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Far Cry 6 im Test: Eine Open World voller Widersprüche

Far Cry 6 zementiert einen Open-World-Trend, der mit Masse statt Klasse brillieren will. Was uns bei der Vielfalt an Waffen und Wegen im Test begeistert, lässt uns bei Story und Spieltiefe enttäuscht zurück.

von Elena Schulz,
06.10.2021 13:00 Uhr

Far Cry 6-Test - Für jede gute Idee, gibt’s eine schlechte… 13:08 Far Cry 6-Test - Für jede gute Idee, gibt’s eine schlechte…

Kennt ihr diese billigen Automatenkaugummis aus den 90ern? Man nimmt sie in den Mund, kaut ein bisschen und hat nach 10 Minuten nur noch geschmacklose Pappe zwischen den Zähnen. Far Cry 6 hat uns sogar ganze 40 Stunden gut unterhalten. Und trotzdem hatten wir zwischendurch einen fahlen Beigeschmack im Mund.

Als wir zum ersten Mal einen Fuß auf die Erde Yaras setzen, explodieren zwar keine Geschmacksknospen, aber dafür Panzer oder Helikopter - unser Lenkraketen-Rucksack macht es möglich - während in diesem Fall Heldin Dani Kopfschüsse verteilt und ein brennendes Huhn die letzten Überlebenden tot pickt. Okay, der letzte Teil sollte nicht so sein, sorry!

In diesen Momenten ist der Open-World-Shooter fantastisch. Aber das Hochgefühl verpufft nach einer Weile - und kommt hinten raus immer seltener zurück. Für jede fantastische Idee, für jeden mutigen Schritt gibt es ein genauso großes Aber, einen Kompromiss, der zurückrudert und klarstellt, dass das alles nicht so gemeint war. Far Cry 6 will jedem alles bieten, niemanden verprellen und jeden glücklich machen. Und weil das unmöglich ist, beißen wir am Ende nur auf Pappe statt auf Kaugummis oder Cheeseburger oder … ihr versteht schon.

Aber holen wir das gute Stück für den Test erstmal aus der Packung, dröseln auf, welche Probleme das Ubisoft-Spiel plagen und warum manche Spieler trotzdem viel Spaß mit Far Cry 6 haben werden, gerade wenn sie diese Tipps befolgen:

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Worum geht es bei Far Cry 6?

Everybody`s Darling will auch Held oder Heldin Dani sein - zumindest nach etwa zwei Spielstunden. Vorher verhält sich die (in unserem Fall) Ex-Soldatin deutlich glaubhafter. Diktator Castillos Schergen ermorden ihre Freunde, sie ertrinkt fast, strandet bei einer Widerstandsgruppe und bittet um Hilfe, um aus Yara zu fliehen. Mit Guerilla-Krieg hat sie ebenso wenig am Hut wie Ubisoft mit konsequentem Storytelling

Denn schon wenige Missionen später fordert Dani andere voller Inbrunst auf, sich den Rebellen von Libertad im Befreiungskrieg für Yara anzuschließen. Und das heißt letztlich auch hier, was es in jeder anderen Ubisoft-Open-World heißt: Dass wir wieder Gebiete erobern und Verbündete gewinnen müssen, um anschließend die Hauptstadt Esperanza einzunehmen und den Diktator zu entmachten. Also wie in Assassin’s Creed: Syndicate, Valhalla, Far Cry 5, Ghost Recon: Breakpoint und, und, und.

Hier klopft schon das nächste Erzählproblem an die Tür: Offenbar stammen die Gebiete von unterschiedlichen  Ubisoft-Abteilungen. Anders lässt sich nicht erklären, wie wie weit die Tonalität bei den vier großen Regionen auseinander klafft.

Vorwürfe gegen Ubisoft: Letztes Jahr stand Ubisoft wegen Diskriminierung, Sexismus und Belästigung in der Kritik, was wir bei diesem Test nicht ausklammern wollen. Auch wenn seitdem an Verbesserungen gearbeitet wird, muss man davon ausgehen, dass auch Far Cry 6 von der toxischen Kultur am Arbeitsplatz betroffen war. In einem weiterführenden Artikel lest ihr mehr zu den konkreten Vorwürfen.

