5 Lektionen, die Open-World-Spiele endlich lernen müssen

Meinung: Elena stellt fünf Lektionen auf, die Open-World-Spiele 2021 lernen müssen. Dazu zählt auch, die Vergangenheit nicht länger zu ignorieren.

von Elena Schulz,
22.12.2020 07:55 Uhr

Ich besuche Paläste, tauche nach Schätzen, breche in streng bewachte Militäranlagen ein. Ich bin Weltenretterin, Verbrecherin, Baumeisterin, das hilfsbereite Mädchen von nebenan und so viel mehr. Das können mir nur Spiele geben. Und Open-World-Spiele ganz besonders. Hier entscheide ich, welchen Berg ich zuerst erklimme oder in welchem See ich bis auf den Grund tauche.

Aber viel zu selten hat diese Entscheidung wirklich eine Bedeutung. Denn abseits des vorgezeichneten Weges erwartet mich viel zu oft nur eine (zugegeben wunderschöne) Fassade. Egal wie viel Spaß ich habe oder wie packend die Missionen sind, oft bleibt die Spielwelt dabei eine belanglose Kulisse. Die meisten Aufträge könnten genauso in einem losgelösten Level stattfinden. Moderne Open-World-Spiele ignorieren ausgerechnet ihre Welten viel zu oft. Will ich eine Spielwelt erkunden und kennenlernen, muss ich das meist abseits vom eigentlichen Spiel einplanen.

Dabei sind die fantastischen Welten doch da und stecken oft noch voller interessanter Details - Night City in Cyberpunk 2077 zum Beispiel. Die machen mir die Hintergründe der düsteren Zukunft und den Alltag dort erst greifbar. Hier klammere ich Cyberpunk aber erstmal aus - im Januar folgt im Rahmen unserer Spiele-Highlights noch eine umfangreiche Open-World-Analyse zum Rollenspiel.

Spiele könnten so viel mehr aus offenen Welten machen und sie mit Gameplay, Story und Gefühlen verflechten. Wie das geht, haben sogar schon viele ältere Spiele mit offener Welt vorgemacht - höchste Zeit, daraus zu lernen.

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Spiele-Highlights 2021:
Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwochen zu den Spiele-Highlights 2021. Wir bieten euch Ausblicke zu spannenden Themen wie Open-World-Spielen, Steam oder auch Heikos Chefredakteurs-Prognosen. In unserer interaktiven Übersicht findet ihr außerdem vom 21. Dezember bis 4. Januar kommende Spiele zu allen wichtigen Genres wie Rollenspielen, Strategie und mehr. Stimmt in den zugehörigen Listen für eure meisterwarteten Spiele ab, um Ende Januar dann mehr über sie in teils exklusiven Previews zu lesen.

1. Backtracking kann super sein, kein Scherz

»Backtracking« (Also das Zurückkehren an bereits besuchte Orte) setzt man schnell mit fehlender Abwechslung gleich. Dabei kann es einen wertvollen Effekt mitbringen: Wiedererkennungswert. Assassin's Creed Valhalla führt mich zum Beispiel durch die einzelnen Königreiche von England, die allesamt eigene Orte, Geschichten und Figuren mitbringen.

Ich langweile mich so nie, aber bin auch nirgendwo emotional verankert. Missionsgeber werden genauso oft ausgetauscht wie Händler, Dörfer oder Landschaften. Dabei löst AC Valhalla das Problem an anderer Stelle bereits großartig: Ich habe sogar einen eigenen Artikel darüber geschrieben, wie sehr ich mich mit meiner Siedlung verbunden fühle, die ich nach und nach erweitere. Ich kenne die Bewohner, helfe ihnen regelmäßig, weiß über jedes Gebäude Bescheid. Genau dieses Gefühl von Heimat fehlt mir aber beim Rest des Spiels. Meist fühle ich mich losgelöst von der Open World, wie auf der Durchreise.

