MHW: Iceborne - Ich fühle mich beim Spielen schlecht, obwohl ich Spaß habe

Elena ist ein Riesenfan von Monster Hunter, findet aber, dass es sich das Action-Rollenspiel in einem entscheidenden Punkt zu einfach macht.

von Elena Schulz,
10.01.2020 15:02 Uhr

Elena fragt sich, wer in MHW: Iceborne eigentlich wirklich das Monster ist. Elena fragt sich, wer in MHW: Iceborne eigentlich wirklich das Monster ist.

Monster Hunter World war mein Einstiegspunkt in die komplexe Reihe rund um die Jagd auf gigantische Bestien. Das liegt zum einen an den vielen Komfortfunktionen, die in den sperrigen Handheld-Vorgängern fehlten, zum anderen an der deutlich ansprechenderen Grafik. Schon das Hauptspiel bietet mir fordernde Missionen, spaßigen Waffen und schicke Rüstungen. Die neue Iceborne-Erweiterung legt mit dem noch anspruchsvolleren Meisterrang und vielen neuen Monstern jetzt sogar noch mal eine Schippe drauf.

Eigentlich müsste ich als neuer Fan also rundum glücklich sein. Eine Kleinigkeit lässt mich beim Spielen aber nicht mehr los: Warum jagen wir überhaupt Monster?

In den meisten Fällen vermitteln Spiele mir hier ein klares Weltbild: Ich bin die Gute und muss die bösen Monster, Nazis, Banditen, Aliens und so weiter auslöschen. Denn sie sind selbstverständlich die Schurken und machen fiese Sachen. Mal wird mir das gezeigt, mal erlebe ich es am eigenen virtuellen Leib, mal wird mir zumindest davon berichtet, damit das Feindbild auch wirklich klar ist.

In Monster Hunter World ist das anders. Schon der Titel des Spiels macht zwar meine Aufgabe klar - ich soll Monster jagen - aber ein Feind existiert damit nicht automatisch. Je länger ich spiele, desto bewusster wird mir, dass es hier eigentlich keinen Bösen gibt. Ich kämpfe nicht gegen eine höhere Macht oder ein Unrecht und will die Welt verbessern. Ich mache einfach nur meinen Job, ohne ihn moralisch zu hinterfragen.

Im Testvideo erfahrt ihr übrigens nicht nur unsere Meinung zu Iceborne, sondern seht auch die Jagd in Aktion:

Monster Hunter World: Iceborne - Testvideo 9:44 Monster Hunter World: Iceborne - Testvideo

Vom Jäger zum Gejagten

Richtig bewusst wird mir das erst mit Monster Hunter World und Iceborne, obwohl ich auch in frühere Teile wie Monster Hunter 4 Ultimate auf dem DS schon reingespielt habe. Aber weil Grafik und Animationen jetzt auf dem neusten Stand der Technik sind, wird das Leid der Monster, die ich angreife, erst richtig sichtbar.

Zum Beispiel bei der Jagd nach Kulu-Ya-Ku, eine Art Mischung aus einem Raptor und einem Dodo. Obwohl die Kreaturen clever genug sind, Werkzeuge wie Steine zu benutzen, wirken sie die meisten Zeit über etwas dümmlich und verloren. Und kein bisschen aggressiv. Zumindest hat mich noch kein Exemplar dieser Art von alleine angegriffen, das tun überhaupt nur wenige Monster im Spiel. Im Gegenteil, jedes Mal stapft der Riesenvogel fast vorsichtig an mir vorbei und würdigt mich keines Blickes.

Kulu-Ya-Ku wirkt ein bisschen, wie ein großes Huhn - vor allem aber wirkt es nicht sehr bedrohlich. Kulu-Ya-Ku wirkt ein bisschen, wie ein großes Huhn - vor allem aber wirkt es nicht sehr bedrohlich.

Greife ich ihn an, versucht er verzweifelt, sich zu verteidigen. Irgendwann beginnt er dann zu schwitzen und zu keuchen, bevor er in sein Nest flieht, um sich zu heilen. Dort kann ich ihn friedlich schlummernd erneut attackieren, mit Bomben malträtieren oder auch (etwas gnädiger) in einer Falle fangen.

Je mehr Schaden ich austeile, desto wehmütiger und erbärmlicher wird das Bild, das mir die gegnerischen Monster bieten. Sie keuchen, zittern oder stürzen, während ihnen der Speichel aus dem Mund läuft. Selbst Giganten wie Anjanath verkommen zu wimmernden Geschöpfen, die mich fast um ihr Leben anzuflehen scheinen.

Bösartig wirken die Monster also wirklich nicht. Warum können wir nicht einfach friedlich mit ihnen zusammenleben? Die Antwort liefert zunächst einmal die Realität: Weil wir nun einmal Jäger sind, die seit jeher Tiere nutzen. Sei es für ihr Fleisch, ihr Fell, ihr Leder oder anderen praktische Eigenschaften. So ist es zum Teil auch in Monster Hunter: Wir töten die Kreaturen, um ihr Fleisch zu essen oder um uns bessere Ausrüstung aus ihnen zu schmieden.

Die verletzten oder getöteten Monster wecken in Elena eher Mitleid als ein Triumphgefühl. Die verletzten oder getöteten Monster wecken in Elena eher Mitleid als ein Triumphgefühl.

Kleinere Geschöpfe wie die Pepes werden in Iceborne zudem zu Nutztieren. Und auch untereinander gehen die Monster nicht gerade pfleglich miteinander um: Sie liefern sich Revierkämpfe, töten und fressen einander. Stürzt eine große Bestie, wird sie manchmal sogar augenblicklich von kleineren Tieren wie Wulgs überrannt, die einen Teil der fetten Beute abhaben wollen. So ist die Natur.


