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Seite 5: Gefangen im Netz - Über die Gefahren der Internetsucht

Bereich Kommunikation

Ein Großteil der in der Humboldt-Studie befragten User gibt an, vom Kommunikationsbereich abhängig geworden zu sein, also von Foren, Chats und E-Mails. Wenn neue Bekanntschaften nur ein paar Klicks entfernt sind, man anonym die intimsten Gedanken austauschen kann, ohne sich die Mühe eines echten Kennenlernens machen zu müssen, können auch Einzelgänger endlich die im realen Leben vermisste Bestätigung erhalten.

Wünsche und Träume lassen sich wesentlich einfacher artikulieren als in der Realität; Scham, Angst vor Ablehnung oder Äußerlichkeiten stehen hier nicht im Weg, und Gleichgesinnte werden schneller gefunden, als es im realen Leben jemals möglich wäre. Rasch wächst eine intensive Nähe zu dem unsichtbaren Gegenüber und erzeugt ein Gefühl von Intimität. All diese Punkte stellen Risikofaktoren für vorbelastete Menschen dar. Zum einen hat das virtuelle Ich mit dem realen Ich nichts mehr gemein, führt also zu einer Art Doppelleben, zum anderen wird das reale Ich auch mitsamt seinen Problemen ins Internet getragen, um Verständnis zu finden.

Problemlos wird man jünger oder auch älter, attraktiver und erfolgreicher, wechselt Geschlecht, Schicht und Aussehen. Millionen einsame Singles sammeln sich in Flirtcommunities, auch den Fernseher kann man kaum noch einschalten, ohne den Hinweis zu bekommen, die neueste Pro7-ICQ-Versionen herunterladen, sich bei den Lokalisten anmelden oder im Chat des Senders einloggen zu müssen. Ohne Eintrag in StudiVZ, bei MySpace oder Facebook ist man nur noch ein halber Mensch. Wer nicht on ist, ist out.

Bereich Pornografie

Wenig verwunderlich, dass zu den möglichen Süchten im Internet auch das einstige Tabuthema Sexsucht gehört – im realen Leben mittlerweile eine anerkannte Erkrankung inklusive Therapieplätzen und Selbsthilfegruppen wie den Sexaholikern. Über Online-Sexsucht hingegen wird wenig gesprochen. Der "Pr0n-Ordner" als ewiger Garant für Running Gags kann die Tatsache nicht verschleiern, dass es zu einem krankhaften Umgang mit selbigem kommen kann, wenn die beschriebenen Suchttendenzen vorhanden sind.

„Sexsüchtige sind stets auf der Jagd nach dem begehrten Objekt, entwickeln sehr angenehme Gefühle dabei und leben ihre (angebliche) Macht aus. Sobald sie aber zum Zuge gekommen sind, folgt rasch die Ernüchterung, die Enttäuschung und Leere, und das Spiel beginnt von vorne. (...) Meist wird das Objekt der Begierde schnell uninteressant“, schreibt Farke. Der User verliert sich auf der Suche nach dem ultimativen Kick, benötigt immer härteres Material mit extremeren Praktiken. Nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für sein soziales Umfeld hat dies schwerwiegende Folgen. Partner fühlen sich betrogen und verletzt und können die Gründe für das Verhalten ihres Lebensgefährten nicht nachvollziehen.

Farke berichtet, dass in vielen der über 10.000 Hilferufe, die ihr ehemaliger Selbsthilfeverein erhalten hat, Ehen aufgrund dieser Umstände zerbrochen sind. Häufig erkennen die Betroffenen die Lage erst, wenn es bereits zu spät ist. Online-Sexsucht entsteht, wie andere Süchte auch, aus inneren Konflikten, Unsicherheit und Angst. Sie tritt vor allem sporadisch auf, dann aber mit zunehmender Intensität. Ein Betroffener sagt aus, durch den „stressfreien Triebabbau“ im Netz bliebe er vor den Unsicherheits- und Verletzungsmöglichkeiten einer realen Beziehung gefeit.

Flucht vor der Wirklichkeit

Wer mit dem Ziel des Stressabbaus auf Pornoseiten surft, wird eher abhängig als der User, der den Stressabbau nicht zur Intention hat, wie eine Umfrage von MSNBC.com ergeben hat. Bei Online-Sexsüchtigen besteht die erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie unter Sexualproblemen im wirklichen Leben leiden, was aber nicht zwingend so sein muss. Zudem ist die statistische Wahrscheinlichkeit höher, in therapeutischer Behandlung zu sein und unter Essstörungen zu leiden. Die Studie wurde von der „American Foundation of Addiction Research“ mitfinanziert, Deutschland befindet sich hier noch in den Kinderschuhen.

Die Untersuchung deutet darauf hin, dass Online-Sexsüchtige auf der Flucht vor der Wirklichkeit sein können: Anstatt an den Problemen mit dem realen Partner zu arbeiten, lebt man seine Fantasien stressfrei im Netz aus. Dies wird vom Partner häufig als Seitensprung bewertet, auch wenn es zu keinem realen Kontakt kam, wie Rob Weiss beschreibt, Therapeut und Autor von „Cybersex Disposed“, einem Buch über die potenziell schädliche Sucht nach Cybersex. Als Argumente für ihren Konsum nennen Betroffene die „Erweiterung und das Ausleben sexueller Fantasien, was mit dem realen Partner oft nicht gewagt wird oder nicht gewollt ist, schneller und ständiger Zugriff auf adäquate Gesprächspartner im Internet sowie das Ausleben von Macht über das andere Geschlecht.“

Auch Frauen sind betroffen. „Aufgrund der Anonymität und Distanz (gibt es) keine Beziehungsprobleme, sondern die komplikationslose Möglichkeit der Befriedigung per Mausklick, Schutz vor Krankheiten bei wechselnden Partnern (sowie) finanzielle Gründe (das Geld für Pornozeitschriften, Videos, Bordelle etc. wird gespart).“ (Quelle: Farkes Website)

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