Among Us: Der irre Steam-Erfolg lehrt uns drei wichtige Lektionen

Among Us schlägt auf Steam höhere Wellen als PUBG und Fall Guys, obwohl das Spiel schon Jahre alt ist. Dahinter stecken spannende Zusammenhänge.

von Dimitry Halley,
21.09.2020 14:23 Uhr

Among Us geht gerade auf Steam völlig durch die Decke. Among Us geht gerade auf Steam völlig durch die Decke.

Eigentlich dürfte Among Us kein Erfolg sein. Das Spiel sieht aus wie Alien-Grütze, ist schon zwei Jahre alt und verlangt seiner Spielerschaft enorm viel ab. Denn »Maulfaul« steht nicht auf dem Programm: Wer im Online-Multiplayer keinen Bock hat, im Chat zu quasseln, kann das Spiel nicht spielen. Uff.

Und trotzdem geht Among Us völlig durch die Decke. Auf Steam steht der Spielerrekord bei fast 400.000 gleichzeitig aktiven Usern. Das ist mehr als das Doppelte des immens erfolgreichen Fall Guys. Selbst Schwergewichte wie GTA 5 und Monster Hunter World haben solche Werte nie erreicht. Junge, Junge.

Woran das liegt? Na, an Twitch, keine Frage. Im August 2020 explodiert Among Us auf dem Streaming-Portal, die Community lässt sich von der Begeisterung der Streamer anstecken. Und bei einem Preis von 4 Euro kann man nicht viel falsch machen. Doch dahinter steckt mehr als die altbekannte »Twitch kann Spiele groß machen«-Geschichte. Der irre Erfolg von Among Us lehrt uns drei wichtige Lektionen über die Gaming-Welt.

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Lektion 1: Twitch ist ein unkontrollierbarer Segen

Kurz zum Verständnis: In Among Us bevölkern bis zu 10 Spielerinnen und Spieler ein Raumschiff. Jedes Team-Mitglied bekommt Wartungsaufgaben, beispielsweise Asteroiden aus der Bahn zu schießen. Doch in der Crew gibt es Verräter, die unwissende Kollegen heimlich ermorden. In regelmäßigen Abständen muss das gesamte Team diskutieren, wer der Verräter sein könnte - und die Verräter wiederum lenken den Verdacht natürlich ab. Kurzum: Among Us ist ein Sozialexperiment wie das berühmte Kartenspiel Die Werwölfe von Düsterwald.

Among Us ist grafisch keine Augenweide, aber umso mehr Spannung entsteht in eurem Kopf. Among Us ist grafisch keine Augenweide, aber umso mehr Spannung entsteht in eurem Kopf.

Among Us lebt vom Kopfkino-Partyspaß. Ihr erlebt gemeinsam mit euren Liebsten die wildesten Geschichten von Verrat, Loyalität, Hoffnung und Niedertracht. Und damit hat es natürlich einen unheimlichen Schauwert: Auf Twitch verfolgen Fans ihre Streaming-Ikonen beim Lügen, Betrügen oder Dahinscheiden. Klingt nach einer simplen Rechnung. Spiel guckt sich gut, also startet es auf Twitch durch. Doch die Streaming-Plattform ist ein unkontrollierbarer Segen.

Among Us existiert seit zwei Jahren, krebst seit 2018 bei 20, 30, mal 100 gleichzeitigen Spielern weltweit herum. Zum Release beklagten die Entwickler, dass nicht mal genügend Fans für eine einzige Partie existierten. Und plötzlich explodiert dieses erfolglose Spiel, weil die Twitch-Community wie eine Lawine drüber rollt. Das dürfte die Devs freuen, zeigt aber auch, wie unkontrollierbar volatil Twitch funktioniert.

Große Publisher bemühen sich seit Jahren, Twitch zu kontrollieren. Sie pumpen Geld in große PR-Aktionen, reservieren sich Influencer, integrieren sogar Spielmechaniken, die ganz gezielt Zuschauer aktivieren. Beispielsweise dieses von Snoop Dogg beworbene SOS-Reality-Survival-Dingens. Oder jüngst Ubisofts Hyper Scape.

