Ich sehe zum ersten Mal schwarz für Grafikkarten und wenn es so weiter geht, will ich sie nicht mehr testen

Was rund um den RTX-5000-Launch passiert ist, war für Tech-Autor Nils nicht nur enttäuschend, sondern auch ein schlechter Fingerzeig für die Zukunft der GPUs.

Nach Einschätzung unseres langjährigen Tech-Autors Nils Raettig sieht die Grafikkartenzukunft vorerst nicht rosig aus. Nach Einschätzung unseres langjährigen Tech-Autors Nils Raettig sieht die Grafikkartenzukunft vorerst nicht rosig aus.

Ich spiele seit Anfang der 1990er auf dem PC und habe über 30 Grafikkarten für GameStar getestet. Neue GPU-Generationen wurden von mir stets mit Spannung erwartet, doch damit ist erstmals Schluss und ich bin ehrlich gesagt froh, dass inzwischen mein Kollege Alexander Köpf unser Haupttester ist.

Denn so, wie sich die Situation bei Gaming-Grafikkarten entwickelt hat, vergeht mir persönlich immer stärker die Lust daran, sie zu testen.

Das hat gleich mehrere Gründe. Erschwerend hinzukommt, dass viele der aktuell bestehenden Probleme alles andere als gute Fingerzeige für die Zukunft sind.

Nils Raettig
Nils Raettig

Nils ist mit seinem Einstieg im Jahr 2013 der dienstälteste Mitarbeiter im GameStar-Tech-Team, begonnen hat seine Arbeit als Tech-Redakteur aber nochmal drei Jahre früher bei der altehrwürdigen PC Praxis. Grafikkarten gehören dabei zu der Hardware, die er mit am häufigsten getestet hat. Doch was in den letzten Jahren bei Gaming-GPUs passiert ist, verleidet ihm mehr und mehr die Freude daran und derzeit blickt er eher pessimistisch in die Grafikkarten-Zukunft.

Dabei stimme ich Alex und seiner Kolumne grundsätzlich zu, laut der es ein Stück weit an der Zeit ist, umzudenken. Deshalb braucht es ein neues Ass im Ärmel der GPU-Hersteller, das sich in meinen Augen aber kaum abzeichnet.

Dabei ist mir vollkommen bewusst, dass Schwarz für etwas sehen ein starker Ausdruck ist. Ich persönlich halte ihn hier aber durchaus für angebracht.

Gleichzeitig gilt dennoch, dass es genauso gut ganz anders kommen kann als im Folgenden von mir skizziert. Und ich hoffe sogar sehr, dass ich mich irre.

Video starten 10:35 RTX 5090 lässt ihre Muskeln spielen - Kingdom Come: Deliverance 2 Gameplay in 4K

Die Gegenwart: Ernüchterung an allen Fronten

Wer unsere Tests und die Berichterstattung zu der neuen RTX-5000-Generation verfolgt hat, der weiß, dass man den Release in verschiedener Hinsicht als ernüchternd betrachten kann:

  • Das Performance-Plus ist gering: Das gilt bereits für das Flaggschiff RTX 5090 im Test, vor allem gemessen am großen FPS-Sprung der RTX 4090 im Jahr 2022. Besonders stark trifft es aber auf die RTX 5080 im Test zu, die demnach nur etwa 15 Prozent schneller als die RTX 4080 ist. Im Vergleich zu der RTX 4080 Super fällt der Performance-Sprung noch einmal kleiner aus, und bei der RTX 5070 wird es wohl ähnlich enttäuschend.
  • Multi Frame Generation ist kein Allheilmittel: Nvidia selbst setzt beim Marketing stark auf das neue Feature der Multi Frame Generation. Allerdings unterstützen nur vergleichsweise wenige Titel diese Technik und sie funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen wie ausreichend hohen Basis-FPS richtig gut, wie unser Test gezeigt hat.
  • Die Karten waren im Handumdrehen ausverkauft: Man musste viel Glück haben, um eine RTX-5000-Grafikkarte direkt zum Release zu bekommen, was auch mein eigener Erfahrungsbericht dazu beispielhaft deutlich macht. Selbst über eine Woche danach sind bei Händlern wie Alternate, Caseking, Mindfactory & Co. fast nie RTX-5000-Modelle zu finden, womit wir direkt zum nächsten Punkt kommen:
  • Die Preise sind (noch) viel zu hoch: Sowohl die RTX 5080 als auch die RTX 5090 werden bei direkter Verfügbarkeit auf Plattformen wie Ebay in aller Regel zu Kosten weit, weit oberhalb ihrer eigentlichen UVP angeboten. Im Falle der RTX 5090 sind sogar Angebote im Bereich von 5.000 Euro keine Seltenheit. Die besten Chancen auf vernünftige Preise hat man da noch bei Komplett-PCs.
  • Zum Problem der Scalper gesellen sich Betrüger hinzu: Unter dem Deckmantel des angeblichen Einsatzes gegen Scalper finden sich bei Ebay immer wieder betrügerische Angebote, die nur das Bild einer Grafikkarte verkaufen statt der Grafikkarte selbst. Schaut also ganz genau hin, falls ihr euch dort eine der neuen GPUs kaufen wollt.
  • Keine Konkurrenz für Nvidia in Sicht: Intel erreicht im Einsteigerbereich durchaus beachtliche Leistungen wie im Falle der Arc B580, doch darüber hinaus kommen sie bisher nicht. Beim Kampf um den Leistungsthron konnte AMD schon mit RX 7000 nicht mit Nvidia mithalten und für RX 9000 wird im Vergleich zu RTX 5000 das Gleiche gelten. Erschwerend hinzu kommt die RX-9000-Verschiebung auf März, die in der Community aus nachvollziehbaren Gründen für viel Unverständnis gesorgt hat.
  • Die Karten scheinen noch nicht ganz ausgereift zu sein: Sowohl Tester wie Igorslab und der8auer als auch einige private Nutzer berichten im Falle der RTX 5090 von Problemen mit schwarzen Bildschirmen beim Einsatz von PCI Express 5.0. Das lässt sich zwar meist beheben, indem zu PCIe 4.0 gewechselt wird. Bei einer GPU für offiziell 2.329 Euro und in der Praxis überwiegend deutlich mehr Geld sollte so etwas aber nicht passieren.

