Was der Erfolg von WoW Classic über uns Spieler verrät

Auf Google suchen derzeit mehr Leute nach World of Warcraft als nach Fortnite. Für GameStar-Chefredakteur Heiko ist das ein wichtiges Signal an die gesamte Spielebranche.

von Heiko Klinge,
27.08.2019 15:12 Uhr

Der Erfolg von WoW Classic ist für Heiko der endgültige Beweis, dass es sich mehr als lohnt, Spiele speziell für die Zielgruppe 30+ zu entwicklen. Wenn man es richtig macht.Der Erfolg von WoW Classic ist für Heiko der endgültige Beweis, dass es sich mehr als lohnt, Spiele speziell für die Zielgruppe 30+ zu entwicklen. Wenn man es richtig macht.

Erst vor wenigen Tagen habe ich auf dem gamescom congress einen 15-minütigen Vortrag gehalten, in dem es sinngemäß darum ging, warum jeder eine gepaddelt bekommt, der mich als »Gamer« bezeichnet. Denn genauso gut könnte er mich auch Leser, Hörer oder Schauer nennen. Und okay, möglicherweise kam ich mir dabei vor wie ein alter Meckeropa.

Aber Computer- und Videospiele durchziehen längst alle Schichten der Gesellschaft und sind entsprechend seit Jahren der Phase entwachsen, in der man alle, die in irgendeiner Form Spiele mögen, unter einem Sammelbegriff zusammenfassen kann. Oder sollte. Metal- und Schlagerfans sind schließlich auch allesamt Musikfans, haben ansonsten aber in der Regel nur wenig gemein.

Neulich habe ich in einem Interview auf einer Marketing-Fachseite lesen dürfen, dass ich in neun Jahren offiziell als Silver Gamer gelte. Als ob ich mit 50 irgendwie anders zocken würde als jetzt! Und mit 70 bin ich dann ein Golden Gamer?

Plus-Report: Ältere Spieler – Rise of the Silver Gamer

Fakt ist: Wer sich einmal in Computer- und Videospiele verliebt hat, der gibt ihnen nicht plötzlich den Laufpass, nur weil er älter wird. Vielleicht ändern sich Spielgewohnheiten, -zeiten oder möglicherweise auch der Geschmack. Aber nicht die Faszination und Liebe für Spiele! Ich werde nicht damit aufhören, solange ich atme. Genauso wenig wie ich mit Musikhören, Lesen oder Fußballschauen aufhören werde.

Der Autor
GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge ist Jahrgang 1977 und hat 1984 seine Faszination für Computer- und Videospiele entdeckt. Los ging es auf dem Commodore Plus 4 seines Vaters und simpelsten Basic-Spielchen. Später bekam er einen C64 geschenkt samt Diskettenkasten voller ... ähem ... Sicherungskopien. Seinen ersten eigenen PC kaufte er sich allerdings erst 1998 beim Umzug in die erste eigene Bude. Glücklicherweise war auch der Nachbar oben drüber Spielefan, weshalb flugs ein Loch durch die Decke gebohrt wurde, um beide Rechner per LAN-Kabel zu verbinden.

Verdammt, ich werde alt!

Aber ich bin anders mit Spielen aufgewachsen, als etwa Teenager, die sich heute täglich mit Freude in Fortnite stürzen. Ich höre auch andere Musik als sie, lese andere Bücher, schaue andere Serien. Verdammt, ich feiere gerade das neue Album von New Model Army, deren größter Hit »51st State« aus dem Jahr 1986 stammt. Ja, ich werde alt! Und ich verstehe beileibe nicht mehr alles, was die »Jugend von heute« cool findet. Genau wie meine Eltern nicht alles verstanden haben, was ich als Kind oder Teenager cool fand.

Was das jetzt alles mit dem Riesen-Hype um World of Warcraft: Classic zu tun hat? Es ist der finale und unumstößliche Beweis, welch riesiges Kundenpotenzial die Spielebranche jahrelang hat brach liegen lassen. Ja, natürlich gab's immer schon Remakes, Remasters oder Retro-Spiele. Aber viel zu häufig wurde dabei so getan, als sei das so ein Nischending für Liebhaber.

Aber spätestens der Erfolg von WoW Classic beweist: Das ist keine Nische, sondern ein gigantischer Markt, der vielleicht nicht die Jugend von heute abholt, aber Millionen von Spielern jenseits der 30, die genau auf solch ein Comeback gewartet haben.

Was ein Klassentreffen! – Unser ausführlicher Test zu World of Warcraft: Classic

Wo sind die Spiele für die Generation 30+?

Und Blizzard beweist noch etwas anderes. Nämlich dass es eine Lücke gibt zwischen aufwändigem Remake wie Final Fantasy 7 oder Resident Evil 2 und einer bloßen 1:1-Neuauflage. WoW Classic transportiert das Spielgefühl von 2005 in die Moderne, aber eben so, wie wir es in Erinnerung haben. Nicht so wie es tatsächlich war. Genau wie auch eine erfolgreiche Band ihre größten Hits für die Comeback-Tour behutsam anpasst, sodass die Fans ab der ersten Sekunde mitsingen können und es trotzdem zur modernen Bühnenshow passt.

2009 Wie sich die Altersverteilung auf unserem YouTube-Kanal von 2009 bis 2018 verändert hat. Rein quantitativ erreichen wir sogar deutlich mehr junge Spieler als vor zehn Jahren. Aber wer sich 2009 schon für Spiele interessiert hat, hört damit nicht plötzlich auf, nur weil sie oder er älter wird.

2018 Wie sich die Altersverteilung auf unserem YouTube-Kanal von 2009 bis 2018 verändert hat. Rein quantitativ erreichen wir sogar deutlich mehr junge Spieler als vor zehn Jahren. Aber wer sich 2009 schon für Spiele interessiert hat, hört damit nicht plötzlich auf, nur weil sie oder er älter wird.

Nicht falsch verstehen: Das letzte, was ich will, ist eine große Remake-Welle, auch wenn ich mich persönlich riesig auf Warcraft 3: Reforged und Command & Conquer Remastered freue. Aber ich möchte mehr Spiele, die sich an die Generation 30+ wenden. Die genau verstehen, was wir in den Neunzigern und Anfang des Jahrtausends an Spielen geliebt haben.

So wie der Dungeon Crawler Operencia, oder die Weltraum-Action Rebel Galaxy: Outlaw. Bislang halten vor allem Indie-Entwickler diese Fahne hoch. Es wird Zeit, dass nach Blizzard nun auch die anderen großen Publisher die Zeichen der Zeit erkennen. Wir sind alt genug!

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