The Witcher 1 ist in drei Punkten besser als The Witcher 3

Meinung: The Witcher 1 gilt als eckiger, kantiger, rauer Erstversuch für CD Projekts Rollenspiel-Epos. Doch in manchen Punkten ist es bis heute das beste Spiel der Witcher-Reihe.

Gebt The Witcher 1 eine Chance. In manchen Punkten ist es bis heute wegweisend. Gebt The Witcher 1 eine Chance. In manchen Punkten ist es bis heute wegweisend.

The Witcher 1 wird von seinen Nachfolgern gnadenlos überschattet. Völlig nachvollziehbar. Schon The Witcher 2 brauste im Vergleich zum altbackenen, rostigen Erstversuch von CD Projekt wie ein schnittiger Sportflitzer durch die Gaming-Landschaft. Und dann donnerte The Witcher 3 wie ein Düsenjet heran, um wirklich Allem die Show zu stehlen. Geralts großes Finale katapultierte das polnische Entwickler-Team an die Spitze der Triple-A-Branche. Über The Witcher 1 redet dabei niemand mehr.

Was sind die Witcher-Wochen bei GameStar?

Weil Cyberpunk 2077 verschoben wurde, haben wir uns einfach den ursprünglichen Release am 16. April geschnappt, um noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen. Die nächsten zwei Wochen widmen wir ganz dem Open-World-Epos The Witcher 3 und nehmen euch mit auf eine virtuelle Reise durch Novigrad, Velen, Skellige und Co. um die Geheimnisse und Geschichten zu ergründen, die CD Projekts Meisterwerk so einzigartig und besonders machen. Egal ob in Artikelform, als Video und Livestream und natürlich auch als Podcast.

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Übrigens auch hier in der Redaktion nicht. Ein paar Kollegen wollten sich anlässlich der Neflix-Serie die volle Witcher-Dröhnung verpassen und mit dem Erstling anfangen. Doch The Witcher 1 schreckt ab. Es sah damals schon detailarm aus, Kämpfe, Rollenspiel-Mechaniken, Menüführung, die albernen Sex-Kärtchen - all das ist alles andere als gut gealtert. Und war ohnehin nie wirklich herausragend. Also ließen die Kollegen das Ding prompt wieder links liegen.

Ein großer Fehler! Wer Ecken und Kanten verzeiht, statt sich an ihnen zu stoßen, findet in The Witcher 1 auch 2020 noch ungeschlagene Exzellenz. Und ich weiß, wovon ich rede, denn für unseren großen Witcher-Podcast habe ich mir den gesamten Witcher-Kanon (inklusive aller Bücher) am Stück reingezogen. Im Plus-Podcast findet ihr viele Punkte aus diesem Artikel hier nochmal in aller Tiefe. Meine These: In drei Bereichen lebt The Witcher 1 Stärken vor, die selbst das famose The Witcher 3 nicht derart gut hinbekommt.

Das Open-World-Meisterwerk bringt dafür ja genug andere Stärken mit, beispielsweise die große Detailverliebtheit:

Die wird übrigens auch beim Vegelbud-Anwesen sichtbar, das ihr vielleicht zu unrecht als bloße Kulisse abgestempelt habt.

Die drei großen Asse von The Witcher 1

Der Autor: 2007 hat sich Dimi bereits wie Bolle auf den Release von The Witcher gefreut - nur um dann festzustellen, was für ein verbuggtes Fiasko da in den Ladenregalen stand. Erst mit der Enhanced Edition ließ sich Geralts Abenteuer wirklich sauber durchspielen. Doch nach dem ersten Durchgang verlor Dimi für viele Jahre das Interesse am Hexer - bis die Podcast-Kollegen Maurice und Micha ihn gewaltsam nötigten, die gesamte Reihe inklusive aller Bücher am Stück zu konsumieren. Jetzt ist Dimi ein Fan. Ehrlich.