Bitte lächeln! Grotesk, dass wir hier eben noch brutal verstümmelte Leichen in Käfigen gefunden haben. Bitte lächeln! Grotesk, dass wir hier eben noch brutal verstümmelte Leichen in Käfigen gefunden haben.

Die Rebellen der Monteros und Máximas Matanzas sind direkte Nachbarn und könnten nicht unterschiedlicher sein: Auf der einen Seite ringt die draufgängerische Espada um die Anerkennung ihres Vaters und der Bauern der Region, die sich notdürftig in einem Guerillalager zusammengerauft haben. Wir erleben ihre Opfer mit, bittere Entscheidungen und den Schmerz einer Familie, die am Krieg im eigenen Land zerbricht. Hier zeigt sich deutlich das ansonsten so verschenkte Potenzial von Far Cry 6, eine ernste, tragische Geschichte zu erzählen.

Einen krassen Kontrast bilden die bunt gekleideten und stark geschminkten Jugendlichen direkt daneben, die Plakate besprühen, Likes sammeln und fette Partys feiern. Ubisoft löst diesen Kontrast nie auf, sodass am Ende nur ein zusammengewürfeltes Durcheinander übrig bleibt. Far Cry 6 ist mal abgedrehte Tiktok-Party, mal erschreckendes Kriegsdrama - und nie irgendwas richtig.

Planlos im Krieg

Die sonst auf Deutsch und Englisch hervorragend gesprochenen Dialoge verkommen deshalb häufig zu einem Fremdschäm-Theater. Trotzdem gibt es immer wieder Lichtblicke. Zum Beispiel Heldin Dani, die nachvollziehbar menschlich auf den Irrsinn um sich herum reagiert und über den Raketenrucksack lächelt, weil sie als Kind Superhelden-Comics liebte.

Oder interessante Andeutungen: So ist Libertad-Anführerin Clara eigentlich eine Quasi-Prinzessin aus gutem Hause und der von Schauspieler Giancarlo Esposito meisterhaft verkörperte Diktator Castillo hatte früher mit Rassismus zu kämpfen. Im Laufe des Spiels bröckelt seine vermeintlich ruhige Fassade immer mehr und lässt viele innere Konflikte durchblicken. Das meiste davon wird aber unkommentiert wieder fallen gelassen. Genauso wie die Schrecken des Krieges, was sich kaum verzeihen lässt.

Far Cry 6 hat zu solchen Bildern erschreckend wenig zu sagen und kontrastiert sie lieber mit Festival-Stimmung. Far Cry 6 hat zu solchen Bildern erschreckend wenig zu sagen und kontrastiert sie lieber mit Festival-Stimmung.

Die verunstaltete Frauenleiche ist beinahe nicht vom Vieh zu unterscheiden, das neben ihr auf dem Boden verwest. Wir finden einen höhnisch sachlichen Zettel daneben: »Das Mittel hat eine Fehlgeburt ausgelöst, sie ist verblutet«. Castillo foltert systematisch die Bevölkerung von Yara, um sein Krebsheilmittel Viviro zu testen. Es soll ihn reich machen, während einfache Leute in seinen Gefängnissen verrecken. Hier sterben keine Widerstandskämpfer, sondern Bauern, die zu schwach sind für die Feldarbeit und dann zur Schlachtbank geführt werden. 

Es ist eigentlich mutig, solche Gräuel bewusst zu zeigen, aber in Far Cry 6 ist das nie mehr als schockierende Sensation. Grausames Kriegsdrama wird ungeniert direkt neben einer heiteren U20-Party-Ballerbude inszeniert, was dem Schrecken komplett die Wucht nimmt. Den meisten Spaß habt ihr deshalb, wenn ihr die Geschichte ignoriert und euch ganz auf den spielerischen Teil konzentriert. Das tut umso mehr weh, wenn man bedenkt, welche großen Pläne Ubisoft anfangs für Story und Bösewicht zu haben schien:

Far Cry 6: Giancarlo Espositos Bösewicht soll menschlich wirken PLUS 14:30 Far Cry 6: Giancarlo Espositos Bösewicht soll menschlich wirken

Wie gut läuft Far Cry 6 auf dem PC?