Das alles ist im Hier und Jetzt bereits ärgerlich genug, doch es kommt erschwerend hinzu, dass viele dieser Probleme meiner Einschätzung nach gekommen sind, um (wenigstens vorerst) zu bleiben.

Die Zukunft: Kaum Besserung in Sicht

Schauen wir uns einige der oben angesprochenen Punkte mit Blick auf nachfolgenden GPU-Generationen an, sieht es in meinen Augen nicht gerade rosig aus:

  • Fertigungsverfahren kommen an ihre Grenzen: Um die Rohleistung von Grafikkarten zu verbessern, spielen optimierte Fertigungsverfahren eine große Rolle, weil sie unter anderem einen effizienteren Betrieb und höhere Taktraten ermöglichen. Der Spielraum wird hier jedoch immer kleiner, was auch ein Grund dafür sein dürfte, dass Nvidia so stark auf das KI-Pferd setzt. Mehr dazu erfahrt ihr in Alex Kolumne Die scharfe Kritik an Nvidias RTX 5000 zeigt vor allem eines: Es ist Zeit, umzudenken.
  • Wir stehen noch ganz am Anfang der KI-Ära: Ganz egal, wie man aktuelle KI-Lösungen von Nvidia & Co. auch bewertet, ist eines aus meiner Sicht klar: Es wird noch Jahre oder sogar länger dauern, bis die entsprechenden Features so rund und uneingeschränkt hilfreich für das Gaming eingesetzt werden können, wie ich es mir wünschen würde, falls es überhaupt so klappt.
  • Nvidia verdient auch in Zukunft mit Abstand am meisten mit Profi-Karten: Der Fokus in der Produktion wird also weiter auf diesen (KI-)Modellen liegen. Gleichzeitig ist die Chip-Nachfrage durch verschiedene Großabnehmer wie Apple, Nvidia & Co. sehr groß, und auch wenn im Zuge der Chip-Krise neue Fabriken hochgezogen wurden, bleiben die Produktionskapazitäten begrenzt, erst recht mit Blick auf modernste Fertigungsverfahren. Sprich: Nach RTX 3000, 4000 und der auf CES 2025 vorstellten 5000er-Reihe dürften auch RTX 6000 & Co. mit schwierigen Launches zu kämpfen haben.

Video starten 1:05:29 CES 2025 - Tech-Highlights, NVIDIA Keynote zum RTX-5000-Launch & die EMOTIONALSTE Sphere-Show

  • Die Preise werden weiter steigen: Wenn Nvidia eines aus den vergangenen GPU-Generationen gelernt hat, dann dass es kein Problem ist, Stück für Stück mehr Geld zu verlangen. Das gilt zwar nicht für alle Modelle gleichermaßen, und es ist auch vor dem oft bestehenden Umstand der schlechten Verfügbarkeit zu beurteilen. Aber dass es kein Problem ist, bei Ebay RTX-5090-Karten für 5.000 Euro und mehr zu verkaufen, zeigt klar, wie sehr sich die Zeiten geändert haben.
  • AMD gibt wenig Anlass zur Hoffnung: Während AMD einen immer stärkeren Fokus auf die sehr erfolgreiche CPU-Sparte legt und vor allem im KI-Bereich Boden zu Nvidia gut machen will, sind sie im Gaming-Bereich schon seit Jahren meist keine echte Konkurrenz für Nvidias absolute Top-Modelle mehr. Immerhin bieten Radeon-GPUs gerne ein klar besseres Preis-Leistungs-Verhältnis, spürbaren Druck konnte das bisher aber nicht auf Nvidia ausüben.
  • Intel hat andere Sorgen: So erfreulich es auch ist, dass sich mit Intel inzwischen ein dritter nennenswerter Anbieter im Segment für Desktop-GPUs tummelt, so wenig ist meiner Einschätzung nach davon auszugehen, dass Intel hier in einem überschaubaren Zeitraum deutlich höhere Leistungsregionen erreichen kann. Dabei sind auch Intels anhaltende Schwierigkeiten in ihrer Kernsparte der Prozessoren zu bedenken, die für das Unternehmen klar im Mittelpunkt stehen dürften.

