Warum der Beta von Valorant etwas Entscheidendes fehlt

Riot konzentriert sich mit seinem CS:GO-Konkurrenten aufs Wesentliche, lässt dabei aber eine große Chance aus, die den Shooter noch mehr vom Wettbewerb abheben könnte, findet Heiko.

von Heiko Klinge,
07.04.2020 16:32 Uhr

Da ist er wieder, mein alter grummeliger Freund »Verständnislosigkeit«: Die halbe Welt dreht durch vor Begeisterung und ich kapiere einfach nicht warum. Dieses Mal überschlagen sich die Superlative zum neuen Riot-Shooter Valorant, der gerade in die Beta startet. Selbst der geschätzte und eigentlich eher von Natur aus skeptische Kollege Phil schreibt in seiner Preview-Kolumne zu Valorant:

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Kann sogar gut sein, dass er damit Recht behält, wenn ich mir anschaue, welches Interesse der Multiplayer-Shooter jetzt schon hervorruft - egal ob auf Twitch, YouTube oder GameStar.de. Und ja, spielmechanisch mag das Teil tatsächlich der heißeste Scheiß seit der Veröffentlichung einer kleinen Shooter-Mod namens Counter-Strike sein.

Trotzdem oder gerade deswegen stehe ich bei all der Begeisterung nur kopfschüttelnd daneben und frage mich, wie Riot jemanden wie mich derart komplett vergessen und nicht abholen konnte.

Über den Autoren
GameStar-Chefredakteur Heiko fühlt sich zwar eher im Rollenspiel- und Strategie-Genre zuhause, ist aber auch der einen oder anderen Shooter-Runde nicht abgeneigt. Half-life und Jedi Academy gehören zu seinen absoluten Lieblingsspielen. Auch auf Overwatch hatte er sich eigentlich gefreut, weil er davon ausging, dass Blizzards Story-Kompetenzen selbst in einem Multiplayer-Shooter zum Tragen kommen könnten. Was bis heute nicht passiert ist. Aber Heiko erwartet eben auch von einem Multiplayer-Shooter mehr als nur pure Mechanik.

Wie Overwatch und Counter-Strike ist nicht genug!

Jetzt könnt ihr natürlich zu Recht fragen: Warum zum Geier erlaubt sich ein bekennender Schießspiel-Noob wie Heiko überhaupt eine Meinung zu einem kompetitiven Multiplayer-Shooter? Die einfache Antwort: Weil ich weiß, dass es dort draußen noch Millionen andere Shooter-Spieler gibt wie mich. Spieler, die durchaus immer mal wieder Bock auf zünftiges Online-Geballer haben, denen aber sowohl der Skill als auch die Zeit fehlt, um hier wirklich Ehrgeiz zu entwickeln.

Spieler, die schon kapieren, dass ein Multiplayer-Shooter nicht zwangsläufig eine Handlung auf Weltliteraturniveau benötigt, sich aber trotzdem gern in einer Spielwelt zuhause fühlen würden und mit ihren Helden identifizieren möchten. Die Mechanik mag noch so brillant sein, aber emotional holen mich die Spielszenen einfach nullinger ab, da können die Kollegen noch so begeistert sein:

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Diese Vernachlässigung meiner Shooterspieler-Spezies ist der eigentliche Grund, warum ich Counter-Strike nach ein paar launigen (und schmerzhaften) Bürorunden in der Mod-Phase seit 18 Jahren nicht mehr angerührt habe.

Und das ist der Grund, warum selbst das so leicht zugängliche Overwatch bisher komplett an mir vorbeiging. Mir will bis heute nicht in den Kopf, warum Blizzard die Story seines Shooters nie wirklich im Spiel, sondern fast ausschließlich außerhalb erzählt hat - so beeindruckend die separat veröffentlichten Renderfilmchen auch sein mögen.

Welche Marktlücke Riot ignoriert

Genau hier wäre aus meiner Sicht DIE Marktlücke für Valorant gewesen. Nämlich einen Shooter zu entwickeln, der mich nicht nur auf kompetitiver Ebene emotional mitnimmt (»So ein Scheiß, schon wieder verloren!«), sondern auch mit seiner Spielwelt, seinen Helden und auch dem einen oder anderen Erfolgserlebnis.

Und was macht Riot? Betont bei jeder Gelegenheit, dass die Mechanik das alles Entscheidende sei! Präsentiert mir ein generisches Zukunfts-Agenten-Szenario samt gleichermaßen generischer Helden, wie es mir kaum egaler sein könnte!

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Warum zum Geier investiert ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen sechs Jahre Entwicklungszeit in Spielmechanik, Map-Design und Gunplay, aber offenbar keine Sekunde und keinen Cent, wie es auch Spieler wie mich für seinen ach so ambitionierten Titel begeistern könnte.

Zum Beispiel mit kurzen Singleplayer-Storykampagnen, die mir die Helden emotional und spielerisch näherbringen und mich so fit für den Multiplayer-Modus machen. Oder mit Koop-Missionen, die mich spannenden Auftragszielen die Schlüsselstellen jeder Map lernen lassen.

Geld genug wäre jedenfalls mehr als genug vorhanden gewesen, angesichts der Kapitaldecke und Ambitionen eines Riots und seiner Geldgeber – nachzulesen unter anderem in unserem Plus-Report zum Riot-Investor Tencent.

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Mag sein, dass all dies nicht entscheidend sein wird für den Erfolg von Valorant. Aber genau in den nicht entscheidenden Details liegt manchmal die Chance, sich vom Wettbewerb abzuheben und vielleicht auch neue Spielergruppen für sein Herzensprojekt zu begeistern. Bei mir landet Valorant schon jetzt auf dem gleichen Stapel wie Overwatch und Counter-Strike, und das hätte schlichtweg nicht sein müssen.

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