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Fantastisch setzt das auch das erste Mafia um. Auf einer Karte von Lost Heaven könnte ich immer noch den Weg zu Salieri's Bar nachzeichnen, so oft bin ich ihn im Spiel gefahren - oder den zu Ralphies Werkstatt. Genauso ergeht es wohl jedem Fan von GTA: San Andreas mit der Grove Street. Wir kennen diese Orte nicht nur, wir fühlen sie. Wir haben dort viel erlebt und Menschen immer und immer wieder getroffen, die uns ans Herz gewachsen sind. Es ist ein Zuhause geworden. Deshalb brauchen zukünftige Open World den Mut, Spieler auch mal an Orte zurückzuschicken. Mal ehrlich: Solange sich die Reise lohnt, wird dann niemand über Backtracking meckern.

Mafia Salieri's Bar ist so ein wichtiger Ort für mich, weil ich immer wieder zurückkehre und so viel dort erlebt habe.

AC Valhalla Mit der Siedlung in Valhalla verhält es sich ähnlich. Allein Wölfin Maus zu sehen, freut mich jedes Mal.


Die Autorin:
Elena (@Ellie_Libelle) liebt Open-World-Spiele, weil sie ihr wirklich neue Welten zum Erkunden geben, in denen es um mehr geht als nur den Spieler oder Mechaniken. Fantastische Open Worlds leben, atmen und existieren nicht nur als virtueller Spielplatz. Elena hat deshalb diesen Herbst auch jedes große Open-World-Spiel von Watch Dogs Legion bis Cyberpunk 2077 gezockt und sich dabei auch mal angeschaut, wo Assassin's Creed und Co. noch schwächeln. Denn auch wenn moderne Spielwelten optisch immer beeindruckender werden, fehlt es ihnen inhaltlich oft leider noch an Tiefgang. Dabei haben viele ältere Spiele mit offener Welt bereits vorgemacht, wie man den mit überraschend einfachen Mitteln erzeugt.

2. Schauplätze müssen im Gedächtnis bleiben

Fragt man die mittelalterliche Kirchenobrigkeit ob ein Kloster besser ist oder gleich zehn, antwortet sie sicher letzteres und zückt schon mal die Baugenehmigung. Aber Papst oder Bischof entwerfen zum Glück keine Open-World-Spiele. Die brauchen einzigartige Schauplätze mit Wiedererkennungswert. Nur so bleiben sie uns im Gedächtnis und helfen beim Zurechtfinden in der Spielwelt.

Aber Open Worlds wachsen immer weiter und müssen diese Dimensionen ausfüllen: Also bauen die Entwickler haufenweise Klöster. Die sind in AC Valhalla mit ihren von Efeu bedeckten Mauern oder bunten Glasfenstern allesamt beeindruckend und detailverliebt gestaltet. Aber fragt mich bitte nicht, was die Abtei Medeshamstede besonders macht oder ich dort erlebt habe.

Ich werde hingegen nie vergessen, wie mein Blick in Skyrim zum ersten Mal auf Weißlauf fiel. Nach einem winzigen Dorf, Wald und einer Menge Schnee habe ich eine gewaltige Stadt vor mir, die über einem leeren Tal thront wie ein steinerner König. Aber der Vergleich greift zu kurz: In Valhalla klappte mir auch staunend die Kinnlade runter, als es zum ersten Mal ins von Römerruinen durchdrungene Lunden ging. Und moderne Open-World-Spiele können ja schlecht einfach wieder schrumpfen, um interessant zu bleiben.

Auch zehn oder hundert Klöster können aber auf diese Art wirken, wenn sie etwas für mich repräsentieren. Die Orte müssen durch ihre Gestaltung herausstechen und am besten schon weit aus der Ferne sichtbar sein, um als Orientierungspunkt in der Welt zu dienen. Ich denke da zum Beispiel daran, wie ich über von Schneestürmen gepeitschte Klippen hetzte, die imposanten Mauern der Magierschule von Winterfeste vor mir fest im Blick. Dieses dunkle Monument ragt in Skyrim gefühlt kilometerhoch über Eis und Schnee empor und ist für mich als interessanter Ort nicht zu übersehen.