1. Die Atmosphäre ist zum Schneiden dicht

Die Welt des Hexers ist ein herrlich düsterer Gegenentwurf zur klassischen High Fantasy. An der Grenze warten keine Horden von Orks, die Monstrositäten finden sich in der Gesellschaft selbst, verborgen im Sumpf - oder in den niederen Absichten der Menschen, Zwerge, Elfen. The Witcher 3 zeigt in seinen besten Momenten genau diese Abgründe - etwa in der unvergesslichen Familienangelegenheiten-Quest. Apropos:

Warum die beste Witcher-Quest gerade 2020 so wichtig ist Video starten 11:25 Warum die beste Witcher-Quest gerade 2020 so wichtig ist

Doch in den Weiten der Open World wirkt The Witcher 3 häufig trotzdem wie ein High-Fantasy-Epos. Hinter jedem Busch verstecken sich Ertrunkene, Erscheinungen & Co., damit Geralt was zu tun hat. Viele Quests tragen uns bloß auf, diese Monster um die Ecke zu bringen. Die potenziellen menschlichen Abgründe vieler Orte kommen kaum zur Geltung, weil wir in Dorf »XY« bloß eine Quest erledigen und weiter geht's.

Damit ihr dabei keine coolen Orte oder Begegnungen versäumt, solltet ihr mal einen Blick in unseren großen Reiseführer zu Witcher 3 werfen, falls ihr aktuell einen neuen Durchgang startet oder zum ersten Mal mit Witcher 3 loslegt.

The Witcher 1 zieht uns über das gesamte Abenteuer hinweg in seine dreckige Realität, ist ein einzigartiger Mix aus Film-Noir-Atmosphäre, Horror und Dark Fantasy. Bereits im Startgebiet werde ich in einen Sumpf aus Rassisten, Mördern und Betrügern geworfen - irgendwo im Dickicht lauern Bedrohungen, die ich noch gar nicht greifen kann. Die Halsabschneider der Gossen von Wyzima bleiben mir bis heute in Erinnerung, weil ich über das gesamte Abenteuer hinweg immer wieder mit ihnen zu tun hatte.

Und erst am Ende der Kampagne erfahre ich überhaupt alle Zusammenhänge. Dass der Hauptmann der Wache gleichermaßen Monster und Held ist. Dass der Hehler Thaler ein geheimes Doppelleben führt. Dass die Wachen aus dem Umland von Wyzima noch schlimmere Drecksäcke sind, als ich zu Beginn vermutet habe. Natürlich muss The Witcher 1 auch genau in diesem Bereich spannend bleiben, weil die Welt vergleichsweise klein ausfällt und ich viel Zeit in den immer gleichen Gebieten verbringe. So wurde aus der Not eine Tugend.

2. Das Finale passt besser zu The Witcher

Und um diesen Punkt mal exemplarisch zu belegen: Das Finale von The Witcher 1 passt viel besser zur grauen Moral der Buchvorlage als das High-Fantasy-Spektakel der Hauptquest von The Witcher 3. Am Ende des ersten Teils liegt Wyzima in Trümmern, weil die Angst der Menschen, Elfen und Zwerge sich in einem fanatischen Gemetzel entlädt.

The Witcher 1 sah noch nie sonderlich sexy aus, doch das hintert das Spiel nicht an unvergesslichen Story-Momenten. The Witcher 1 sah noch nie sonderlich sexy aus, doch das hintert das Spiel nicht an unvergesslichen Story-Momenten.

Und inmitten dieses Chaos' muss Geralt einerseits gegen eine übernatürliche Bedrohung kämpfen (die Wilde Jagd), andererseits gegen einen fanatischen Ordensführer, den ich im Lauf des Spiels unwissentlich sogar selbst herangezogen haben. Denn Jacques de Aldersberg ist der kleine Alvin, den ich im Lauf der Kampagne rette und belehre.

