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Seite 7: Gefangen im Netz - Über die Gefahren der Internetsucht

Warum es so schwer ist, sich von der Sucht zu trennen

Das Wesen der Sucht besteht darin, dass man sie trotz negativer Folgen beibehält. Fast jede Sucht ist eine Reaktion auf ein Defizit im Leben. Erscheint das Internet zunächst als Lösung, kann es sich zur Sucht entwickeln. „Die Beendigung einer Sucht ist immer unangenehm und schmerzlich“, erklärt Greenfield.16 „Im Allgemeinen tolerieren wir Schmerz nur dann, wenn wir mit einiger Sicherheit damit rechnen können, dass sich dies später auszahlt. Aber was geschieht, wenn wir das Gefühl haben, dass es kein „später“ gibt? Was ist, wenn uns alles sinnlos erscheint, weil unser Leben völlig außer Kontrolle geraten ist? Woher kommt dann die Motivation?

Hier liegt das Paradox der Sucht. Wie durchbricht man den endlosen Kreislauf aus Unbehagen, Schuld und Scham, der durch die Fortsetzung des Suchtverhaltens vorübergehend gelindert wird, was dann jedoch noch mehr Schmerz und Unbehagen hervorruft. Es ist dieser Teufelskreis, der immer wieder extremes Unbehagen auslöst, wenn man versucht, ein Suchtmuster zu durchbrechen.“ In den Bekenntnisschreiben äußert sich ein User entsprechend wie folgt: „Ich denke nicht, dass mir jemand helfen kann, auch wenn dies behauptet wird, das muss ich selber tun. Aber es wäre wie eine tiefe Wunde, die ich mir selbst zufügen müsste, und das kann ich nicht. Die Qualen wären zu groß.“

Onlinesucht ernst nehmen

Subjektive Ohnmacht und Unkontrollierbarkeit sind zwei typische Auswirkungen der Sucht. Wenn das Internet ein erfolgreiches Mittel geworden ist, um Befriedigung in Bereichen zu erlangen, in denen man sonst keine Erfüllung findet, ist die Versuchung groß, sich mit dieser leicht zu erlangenden virtuellen Ersatzbefriedigung zufriedenzugeben und im realen Leben gar nicht mehr danach zu suchen. Onlinesucht ist gesellschaftlich nicht so anerkannt wie zum Beispiel Alkoholismus, welchem mit Präventionskampagnen vorgebeugt wird, über den gesprochen wird, zu dem sich auch Prominente äußern und outen.

Onlinesucht wird trotz der stetig steigenden Zahl der Betroffenen weiterhin tabuisiert und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. In Zeiten von Flatrates und Terabyte-Platten scheint das Netz grenzenlos. Bis der Prozess der Anerkennung dieses Problems – der Sucht an sich – abgeschlossen ist, wird es für Betroffene schwer sein, zu sagen: „Ja, ich bin internetsüchtig.“ Ist dieser Prozess erst einmal beendet, werden höchstwahrscheinlich auch in diesem Suchtbereich die Kompetenzen zunehmen. Bis dahin braucht es Mut und große Entschlossenheit, die Problematik etwa bei seinem Hausarzt zu thematisieren.

Wege aus der Sucht

Onlinesucht lässt sich behandeln, ein normaler Umgang mit dem Rechner kann erlernt werden. Auch wenn es ein unvorstellbar schwerer Schritt ist, bleibt dem Hilfesuchenden nach dem Eingeständnis, süchtig zu sein, häufig nur der professionelle Rat eines Psychotherapeuten, der den Gründen für die Suchtanlage des Betroffenen auf die Spur zu kommen hilft. Der Therapeut sollte Erfahrung mit Zwängen und Suchtverhalten aufweisen.

Ein Plan zur Verhinderung von Rückfällen ist ein entscheidender Bestandteil jeder Suchtbehandlung. Dazu kann zum Beispiel eine Liste mit den auslösenden Faktoren angefertigt werden, in welchen Momenten der Betroffene sich bevorzugt ins Netz flüchtet. Den PC aus dem unmittelbaren Wohnbereich zu entfernen, stellt eine Möglichkeit dar, eine Reduktion des Internetkonsums zu erreichen.

Offener Umgang mit der Sucht, was die wohl größte Überwindung kostet, ein Wochenplan für die Onlinesitzungen und Software, die den Netzzugang zeitlich einschränkt, können helfen. Auch das Auffrischen alter Hobbys oder die Suche nach neuen Alternativen stellen einen guten Ansatz dar.

Die Sucht offen ansprechen

Um sich von der Anziehungskraft des Internets zu lösen, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die dem realen Leben eine stärkere Intensität verleihen. Der Betroffene sollte sich deutlich machen, was er im Internet sucht und möglicherweise findet, was ihm im realen Leben fehlt. Das Erlebte schriftlich festzuhalten, kann ebenfalls hilfreich sein. Wenn der Internetkonsum nicht unter Kontrolle gebracht werden kann und der Mut, einen Therapeuten aufzusuchen, fehlt, sollte man zumindest in entsprechenden Foren mit anderen Betroffenen die Sucht thematisieren.

Angehörige von möglicherweise Betroffenen sollten das offene Gespräch suchen, ohne ihr Gegenüber zur Rede zu stellen, und Interesse an deren Tätigkeit zeigen. Dies sollte in einer harmonischen Atmosphäre geschehen und nicht dann, wenn der möglicherweise abhängige User gerade seinen präferierten Server ansteuert. Literatur kann ebenso helfen.

Den ersten Schritt machen

Dem Süchtigen sollte man nicht mit Vorwürfen begegnen, da er sich schnell unverstanden fühlen kann, wodurch sich die Distanz zum Betroffenen verstärkt. Angehörige sollten deutlich machen, was die Sucht für sie bedeutet und wie sie sich durch den Kommunikationsverlust fühlen. Desweiteren können sich Angehörige entsprechenden Selbsthilfegruppen von Menschen in ähnlicher Lage anschließen und dem Betroffenen anbieten, ihn zu einem Therapeuten oder zum Hausarzt zu begleiten.

Häufig finden sich auch die Angehörigen in therapeutischer Behandlung wieder, da sie mit der Situation nicht mehr zurechtkommen und sogar co-süchtig werden können, was bedeutet, dass sie dem Betroffenen helfen, seine Sucht auszuleben, etwa durch Verleugnen am Telefon, Versorgung des Süchtigen mit Essen am Computer und ähnliches. In der Therapie lernen Angehörige und Co-Süchtige, mit einem suchtkranken Partner, Kind oder Freund umzugehen.

Den großen Schritt zu unternehmen und sich Hilfe zu suchen, sollte der Betroffene in jedem Falle aus eigenem Antrieb heraus tun, da der erste Schritt zur Bekämpfung der Sucht die Erkenntnis ist, etwas ändern zu müssen: „Der erste Schritt, um ein gewohntes Verhalten aufzugeben, besteht darin, das Problem zu erkennen oder die Gefahr eines möglicherweise entstehenden Problems wahrzunehmen. (S. 184, Greenfield)“

Jeder Betroffene hat die Möglichkeit, seine Sucht zu überwinden, selbstständig oder mit externer Hilfe. Ein User, der sich zwanzig Monate lang in den Welten von World of Warcraft verlor, schreibt nach überwundener Sucht in den Bekenntnissen voller Enthusiasmus: »Welt – ich komme ^^«.

(Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Sie bat jedoch aufgrund ihrer Bekanntheit in der Community um Anonymität und wir respektieren diesen Wunsch.)

Den GSPB-Kummerkasten-Club finden Sie im Community-Bereich von GameStar.de.

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