Mass Effect Andromeda hat 2022 eine zweite Chance verdient

Meinung: Mass Effect Andromeda hat auch 2022 noch viele Schwächen - als Nachfolger und Rollenspiel. Aber es bietet auch sehr viel, wenn man es 5 Jahre nach Release für sich betrachtet.

von Elena Schulz,
12.02.2022 09:18 Uhr

Andromeda ist für mich kein gutes Mass Effect. Das war es 2017 zum Release schon nicht und heute wird es seinem großen Erbe genauso wenig gerecht. Aber das muss es vielleicht gar nicht mehr. Jetzt, wo ein direkter Nachfolger für die alte Trilogie auf dem Weg ist, fällt es leichter, Mass Effect: Andromeda mit etwas Abstand ganz für sich zu betrachten.

Unter den ungelenken Animationen, unbeholfenen Dialogen und zum Teil generischen Aufgaben schlummert für mich ein überraschend kompetentes Sci-Fi-Rollenspiel, das trotz seiner Schwächen wegweisend für kommende Weltraum-Spiele wie Starfield sein kann, wenn es nicht mehr permanent im Schatten der heißgeliebten Trilogie steht.

Die Autorin: Elena (@Ellie_Libelle) war zum Release nicht gerade von Mass Effect Andromeda begeistert. Schon damals blitzte für sie immer wieder ein spaßiges Sci-Fi-RPG durch, das allerdings häufig von einem mäßigen Nachfolger überdeckt wurde - Charaktere, Story, Gefühle, nichts davon kam an Mass Effect ran. Mit etwas Abstand und Vorfreude auf das kommende Mass Effect 5, kann sie Andromeda nun aber viel mehr genießen. Ohne den Ballast der Serien-Tradition machen gerade die Kämpfe und das Erkunden der Open World auch 2022 noch großen Spaß.

Andromeda ist besser ohne Mass Effect

Mass Effect Andromeda ist vor allem gestolpert, weil es in so große Fußstapfen treten musste. Die konnte das Rollenspiel aber aus zwei Gründen nicht ausfüllen. Zum einen, weil es nie als Fortsetzung geplant war, sondern eben als Neuanfang. Und zum anderen, weil der Fokus nicht länger auf dem liegt, was Mass Effect für viele so großartig macht - Geschichte und Figuren.

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Den Vergleich muss es sich allein durch den Namen trotzdem gefallen lassen. Aber es wird ein deutlich besseres Spiel, wenn man ihn mal bewusst außer Acht lässt.

Aller Anfang ist schwer

Ich verstehe jeden Fan, der Jaal, Cora oder Peebee nicht mal auf den Planeten lässt, wo das Podest mit seinen drei liebsten Seriencharakteren steht. Aber die Begleiterriege von Andromeda hatte fairerweise auch nur ein Spiel lang Zeit, sich zu entfalten und nicht drei.

Bioware wollte hier ähnlich wie bei Mass Effect 1 den Grundstein für ein neues Abenteuer legen, das wahrscheinlich noch deutlich mehr interessante Facetten der Helden zu Tage gefördert hätte. Ihnen fehlt noch der nötige Tiefgang, aber die humorvollen Kabelleien während der Mako-Fahrten untereinander machen sie mir in Andromeda bereits sympathisch. Deshalb hätte ich mir so sehr direkte Fortsetzung gewünscht, die den neuen Helden gerecht wird:

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Auch Hauptfigur Ryder hat für mich eigentlich viel Potenzial. Im Gegensatz zu Shepard verfügt sie über keinerlei Militärerfahrung. Stattdessen wächst er oder sie langsam in die Rolle des Pathfinders hinein, um den Menschen die Hoffnung auf eine neue Heimat zurückzugeben.

Ryder hat nicht das Charisma von Shepard und den Begleitern fehlt es noch an Tiefgang. Trotzdem merkt man schon, wie viel Potenzial in der neuen Geschichte schlummert. Ryder hat nicht das Charisma von Shepard und den Begleitern fehlt es noch an Tiefgang. Trotzdem merkt man schon, wie viel Potenzial in der neuen Geschichte schlummert.

Große Welt, kleine Geschichten

Das verringert auch die Tragweite der eigentlichen Erzählung. Die Menschen sind zwar gestrandet und die finsteren Kett-Aliens wollen die Galaxie an sich reißen, ich bereite mich aber nicht auf einen gewaltigen Krieg vor, der das Leben in der gesamten Milchstraße auszulöschen droht. Andromeda stimmt öfter heitere Töne an und konzentriert sich auf die kleinen Dinge, statt das große Ganze.

Ich bin eine Entdeckerin, die eine Kolonie erschaffen möchte, was sich in dem widerspiegelt, was ich tue: Ich schlichte kleine Nachbarschaftsstreitigkeiten, suche Ressourcen, reinige Wasser. Die offenen Welten auf den Planeten stehen im Fokus. Die Geschichte zerfastert sich, weil ich meiner Abenteuerlust folgen und sie erkunden soll, statt mich an meine Beziehung zu einzelnen Charakteren oder ihr Schicksal zu klammern. Das macht es Andromeda fast unmöglich sich in diesem Punkt mit den Vorgängern zu messen.

