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Seite 2: Making Of: Anno 2070 - »Ist das euer Ernst?«

Das siebte Brainstorming

04.09.2009, Mainz, Related Designs

Eine Gruppe von acht Entwicklern trifft sich im großen Meetingraum von Related Designs zum Brainstorming über »Project Earth«, so der aktuelle Arbeitstitel des fünften ANNO-Teils. Es ist das siebte und letzte interne Brainstorming, mit dem wir die Ideen und Erwartungen des gesamten Entwicklungsteams von Related Designs erfassen.

Die Grundidee für das neue Szenario lieferte uns der Film Deep Blue: »Was wäre, wenn man im fünften ANNO die Welt der Zukunft nicht nur auf Inseln über Wasser, sondern auch auf Tiefseeplateaus erbauen könnte?« Die Grundidee für das neue Szenario lieferte uns der Film Deep Blue: »Was wäre, wenn man im fünften ANNO die Welt der Zukunft nicht nur auf Inseln über Wasser, sondern auch auf Tiefseeplateaus erbauen könnte?«

In Kleingruppen mit sechs bis neun Personen wird anhand von zuvor festgelegten Leitfragen über die Zukunft diskutiert. Jedes Teammitglied kann ausführlich seine Ansichten schildern. Wie stellt sich das Entwicklungsteam die Zukunft im Detail vor? Welche Ängste und Hoffnungen sind mit Gedanken an die Zukunft verbunden? Was erwartet man von einem Spiel, das die Zukunft abbildet?

Bei einem derartigen Brainstorming ist es wichtig, dass jeder Teilnehmer ausreichend Gehör findet, ohne das Gefühl zu haben, zu Diskussionsbeiträgen genötigt zu werden. Abschweifende Einlassungen werden vorsichtig wieder zum Ausgangsthema zurückgeführt. Ideen und Gedanken der Teilnehmer werden in dieser Phase nicht bewertet oder beurteilt. Wir erfassen alle relevanten Einträge schnell und effizient mit einer sogenannten Mindmap, die es ermöglicht, Gedankenketten und Themensprünge übersichtlich zu verwalten. Zeitgleich moderiere ich das Meeting und versuche, den kreativen Gedankenströmen der Teammitglieder regelmäßig Nahrung und Richtung zu geben. Wir diskutieren den Rohstoffhunger der Industrien, das Sterben der Sonne, Weltraumlifte, Unterwasserstädte, Klimakatastrophen, Nanotechnologie und Energiegewinnung. Die Möglichkeiten, die uns das neue Setting bieten würde, sind endlos.

Fiktive Dokumente aus der Zukunft wie dieser Evakuierungshinweis aus dem »schwarzen November 2034« helfen dabei, sich in das Setting und die Welt einzufühlen. Fiktive Dokumente aus der Zukunft wie dieser Evakuierungshinweis aus dem »schwarzen November 2034« helfen dabei, sich in das Setting und die Welt einzufühlen.

Als wir am Ende des Tages alle sieben Mindmaps der Brainstorming-Sitzungen der letzten Woche in einer Datei zusammenfassen und analysieren, wird uns bewusst, dass der Erkenntnisgewinn höher als erwartet ausfällt. Das freut uns insbesondere deswegen, da wir uns zunächst nicht sicher waren, ob eine derart aufwendige Teambefragung auch dem Aufwand entsprechende Ergebnisse liefern kann.

Sie kann. Zum einen liegen nun zahllose brauchbare Einzelideen vor und zum anderen, was noch wertvoller ist, erschließt sich uns langsam ein Bild davon, wie PC-Spieler das Thema Zukunft wahrnehmen und was sie davon im Spiel erwarten. So fällt uns etwa auf, dass die meisten Vorstellungen über die Zukunft, auch die Hoffnungen, auf aktuellen Ängsten fußen. Wir bemerken, dass die allgemeinen Annahmen über die Zukunft einen gemeinsamen Nenner besitzen, sich aber sehr stark unterscheiden, wenn es konkreter wird. Auch die häufige Gleichsetzung von Science Fiction mit dessen Sub-Genre Space Opera und viele andere wertvolle Hinweise werden beim Brainstorming augenfällig.