Das Design ist ein Punkt, aber genauso relevant ist, was ich dort erlebe: Ich verbinde die Magier-Akademie mit zig Figuren, Missionen oder Entdeckungen. Genauso Weißlauf mit meinem ersten richtigen Kampf gegen einen gefährlichen, feuerspeienden Drachen. Entwickler müssen solche einzigartigen und erinnerungswürdige Orte erschaffen, damit ihre Open World für mich nicht zum gleichförmigen Einheitsbrei verkommt.

3. Lasst uns selbst den Weg finden

Watch Dogs Legion hat mich zwischendurch ganz schön vor den Kopf gestoßen. Ich sollte anhand von Fotos Orte in der Open World finden - ohne Hinweise oder Questmarker. Weil ich davor fast nur von A nach B gefahren bin, musste ich London neu für mich entdecken - und war überrascht und begeistert, wie viele liebevoll gestaltete kleine Hinterhöfe mit Lichterketten, luxuriöse Dachpools oder lauschige kleine Parks sich dort verstecken.

Obwohl ich zuerst genervt war, will ich solche Missionen in Zukunft noch viel öfter sehen! Nur wenn sie Teil meiner Aufgaben wird, fühlt sich die Open World nicht mehr wie ein Bühnenbild an. Allerdings birgt freiere Ansatz auch Gefahren: Damit ich mich in einer offenen Welt anhand von Wegbeschreibungen und Umgebungsdetails zurechtfinden kann, muss sie auch glaubwürdig gestaltet sein.

Auf der Suche nach den Foto-Schauplätzen, entdecke ich viele Orte in London, die ich vorher übersehen hatte - und genieße die dichte Atmosphäre. Auf der Suche nach den Foto-Schauplätzen, entdecke ich viele Orte in London, die ich vorher übersehen hatte - und genieße die dichte Atmosphäre.

Ein Ghost Recon: Breakpoint versuchte sich zum Beispiel vorbildlich an offenerer Navigation über vage Hinweise. Aber Auroa ist soweit von einer authentischen Insel entfernt wie Disneyland. Ihr bekommt nicht das Gefühl, hier eine substanzielle neue Dimension der Welt für euch zu entdecken. Auroa folgt keiner nachvollziehbaren Landschaftslogik - und das merkt man als Spieler. Ganz anders das Vegelbud-Anwesen in The Witcher 3. Das steht für ein Open-World-Design, das genau dafür gemacht ist, den Spieler für das freie Erkunden zu belohnen:

4. Vermeintlich sinnlose Details sind wichtig

Das Vegelbud-Anwesen wird zum Mordschauplatz in der Story, dient aber eigentlich der Parfüm-Produktion, um die Reichen in Novigrad glücklich zu machen. Auf dem Gelände der Villa kann ich sämtliche Produktionsschritte nachvollziehen, seien es die Vielzahl an Blumen auf den Feldern oder das in großen Kesseln köchelnde Parfümgebräu. All das fällt mir nur auf, weil ich vom Weg abkomme und mir Zeit nehme, die Spielwelt abseits von Missionen zu untersuchen.

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Das klingt zunächst wie ein Widerspruch: Die meisten Spieler übersehen Details, also warum die Zeit nicht in Feinschliff oder interessante Features stecken? Auch Details machen aus einer mageren Open World kein Festmahl für Weltenbummler, aber sie können das Zünglein an der Waage sein. Denn wenn ein Spieler darauf stößt, lässt die Erkenntnis ihn die Open World mit ganz neuen Augen sehen.

Blumenfelder Hier werden die Blumen für das Parfüm angebaut...