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Solche Planaktionen scheitern fast immer. Statt auf Ubisofts Hyper-Scape-Hypetrain aufzuspringen, gräbt die Twitch-Community ein zwei Jahre altes Partyspielchen aus und stürzt sich in Scharen darauf. Das ist irgendwie charmant, stellt die Industrie aber vor große Herausforderungen, wie sich Streaming gezielt für die eigenen Spiele nutzen lässt. Auch wenn Kritiker das immer anders sehen: Einen Twitch-Erfolg kann man sich nicht einfach kaufen.

Der Autor: Dimi schreibt seit Jahren über Twitch-Kuriositäten, verfolgt den Auf- und Abstieg diverser (vermeintlicher) Twitch-Giganten und hat hinter den Kulissen von Apex Legends und Co. live erlebt, wie wichtig Publishern die Eroberung der Streaming-Welt ist. Doch wie schon Asterix die Römer lehrte: Mit Größe allein lässt sich nicht alles erobern.

Lektion 2: Sei tiefsinnig oder lustig oder beides

Dass Among Us auf Twitch da glänzt, wo manche Triple-A-Produktion scheitert, hat einen simplen Grund: Among Us ist witzig! Genau wie Fall Guys. Um sich erfolgreich auf Twitch zu verankern, benötigt ein Spiel mindestens eine von zwei Eigenschaften:

  • Es ist witzig: Auf einer Show-Plattform zählt natürlich der Schauwert. Fall Guys und Among Us werden wahrscheinlich keine E-Sport-Szene aktivieren, aber als spaßiger Gag funktionieren sie hervorragend. Auch Battle-Royale-Hits wie Fortnite leben unter anderem davon, dass es immer neue witzige Situationen gibt, die die Zuschauerschaft bei der Stange hält.
  • Es bietet Tiefe: Shroud wäre keine Streaming-Legende geworden, wenn er nicht wie eine Rakete durch Counter-Strike donnern würde - eines der schwierigsten Spiele überhaupt. Bei komplexen Spielen fasziniert es einfach, den Profis bei der Arbeit zuzuschauen.

Kollege Fabiano hat das in seiner Kolumne über plötzliche Twitch-Erfolge gut analysiert:

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Auch hier gibt's kein Pauschalrezept, aber es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Counter-Strike, Dota 2, Dark Souls, Escape from Tarkov und Valorant auf Twitch weit vorne mitspielen. Zwischen diese Profi-Spielen tummeln sich dann Gag-Exoten wie Among Us oder Fall Guys.

Lektion 3: Die moderne Kurzlebigkeit

So schön der Platz im Rampenlicht auch sein mag - Ruhm kann schnell verfliegen. Neben Dauerbrennern wie PUBG oder Fortnite sehen wir in den letzten Jahren auch immer Überraschungserfolge, die nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche verschwinden. Oder zumindest rasch an Popularität verlieren. Dota Underlords zum Beispiel. Oder jüngst Fall Guys. Hier die Kurve der Steam-Aktivität:

Gag-Spiele haben gegenüber Counter-Strike und Co. einen entscheidenden Nachteil: Irgendwann hat es sich ausgelacht. Falls die Entwickler nicht permanent Content nachschieben, dürften die Leute auch bei Among Us nach einem Weilchen alle Formen von Verrat und Triumph durchlebt haben. Und dann ziehen sie weiter.

Das muss kein Problem sein. Bei einem Spieler-Höchststand von fast 400.000 Leuten, die jeweils 4 Euro ausgegeben haben, kann das kleine Entwickler-Team diesen Monat die Champagner-Korken knallen lassen. Und »Gag« soll auch nicht negativ klingen: Among Us ist ein handwerklich gutes Spiel. Aber für einen langlebigen Erfolg wird es dennoch hart kämpfen müssen, sobald die Honeymoon-Phase vorbei ist.

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