Man merkt den Dialogen zudem an, dass in sie deutlich weniger Liebe geflossen ist. Viele Gespräche wirken nicht nur durch die hölzernen Animationen steif und weltfremd und die Story plätschert meist dahin, bevor sie in vorhersehbare Höhepunkte mündet. Das Sci-Fi-Rollenspiel brilliert vor allem, wenn man seine Vergangenheit ausblendet und sich auf das konzentriert, was es sein will: ein neues, unverbrauchtes Weltraum-Abenteuer.

Auf zu neuen Welten

Für mich bedeutet Science Fiction vor allem Aufbruch zu etwas Neuem und Unbekanntem, seien es fortschrittliche Technologien oder fremde Planeten wie in Andromeda. Nach drei Spielen weiß ich ziemlich genau, was mich in den nicht ganz so endlosen Weiten der Milchstraße erwartet, aber der Heleus-Cluster ist noch ein weißer Fleck auf der Weltraumkarte, der sofort meine Fantasie anregt:

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Gleich zu Beginn staune ich, als ich einen Blick aus dem Raumschifffenster werfe und die mysteriöse Geißel erblicke, deren Arme sich wie Tentakeln um unsere Arche zu winden scheinen. Wenig später lande ich auf Habitat 7, dem gelobten Land, das sich als von Blitzen durchzuckte Todesfalle entpuppt.

Schrecklich für die Menschen, die verzweifelt eine neue Heimat suchen, aber ich kann mich an den außerirdischen Landschaften voller fliegender Steine und Muschelgräser kaum sattsehen. Was ist hier passiert? Wer sind die Kett und warum greifen sie uns sofort an? Was sind das für uralte Ruinen, in denen Maschinenwesen hausen?

Habitat 7 ist lebensfeindlich, aber strahlt trotzdem eine raue Schönheit aus. Habitat 7 ist lebensfeindlich, aber strahlt trotzdem eine raue Schönheit aus.

Andromeda kitzelt meine Neugier, egal, ob ich mit dem Mako den Wüstensand auf Eos aufwirble, mich auf dem bergigen Kadara mit Piraten und anderen Tunichtguten anlege oder staunend den violetten Dschungel von Havarl durchstreife, bevor ich in die Riten und Gebräuche der dort heimischen Angara eingeweiht werde.

Genau das begeisterte mich damals schon an Mass Effect 1, obwohl ich viele Details aus Kodex-Einträgen herausfiltern musste und die Planeten nur matschige Texturwüsten waren. Aber beide Spiele geben mir das Gefühl, wie ein Wissenschaftler ein eine noch unbekannte Galaxie zu sezieren. Ich lerne neue Alienvölker kennen, muss die Beziehungen zwischen ihnen erst entschlüsseln, die Umgebung scannen und Ressourcen ausmachen, um irgendwann Außenposten oder gar eine ganze Kolonie zu errichten, die mich stets an unseren Traum vom Leben unter fremden Sternen erinnert.

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Genau den kann auch ein Starfield aufgreifen und mir ein frisches, unverbrauchtes Universum zum Erkunden geben, in dem mein Entdeckerdrang als Raumfahrer im Mittelpunkt steht - und immer noch wunderschöne, aber deutlich interaktivere Weltraumpanoramen in denen mich im Stil von Skyrim zig Sandbox-Geschichten überraschen.

Rollenspiel trifft Shooter

Natürlich hätte Andromeda noch mehr aus dieser Aufbruchsstimmung machen können. Es gibt nur zwei neue Alienvölker, viele Planeten sind im Prinzip unsere Erde mit neuem Anstrich und in der Open World begegnen mir generische Einkaufslisten genauso oft wie spannende Nebengeschichten. Die 100 Stunden auf meiner Erkundungsuhr hat sich das Sci-Fi-Abenteuer aber trotzdem verdient, was nicht zuletzt am großartigen Shooter-Gameplay liegt.

Bioware hat ordentlich das Tempo hochgedreht: Ich pausiere das Spiel nicht länger, kauere hinter der Deckung und kommandiere meine Team-Kameraden, sondern ballere, während ich über das Schlachtfeld flitze. Blitzschnell katapultiere ich mich per Jetpack in die Luft und löse dort einen Biotik-Wurf aus, der den überraschten Gegner aus den Latschen haut, bevor ich zum nächsten springe und ihm die Energieklinge ins chitingepanzerte Gesicht haue.

Die flotten Gefechte machen großen Spaß, weil man sich nicht länger nur hinter Kisten und Mauern verschanzt. Die flotten Gefechte machen großen Spaß, weil man sich nicht länger nur hinter Kisten und Mauern verschanzt.

Skills und Waffen lassen sich erstmals austauschen und kombinieren, ich darf also mit sämtlichen Klassen und ihren Stärken experimentieren. Auch wenn Entscheidungen und Dialoge der Trilogie nicht immer das Wasser reichen können, darf Mass Effect so spielerisch in Andromeda wirklich glänzen.

Obwohl dass Sci-Fi-Rollenspiel viele Fans als Nachfolger nicht glücklich machen konnte, ist es für mich fünf Jahre später nochmal einen Blick wert. Gerade, wenn man nicht ständig den Vergleich zu den Vorgängern zieht und sich wie bei Dragon Age Inquistion bewusst auf die stärken konzentriert. Lässt man sämtliches Füllmaterial weg, erwartet einen ein wirklich kurzweiliges Weltraumabenteuer.

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