Parfüm-Produktion ... und hier anschließend getrocknet und weiterverarbeitet.

Ich staune nicht schlecht, als mir die Detailliebe und Logik der Spielwelt bewusst werden: So werden in den umliegenden Dörfern der großen Stadt Novigrad Ziegel hergestellt, die für den Bau weiterer Gebäude dorthin transportiert werden. Während mich das Erkunden in einem Ghost Recon: Breakpoint enttäuscht, belohnt es mich hier mit Informationen, die ich sonst nicht hätte und zeigt mir eine Welt, die mich überhaupt nicht braucht.

Geralt ist nur ein Bewohner der Open World von The Witcher 3, die auch ohne ihn ihren gewohnten Gang geht. Menschen arbeiten, feiern Feste, sterben, Herrscher ändern sich, Bauern werden von Monstern oder Wölfen angegriffen - ob ich nun eingreife oder nicht. Diese Details sind das Geheimnis einer echt und lebendig wirkenden Welt und kein sinnloser Mehraufwand.

5. Lasst die Spielwelt sprechen

Leider verstehen manche Entwickler unter Environmental Storytelling, dass ihr auch mal einen Zettel mit ein paar Infos neben einer Schatztruhe findet. Damit schöpfen sie das Potenzial des Erzählmittels aber nicht aus. Wenn die Umgebung selbst zum Erzähler wird, liegt das Zuhören und Verstehen ganz bei mir. Ich komme zum Beispiel in eine niedergebrannte Ruine oder ein verlassenes Dorf. Ich finde Spuren eines Kampfes, Leichen, seltsamen Schleim, den ein Monster zurückgelassen hat oder ein Schild mit Pfeilen drin, das ein seltsames Wappen zeigt.

In Watch Dogs Legion finde ich zum Beisipel zufällig diese Leiche hier und kann mir selbst zusammenreimen, was mit dem Voyeur passiert ist. Allerdings verzichtet Ubisoft leider trotzdem nicht auf den obligatorischen Zettel daneben. In Watch Dogs Legion finde ich zum Beisipel zufällig diese Leiche hier und kann mir selbst zusammenreimen, was mit dem Voyeur passiert ist. Allerdings verzichtet Ubisoft leider trotzdem nicht auf den obligatorischen Zettel daneben.

Anhand dieser Details erschließe ich mir selbst, was passiert ist. Dafür brauche ich keine Zettel, keinen Questmarker oder quasselnden Nebenfiguren. Dass ich mir alles selbst zusammenreimen muss, birgt die Gefahr, etwas zu verpassen. Aber dafür beschäftige ich mich viel tiefgehender mit dem, was ich sehe. Und das ist so viel wertvoller! Ich werde mich noch lange an diesen Ort erinnern und darüber nachdenken, was dort passiert ist, womöglich gar zurückkehren, um einer neuen Spur zu folgen. Einen 0815-Auftrag oder einen Zettel hätte ich zu diesem Zeitpunkt längst vergessen.

Übrigens können nicht nur Entwickler zukünftige Open-World-Spiele verbessern. Ihr könnt selbst mehr für euch rausholen, wenn ihr diese Tipps befolgt:

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Kaum ein aktuelles Open-World-Spiel meistert mehr als eine Hand voll der genannten Punkte. Dabei müssen sie für ihr Erfolgsrezept nur auf das blicken, was die Fans schon kennen und lieben - Skyrim, Gothic, Mafia und Co. machen es vor. Bleibt abzuwarten, ob Open World Games 2021 mehr daraus lernen. Und weil gerade Gothic in diesem Artikel doch etwas zu kurz kam, liefern wir euch gleich noch ein ganzes Video mit speziellen Gothic-Lektionen für Open Worlds nach:

Gothic - Was Open Worlds 2020 vom RPG noch lernen können 10:22 Gothic - Was Open Worlds 2020 vom RPG noch lernen können

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