Bei allem Pessimismus muss ich allerdings einräumen, dass es in der Vergangenheit immer wieder besondere Weiterentwicklungen bei Grafikkarten gab, mit denen im Vorfeld nur bedingt zu rechnen war.

Die Hoffnung: Ein neues Ass im Ärmel

Video starten 9:05 Was ist DLSS? - Nvidias neue Kantenglättung im Detail erklärt - Nvidias neue Kantenglättung im Detail erklärt

Werfen wir einen kurzen Blick zurück, hatten die bisherigen RTX-Generationen alle mindestens ein Ass im Ärmel, das man besonders positiv hervorheben kann:

  • RTX 2000: Nvidias Turing-Grafikkarten aus dem Jahr 2018 boten erstmals DLSS-Unterstützung (siehe auch das Video dazu von damals oben). Bekanntermaßen hat sich das Upscaling längst etabliert, auch bei AMD (FSR) sowie Intel (XeSS), und das völlig zu Recht. Das gilt insbesondere deshalb, weil sich die Bildqualität dabei immer weiter verbessert hat und damit hohe Performance-Gewinne ohne große optische Nachteile möglich sind.
  • RTX 3000: Mit der Ampere-Generation von 2020 hat Nvidia die Shader-Einheiten clever überarbeitet und den Fokus auf FP32-Berechnungen (Gleitkommazahlen) gelegt, die in Spielen viel wichtiger sind als die INT32-Berechnungen (Ganzzahlen). So konnte die Zahl an Shader-Einheiten deutlich erhöht werden und damit auch die Leistung. Mehr dazu erfahrt ihr im Artikel RTX 3090 mit 10.496 Kernen: Nvidia erklärt, wie das möglich ist.
  • RTX 4000: Das enorme Leistungsplus der RTX 4090 von 2022 im Vergleich zu der RTX 3090 (Ti) hat Nvidia vor allem zwei Punkten zu verdanken: Sowohl die maximale Taktrate als auch die Höchstzahl an Shader-Einheiten hat sich mit der neuen Ada-Lovelace-Architektur samt verbesserter Fertigung drastisch erhöht. Für die aktuellen Blackwell-Karten gilt beides nicht, auch aufgrund des kaum veränderten Fertigungsverfahrens, was das deutlich geringere Leistungsplus mit erklärt.

Bleibt die Frage, auf welches Ass im Ärmel wir bei RTX 6000 & Co. hoffen können?

Die naheliegendste Antwort lautet KI. Allerdings habe ich ja bereits gesagt, dass diese Entwicklung meiner Einschätzung nach auch bei RTX 6000 oder RTX 7000 noch lange nicht so weit ist, dass KI überzeugend und ohne Pferdefüße in Spielen hilft (bis es sie irgendwann vielleicht sogar komplett eigenständig darstellt).

Mögliche Hoffnungsträger in diesem Bereich sind die neuen Neural Shader, die Nvidia mit RTX 5000 eingeführt hat. Vereinfach gesagt kann damit KI bei Aufgaben der klassischen Renderpipeline unterstützend eingreifen, was etwa für bessere Grafik und weniger Speicherbedarf sorgen soll.

Aber bis das großflächig in Spielen zum Einsatz kommt, werden wohl ebenfalls noch Jahre vergehen, falls es überhaupt je so kommt. Eine Einschätzung, die ich auch Kollege Alex zu verdanken habe, wie ihr in unserem neuen Video-Podcast zur RTX-5000-Generation sehen könnt:

Video starten 1:08:00 5.000 Euro für KI Trickserei? Die Wahrheit über Fake Frames

Im Falle von AMD könnte man die erfolgreiche Übertragung des Chiplet-Designs von den 2017 erstmals eingeführten Ryzen-Prozessoren auf die Radeon-Grafikkarten nennen.

Doch dass das bis jetzt nicht geschehen ist, spricht eher dafür, dass es zu schwer lösbaren Problemen kommt, wenn es um die Multi-GPU-Berechnung von Bildern in Echtzeit mit möglichst geringer Latenz geht. Nicht umsonst sind Crossfire und SLI mit vergleichbarem Grundansatz längst Geschichte.

Zu guter Letzt unterschätze ich möglicherweise, was sich durch verbesserte Fertigungsverfahren aus kommenden GPUs noch herausholen lässt. Aber alles in allem blicke ich nicht gerade zuversichtlich auf die Zukunft von Gaming-Grafikkarten.

Lasst mich gerne in den Kommentaren wissen, ob ich ein mögliches Ass im Ärmel übersehen habe und wie ihr die weiteren Entwicklungen bei RTX, Radeon & Co. einschätzt!

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