Hier laufen so viele Ebenen ineinander - und egal, wie gut ich als Geralt spiele: Am Ende gibt es ein Massaker. Ich verhindere bloß das noch größere Übel und wähle die Seite, die ich für am wenigsten furchtbar halte. Wo ich am Ende von The Witcher 3 bloß ein riesiges (wenn auch episches!) Hauen und Stechen zwischen Wilder Jagd und meiner eigenen Armee bekomme, vereint das Finale von The Witcher 1 alle Besonderheiten des Hexer-Universums in sich.

3. Härtere Entscheidungen, spannendere Fragen

In all seiner Größe bot The Witcher 3 bloß eine Handvoll wirklich knifflige Entscheidungen. Wen unterstütze ich beim Banküberfall in Hearts of Stone? Und soll der Liebhaber wirklich die Pestmaid küssen, um sie vom Fluch zu befreien, dabei aber selbst sterben? Die ganz großen Konsequenzen ergaben sich in The Witcher 3 ohnehin oft durch unscheinbare Nuancen in den Gesprächen von Geralt und Ciri.

In The Witcher 1 ist das anders. Hier muss ich mich permanent zwischen zwei Seiten entscheiden, die sowohl grausam, als auch nachvollziehbar handeln. Der Orden der Flammenrose sorgt mit drakonischen und rassistischen Methoden für Ordnung, die rebellischen Scoia'tael scheuen allerdings ebenso wenig unschuldige Opfer, um die Menschen zu bestrafen. Anders als in The Witcher 2 muss ich diese Entscheidungen für oder gegen die Elfen immer wieder neu treffen. Und am Ende kämpfe ich im Massaker von Wyzima gegen die eine, die andere oder gar beide Seiten. Einen vierten Weg gibt's nicht.

Wer sich für den jungen Ritter Siegfried von Denesle entscheidet, muss zwangsläufig gegen Elfen und Zwerge vorgehen. Wer sich für den jungen Ritter Siegfried von Denesle entscheidet, muss zwangsläufig gegen Elfen und Zwerge vorgehen.

Abseits dieser harten Entscheidungen stoße ich in The Witcher 1 auf so viele coole Mysterien. Was hat's mit Mündel Alvin auf sich, der durch die Zeit reist und als Endgegner wiederkommt? Welches Spiel spielen Triss und die Zauberinnen wirklich? Wie geht's mit dem Orden der Flammenrose weiter? Wer ist die Herrin im See, die Wilde Jagd und, und, und?

Natürlich hinkt hier der Vergleich, weil The Witcher 3 als Finale freilich eher Antworten als weitere Fragen liefern soll. Und in seinen Nebenquests ja ebenfalls viele spannende Themen anschneidet. Aber die Hauptquest von Geralts epischem Finale war dann doch bis zum Showdown eine ziemlich klassische Fantasy-Mär, die eher durch Nebenfiguren wie den Blutigen Baron überrascht. Erst mit den Addons und Figuren wie Gaunter O'Dimm oder Dettlaff kehrt ein wenig von dieser Magie zurück.

Nicht falsch verstehen: Mir geht's hier überhaupt nicht darum, The Witcher 3 über The Witcher 1 schlecht zu reden. Alle Hexer-Spiele sind auf ihre eigene Art und Weise herausragend - und der dritte Teil erbt natürlich viele Stärken des Erstlings. Ich will bloß eine Lanze dafür brechen, dem Klassiker eine Chance zu geben, auch wenn er seinen Charme erst beim dritten, vierten Hinsehen entfaltet. Es lohnt sich.

Stöbert doch noch ein bisschen weiter in den Witcher-Wochen, wenn euch das Lust auf mehr gemacht hat. Wir lüften mit CD Projekt zum Beispiel Geheimnisse, die noch niemand über das Spiel wusste. Und bei GameStar Plus erzählen wir euch von kuriosen Bugs währen der Entwicklung von The Witcher 3 oder coolen Features, die es nicht ins Spiel geschafft machen.


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Um die Fragen beantworten zu können, müsst ihr euch allerdings nicht nur mit The Witcher 3 auskennen, sondern auch unsere Artikel der Themenwoche aufmerksam lesen.

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