Elden Ring: Gelähmter Spieler bezwingt den Souls-Titel nur mit dem Mund

Ein ehemaliger Feuerwehrmann, der außer seinem Kopf kaum noch etwas bewegen kann, beherrscht Elden Ring besser als viele andere und inspiriert mit seinen Worten viele Jugendliche.

von André Baumgartner,
01.04.2022 15:01 Uhr

Spielen verbindet: Zwei Worte, die wohl in jedem leidenschaftliche Spieler eine Art von positiver Erinnerung auslöst. Im Falle von Zhu Mingjun erreichen sie jedoch eine neue Dimension, denn der ehemalige chinesische Feuerwehrmann schöpfte durch sein Hobby neuen Lebensmut.

Dabei ist dieses Hobby auszuüben für ihn lange nicht so selbstverständlich wie für die meisten. Seit einem schweren Einsatzunfall ist er querschnittsgelähmt und kann nur noch seinen Kopf und in geringfügigem Maße seinen Brustkorb bewegen.

Wie ihm geht es auch zahlreichen anderen körperlich eingeschränkten Spielern und wenn ihr mal aus erster Hand hören wollt, wie es ist, als blinder Mensch trotzdem leidenschaftlicher Zocker zu sein, lauscht unserem Podcast-Gast Christian Ohrens:

Link zum Podcast-Inhalt

Zu Beginn seiner nachfolgenden Streaming-Karriere hatte Zhu Mingjun noch große Sorge, die Menschen würden ihn wegen seines Aussehens verurteilen, doch als er im März 2022 einen Elden-Ring-Boss nach dem anderen nur unter Einsatz seines Mundes bezwang, jubelten ihm Abertausende zu.

Der aus zwei Blasröhrchen bestehende Mund-Controller ist dabei alles anderes als Plug & Play, denn bis er ihm endlich vollends gehorchte, musste Zhu Mingjun immer wieder Anpassungen an der improvisierten Steuerung vornehmen.

Die Barrierefreiheit in Spielen macht zwar Fortschritte, wird aber immer noch sehr oft stiefmütterlich behandelt oder gar völlig außen vor gelassen. In unserem Report von 2016 erzählten uns Betroffene, wie kreativ sie werden mussten, um ihr Hobby ausleben zu können:

Unser Report zum Spielen mit Behinderung   42     2

Barrierefreies Gaming:

Unser Report zum Spielen mit Behinderung

Eindrucksvoller als Bananen

Dass Souls-Titel wie Elden Ring immer wieder gerne mit ungewöhnlichen Eingabemethoden - wie etwa elf verkabelten Bananen - durchgespielt werden, ist ja nichts Neues. Die Feinmotorik, die der 29-jährige Chinese allerdings allein mit seinem Mund an den Tag legt, ist absolut bemerkenswert.

In seinen Streams auf der chinesischen Videoplattform bilibili führt er auch die komplexesten Manöver nur mithilfe zweier Plastikröhrchen aus, die er millimetergenau mit seinen Lippen justiert. Not macht eben erfinderisch, wie etwa auch ein Kanadier bewies, als er einen einhändigen PS4-Controller entwarf.

Trotz der Bedenken seiner Mutter widmet er abendlich mehrere Stunden seinen Zuschauern. Von denen gibt es inzwischen über Hunderttausend und manche seiner Videos knacken sogar die Millionengrenze. Bei denen geht es nicht nur um Gaming, sondern auch oft um seine persönliche Geschichte und wie er sein neues Lebensziel fand: anderen Menschen mit mentalen Problemen zu helfen.

In diesem Kontext können wir euch auch den Blog des GameStar-Lesers Onsche ans Herz legen, der den aussagekräftigen Namen »The Onehand-Gamer - Wenn zwei Finger reichen« trägt.

Vom Notleidenden zum Helfer

Als Zhu Mingjun am 9. Juli 2013 bei Ausübung seiner Pflicht als Feuerwehrmann schwer stürzte, veränderte sich sein Leben für immer. Wie er der South China Morning Post erzählte sollte es ganze drei Jahre dauern, bis er wieder sprechen konnte und auch heute sei er noch auf ein Beatmungsgerät angewiesen.

Seine Verletzung führte trotz der Unterstützung seiner Mutter immer wieder zu schwermütigen Gefühlen der Einsamkeit, die ihn mehrfach darum flehen ließen, man möge ihn doch einfach sterben lassen.

Wichtiger Hinweis: Falls ihr selbst Depressionen oder selbstzerstörerische Gedanken habt: Ihr seid nicht allein. Holt euch bitte Hilfe. Zum Beispiel bei der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder bei kostenlosen Beratungsstellen.

Ein Psychologe führte schließlich den emotionalen Wandel herbei und auch der viele Zuspruch von seinen Zuschauern gaben ihm laut eigener Aussage Kraft:

»Das Streamen hat mein Leben komplett verändert. Ich habe so viele neue Freunde gefunden und fühle mich nicht mehr allein wie zuvor. Ich genieße die Freude, die mir das Streamen bringt und obendrein kann ich damit noch Geld verdienen.«

Heute ist Zhu Mingjun selbst zertifizierter psychologischer Berater, der seinen Klienten hilft, neuen Lebensmut zu fassen, egal wie finster es in ihrer Vorstellung aussieht. Das Streamen helfe ihm dabei, das Vertrauen junger Menschen zu gewinnen. Er könne ihnen zeigen, dass er sich in einer ähnlichen Situation befunden habe und ihnen nun helfen möchte, ihre ebenfalls zu überwinden.

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