Die gewonnenen Erkenntnisse werden in das demnächst zu erstellende High Concept (eine Art Vorstufe des eigentlichen Designdokuments) mit einfließen. Wir sind einen entscheidenden Schritt weiter. Aber eine ganz wichtige Sache fehlt uns noch: die Einschätzung der ANNO-Fans. Eine Lücke, die in den nächsten Tagen geschlossen werden soll.

Fragebogen für die Fans

06.02.2010, Hamburg, Speicherstadt

Es wird Nacht vor Hamburgs stimmungsvoller Speicherstadt, aber auf Dutzenden von Monitoren leuchten noch immer die Städte und Flotten des Addons Anno 1404: Venedig. Mittags hatten die ANNO-Fans Gelegenheit, im angeregten Gespräch mit Entwicklern und Publisher ihre Eindrücke von ANNO 1404 und ihre Wünsche für die Zukunft zu äußern. Nachmittags und abends konnten sie dann vor einem der vielen PCs Stellung beziehen und selbst Hand an das Addon anlegen.

Auszug aus einer von sieben teaminternen Brainstorming Mindmaps während der Vorproduktion von ANNO 2070. Auszug aus einer von sieben teaminternen Brainstorming Mindmaps während der Vorproduktion von ANNO 2070.

Jetzt ist es Nacht, und kaum jemand ist gewillt, freiwillig seinen Platz zu räumen. Wir nutzen die Gelegenheit, um die anwesenden Fans zur Mithilfe aufzufordern und ihnen einen allgemeinen, anonymen Fragebogen zu ANNO vorzulegen. In diesem Fragebogen werden Aussagen zu ANNO getroffen, bei denen die Spieler einschätzen sollen, inwiefern diese für sie selbst zutreffend oder nicht zutreffend sind. Die Aussagen sind dabei stets Gegensatzpaare, etwa »Früher war ANNO gut, jetzt wird es immer schlechter!« oder »ANNO wird von Mal zu Mal besser!«. Den Fans macht es sichtlich Spaß, in der gemeinsamen Diskussion übereinstimmende Standpunkte zu finden, aber auch konträre Positionen zu bewerten.

Wir haben auch zahlreiche allgemeine Fragen untergebracht, die in direktem Zusammenhang zu unserer Bewertung der Chancen und Risiken des anstehenden Setting-Wechsels stehen. So wollen wir etwa wissen, inwiefern die Fans Aussagen wie den folgenden zustimmen: »Ein ANNO ohne Segelschiffe fände ich unpassend!«, »Ein ANNO in der Zukunft (es wurde auch nach Antike, Gegenwart und vielem mehr gefragt) könnte ich mir sehr gut vorstellen!« oder »ANNO sollte zukünftig ernste Themen behandeln.«

Bei der Auswertung des Datensatzes finden wir nicht nur die Ergebnisse unserer teaminternen Brainstormings gestützt, sondern auch zahlreiche interessante, neue Aspekte. So nimmt die Mehrheit der ANNO-Fans die Marke als sehr innovativ wahr. Ein weiteres ANNO im angestammten historischen Setting hingegen spaltet die Fanschar. Während sich die eine Hälfte darüber durchaus freuen würde, wäre die andere davon gelangweilt. Es finden sich deutliche Hinweise, dass eine messbare Skepsis gegenüber einem Zukunftsszenario weniger auf dem beruht, was wir vorhaben, als vielmehr auf dem, was die Fans mit »Zukunft« assoziieren. Wie schon in der Team befragung vermuten wir eine der Akzeptanz und Glaubwürdigkeit abträgliche Gleichsetzung von Science Fiction mit seinem Sub-Genre Space Opera. Diesen wichtigen Faktor werden wir in wenigen Tagen bei einer interessanten qualitativen Marktforschungsuntersuchung genauer in Augenschein nehmen können.

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