Elena Schulz
@Ellie_Libelle

Elena hat fast 500 Stunden in Monster Hunter World und Iceborne verbracht. Sie liebt es, sich mit Doppelklingen, Insektenglefe, Bogen oder auch Horn auf die riesigen Monster zu stürzen, ihre Angriffsmuster zu lernen und schließlich in den knallharten Bosskämpfen zu triumphieren. Trotzdem leidet sie immer mit den verletzten Monstern mit und tötet sie nur ungern. In der Realität ist Elena nämlich Vegetarierin und würde auf der Jagd eher mit Rehen kuscheln als sie in ein Mittagessen zu verwandeln.

Ungünstige Nachbarschaft

Ein weiterer Punkt wäre natürlich die Sport- oder Trophäenjagd. Das muss man nicht gutheißen, für manche Menschen bietet sie aber nun einmal einen Anreiz. In Monster Hunter wollen wir die Rüstungen und Waffen aber natürlich nicht (nur) aus optischen Gründen, sondern weil sie bestimmte Eigenschaften wie Elemente oder Skills beherbergen, die uns die Jagd erleichtern.

Oder es geht um das gezielte dezimieren bestimmter Bestände, wie das heutzutage in der Realität zum Beispiel bei Rehen geschieht, weil sie in manchen Gegenden über keine natürlichen Feinde wie Wölfe mehr verfügen. Die Jagd an sich rechtfertigt also schon ein Stück weit das Töten der Monster.

Hinzu kommt, dass mir bei manchen Quests tatsächlich ein Grund angegeben wird. Im Fall von Kulu-Ya-Ku und Anjanath soll ich eine mögliche Bedrohung für das Camp in dieser Gegend beseitigen. Auch sonst wird in der Serie immer wieder von Monstern-Angriffen auf Dörfer oder Menschen berichtet. Egal ob provoziert oder nicht, ein Stück weit dient die Jagd also auch dem Schutz der Bevölkerung.

Bei anderen Kreaturen wie dem mächtigen Drachenältesten Velkhana kommt noch hinzu, dass sie in fremde Ökosysteme eindringen und sie bedrohen - wir bekämpfen sie also, um das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen und schützen damit die Natur. Das alles kann man sich relativ leicht erschließen. Ich wünschte nur, Monster Hunter würde mir mehr davon im Spiel zeigen, damit ich die Monster wirklich als Bedrohung wahrnehme.

Monster Hunter spricht am Rande an, dass wir unsere Siedlungen und Camps gegen die Monster verteidigen müssen. Monster Hunter spricht am Rande an, dass wir unsere Siedlungen und Camps gegen die Monster verteidigen müssen.

Kein Job für Helden

In Monster Hunter World führt uns die Story als Abenteurer in die neue Welt. Wir bewundern ihre Schönheit und auch die Kreaturen, die in ihr Leben. Und töten sie trotzdem kompromisslos und ohne es zu hinterfragen. Dabei entsteht hier ein spannender Konflikt. Müssen wir die Monster wirklich töten? Dürfen wir es so leichtfertig, obwohl wir die Eindringlinge sind?

Monster Hunter zeigt durchweg einen Menschen, der sich einfach nimmt, was er will und sich die Natur zu eigen macht. Selbst, wenn wir Monster nur fangen, stecken wir sie danach in eine Arena, um sie dort zu erlegen. Wir erforschen die Monster zwar und lernen mehr über sie, aber die Schlussfolgerung scheint immer die gleiche zu sein: Sie müssen weg.

Mir geht es nicht darum, das grundsätzlich zu verurteilen. Ein Friede-Freude-Eierkuchen-Monster-Hunter, in dem ich durch den Wald tänzle, Fotos mache und anschließend einen Salat esse, wäre natürlich nicht so interessant wie der Kampf gegen gigantische Ungeheuer. Aber ich finde, dass die Reihe hier viel Potenzial liegen lässt. Man hätte die Monster schließlich problemlos als brutale Bestien darstellen können, die alles und jeden niedermähen. So sind sie einfach nur sehr große Tiere.

Gerade weil das so ist, weil es keine Bösen gibt, wünsche ich mir, es würde mehr dahinterstecken. Ich wünsche mir, dass zukünftige Spiele das aufgreifen, hinterfragen und dem Spieler noch deutlicher vor Augen führen, was er da gerade tut. Dazu würde es schon reichen, wenn hier und da NPCs und Story-Sequenzen mehr Hintergründe zur Jagd liefern.

Hat Beotodus gerade ein Lager angegriffen und ein paar Jäger getötet? Gibt es einfach zu viele Banbaro in der Gegend? Dann wäre für mich deutlich besser nachvollziehbar, warum ich ihnen den Garaus machen soll. Oder zeigt mir doch einfach mal ein eine wild gewordene Bestie, die vor meinen Augen Mauern einreißt und hilflose Menschen attackiert. Wenn nicht das, dann lasst mich doch einfach mal spüren, dass ich vielleicht absolut egoistisch und ignorant handle - und dabei auch noch meinen Spaß habe.

Für mich haben die oben aufgeführten Aspekte zumindest bereits dafür gereicht, dass ich mit einem ganz anderen Bewusstsein an das Spiel herangehe. Während ich in vielen Spielen einen Helden verkörpern darf, bin ich in Monster Hunter keiner.

Mehr zu Monster Hunter World:

Hinweis:
Dieser Artikel erschien eigentlich 2018 auf Elenas Blog The Last Pixel, wo sie privat über Spiele und interessante Geschichten drumherum schreibt und auch passende Videos erstellt. Zum Release von Iceborne haben wir den ursprünglichen Text leicht angepasst.


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