streaming-Dienste jetzt wieder mit linearem Fernsehen experimentieren, sind sie endgültig zu Pay-TV geworden, etwas, das sie eigentlich obsolet machen wollten.
Ein zweiter Frühling für Disks?
Im Grunde genommen sollte der aktuelle Streaming-Zustand Blu-rays in die Hände spielen, oder? Disks haben zumindest allerhand Vorteile:
- Technisch bessere Qualität, weil weder Bild noch Ton wegen der Bandbreite komprimiert werden müssen.
- Die theoretische Auswahl an Disks ist riesig, auch wenn nicht alle Eigenproduktionen von Streaming-Diensten es auf die Scheibe schaffen.
Das vermutlich stärkste Argument:
- Man besitzt einen Film oder Serie als Disk und muss sich nicht darum sorgen, dass man möglicherweise irgendwann keinen Zugang mehr dazu hat (wenn der letzte Blu-ray-Player im Haus nicht spontan den Geist aufgibt).
Gerade der letzte Punkt ist wichtiger denn je. Das zeigt ein Schachzug von Sony, wodurch viele Kunden digitaler Kopien den Zugang zu ihren gekauften Inhalten verloren haben.
Ich denke allerdings, Netflix und Co. haben uns von den Scheiben zu sehr entwöhnt. Ich bin das beste Beispiel. Ich wollte einst die Filmbibliothek zu Hause, aber Streaming hat objektiv betrachtet zu viele Vorteile, als dass ich das nicht mehr wollte und schon gar nicht brauchte.
- Die Auswahl bei einem einzigen Anbieter ist größer als jede noch so große (physische) Filmsammlung.
- Scheiben nehmen Platz im Schrank weg, Netflix auf dem TV oder Fire TV-Stick nicht.
- In der Summe ist es immer noch günstiger, ein Monatsabo zu buchen, als sich einzelne Serienstaffeln oder Filme zu kaufen.
Zum Vergleich: Netflix’ teuerster Tarif kostet 20 Euro im Monat. Die erste Staffel von Arcane kostet 40 Euro auf Amazon – und dann ist es noch nicht einmal 4K-Auflösung.
Am Ende wird der Besitz von Inhalten wohl das Zünglein an der Waage sein. Ich merke es an mir: Die Auswahl an Titeln ist in Gänze betrachtet mittlerweile so groß, dass ich nur noch ganz vereinzelt Disks kaufe, wenn ich einen Film oder eine Serie wirklich wirklich mag. Aber das Thema Übersättigung hebe ich mir für einen anderen Tag auf.
Wo führt das noch hin?
Klar, in die Zukunft schauen kann ich nicht. Was uns ein Blick zurück verrät, ist: Streaming hat himmelhochjauchzend begonnen und kracht im Sturzflug auf den Boden der Tatsachen zurück – und auf dem steht »Pay-TV« geschrieben.
Dank Netflix hatten wir alles auf einmal und zu jeder Zeit – und das war super! Jetzt müssen wir uns wieder zwischen Bezahlinhalten entscheiden, oftmals Werbung aussitzen und dann auch noch hoffen, dass der Streamer nicht unsere Lieblingsserien absetzt oder aus dem Programm nimmt.
Streaming ist zu dem geworden, was es überflüssig machen wollte. Alles, was Netflix und Co. einst ausgemacht hat, wurde nach und nach zurückgenommen, sodass Streaming sich kaum noch von Pay-TV unterscheidet.
Ich sagte zwar, dass ich nicht in die Zukunft sehen kann, versuchen will ich es trotzdem. Folgende Szenarios kann ich mir vorstellen.
- Streaming degeneriert noch weiter und wird vollends zu Pay-TV. Dann wäre der Kreis geschlossen und es müsste ein neuer Anbieter her, der ihn wieder durchbricht. Netflix 2.0, die Neuentdeckung des Streaming, quasi und dann geht der Kreislauf wieder von vorne los.
- Streaming reduziert und besinnt sich. Einige Anbieter könnten pleite gehen, der Markt dünnt sich aus und die Lage stabilisiert sich ungefähr auf einem Niveau, auf dem wir uns jetzt befinden.
- Streaming wird zu Pay-TV, aber schlimmer. Wie wäre es mit noch mehr Werbung? Oder zusätzliche Kosten für gehypte Serien? Oder ein Obolus, den man immer dann zahlt, wenn man seinen Account reaktivieren möchte, weil Nutzer zu viel abonnieren und de-abonnieren? Damit würde Streaming endgültig zum Sith-Lord aufsteigen.
- Von fünf Streamingdiensten auf einen: Wie mich Netflix, Disney und Co. enttäuscht haben
- So habe ich meine Streaming-Abos drastisch reduziert und spare fast 50 Euro im Monat
Eine letzte zynische Variante fällt mir da noch ein: Was haltet ihr von großen Streaming-Häusern? Also, solche, wo man dann mit Freunden hingeht, 15 Euro fürs Streaming-Ticket zahlt, und Snacks und Getränke könnt ihr dort auch kaufen. Dann schaut ihr gemeinsam einen Film in einem großen Streaming-Saal, während ihr Popcorn futtert. Wenigstens sind wir dann wieder öfter im Kino.

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