Wir testen Far Cry 6 auf mehreren Systemen: Einem Gaming Notebook mit AMD-Ryzen-7-Prozessor samt RTX 3070 Laptop GPU und unserem Grafikkarten-Testsystem mit Ryzen 9 5950X und Radeon RX 6800 XT. Die offiziellen Systemanforderungen findet ihr in unserer Übersicht zum Spiel.

Das Spielerlebnis fällt dabei größtenteils flüssig aus: Auf dem Notebook kommen wir ohne Raytracing mit Ultra-Einstellungen und Full-HD-Auflösung auf konstante 60 bis 70 FPS. Mit aktiviertem Raytracing fällt die Bildrate auf rund 50 FPS ab, weshalb wir die Grafik ein wenig runterschrauben mussten.

Auf dem Desktop-PC mit RX 6800 XT erzielen wir vergleichbare Ergebnisse, allerdings unter 4K-Auflösung: In der gewählten Szene liegen sowohl mit als auch ohne HD-Texturenpaket rund 70 FPS an (Ultra-Settings), kommt Raytracing ins Spiel, sind es in etwa 55 FPS.

Raytracing off Raytracing off
Raytracing on Raytracing on

Mit Blick auf die Videospeicherauslastung respektive die Speichervorbelegung kommen wir unter 4K-Auflösung samt HD-Pack und Raytracing auf rund 11.100 MByte, ohne Raytracing auf 9.400 MByte, wenn zusätzlich die hochauflösenden Texturen deaktiviert sind, auf 7.500 MByte. Unter Full HD wir der Videospeicher zu maximal 8.900 MByte gefüllt (Ultra-Einstellungen, HD-Texturen und Raytracing aktiviert).

Ruckler, Abstürze oder ähnliche Probleme erlebten wir in ungefähr 40 Spielstunden nicht. Auch die Steuerung mit Maus- und Tastatur oder Gamepad funktionierte tadellos - selbst Fahrzeuge steuern sich auf beide Arten butterweich.

HD-Texturen mit Hindernissen

Dafür muss aber bei jedem Spielstart zunächst für einige Sekunden der PSO-Cache aufgewärmt werden und Zwischensequenzen sind aus unerfindlichen Gründen auf im Vergleich zum Rest irritierend stockende 30 FPS limitiert. Außerdem funktioniert auf unserem Test-Notebook das zusätzlich heruntergeladene Paket mit den HD-Texturen nicht und ließ viele Objekte polygonarm und verwaschen erscheinen, was sich auch auf den Screenshots zeigt. Der Entwickler reichte hier die Info nach, dass 16 GByte Video RAM benötigt werden. In unserem Check liegt die maximale Speicherauslastung zwischen 11 und 12 GByte. Nur beim Ingame-Benchmark kommen wir (4K, HD-Pack, Ultra, Raytracing) auf bis zu 15.500 MByte.

Wie sieht es mit Bugs aus?

Vereinzelt begegneten uns auch nervige Bugs, die sich zum Glück stets mit einem Neustart beheben ließen. Abseits harmloserer Glitches verschwanden teilweise wichtige NPCs oder Questmarker, Missionen gingen zwischendurch nicht weiter oder vertauschte Audiofiles wurden im falschen Moment abgespielt. Manche Spieler wurden zudem von unendlich spawnenden Gegnern in Sperrgebieten geplagt, wir erlebten das aber nicht.

Weil die Probleme nicht so häufig auftraten und wir trotzdem jede Mission beenden konnten, sehen wir von einer Abwertung ab. Ein ausführlicher Technik-Check, sowie unser Tuning-Guide für die besten Einstellungen folgen noch.

Den ausführlichen Technik-Check lest ihr hier:

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