»Menschen schmecken doch nicht!«
Den ganzen Tag schon erreichen mich panische Nachrichten, weil meine Team-Mitglieder die Überschrift dieses Artikels hier in unserem Tagesplan erspähen und mir prompt ein neues kulinarisches Hobby andichten. Also lasst mich hier klipp und klar entwarnen:
- Nein, ich will keine Menschen essen.
- Woher wisst ihr bitte, wie Menschen schmecken? Ihr seid verdächtig, nicht ich!
Ich verfolge das Thema aus rein akademischem Interesse, denn mein Leben besteht aktuell zu 90 Prozent aus Resident Evil. Weil ich jeden einzelnen Serienteil (teils mehrfach) nachhole, fuchse ich mich auch in den Horror dahinter hinein.
Also in Subgenres innerhalb von Subgenres innerhalb von noch mehr Subgenres. In Vorbereitung auf Resi 7 steht deshalb auf dem Plan: Kannibalen-Horror oder Hillbilly-Horror oder wie immer ihr es nennen möchtet – also Horror wie in Texas Chainsaw Massacre, Wrong Turn oder The Hills Have Eyes.
Geschichten über irgendwelche armen Socken, die irgendwo in der US-amerikanischen Pampa (oft in den Appalachen) in die Fänge mörderischer Hinterwäldler geraten, die sie mit Kettensägen, Äxten und Fleischerhaken durch die Wälder jagen.
Unabhängig davon, wie viel Quatsch das in der Realität sein mag: Horrorgeschichten spiegeln meist ein Gemisch aus Urängsten und kulturellen Schreckgespenstern, Stereotypen und Vorurteilen wider – und das finde ich unheimlich faszinierend.
Hier zum Beispiel Vorstellungen von »wilden« Hügelmenschen in den ärmsten Regionen Amerikas, die sich seit über 70 Jahren in den Köpfen der Menschen halten und auch 2026 brandaktuell bleiben: Erst in den 2020ern ging das Meme der »Feral People of the Appalachian Mountaints« viral, also die Angst vor blutrünstigen Kannibalen, die für sämtliche Vermisstenfälle in den Bergen verantwortlich sein sollen.
Grund genug, mich mal in die Materie zu stürzen, also habe ich mir einen der populärsten Horror-Romane zum Thema geschnappt: Brother von Ania Ahlborn, eine »#HorrorBookTok-Sensation und Novelle des Terrors«, wie ihn der Klappentext beschreibt.
Und meine Erfahrung damit war ... interessant.
Worum geht's in Brother?
Kurze Zusammenfassung ohne Spoiler: In Brother geht's um Michael Morrow, einen schüchternen 19-jährigen Dude, der in der Wildnis der Appalachen in einer Familie aus Serienmördern und Kannibalen großgezogen wurde und lebt. Er und sein Bruder Ray entführen regelmäßig junge Frauen, damit Familienoberhaupt »Momma« Claudine ihre Mordlust nicht an ihrer unschuldigen Tochter Misty Dawn auslässt. Und Vater Wade – seinerseits abgestumpfter Vietnam-Veteran – packt als willfähriger Handlanger überall mit an. Die armen Opfer verlieren dabei nicht nur ihr Leben, sondern landen abends auch auf dem Esstisch.
4:40
Resident Evil 7 mit allen DLCs - Testvideo zur Gold-Edition: runder und ein bisschen dümmer - Testvideo zur Gold-Edition: runder und ein bisschen dümmer
Harter Tobak.
Die Geschichte wird aus Sicht von Michael erzählt, der die mörderischen Triebe seiner Familie nicht nur ablehnt, sondern auch daraus ausbrechen will. Als er sich dann auch noch in die Plattenladen-Verkäuferin Alice verliebt, nimmt die eigentliche Story ihren Lauf.
Was ich an Brother schätze
Dass der junge Michael es bisher noch nicht geschafft hat, seiner Familie zu entkommen, hängt an der größten Faszination des Buches: wie geschickt Autorin Ania Ahlborn die Wirkweisen toxischer Familien auf den Punkt bringt. Sämtliche Familienmitglieder der Morrows – auch die mörderische Mutter Claudine – sind Opfer jahrelangen Missbrauchs; Michael wird von seinem Bruder Ray offenkundig ausgenutzt, manipuliert, gequält und misshandelt.
Gleichzeitig wird so lange manipuliert, »geframed« und »gegaslighted«, dass am Ende all diese Gräueltaten im Schatten vermeintlich tugendhafter Familienwerte landen. »Wir sind ja eine arme, abgeschiedene, von allen vernachlässigte Familie, wir müssen mit dem Leben, was die Natur uns gibt – auch wenn es sich dabei um menschliche Überreste handelt.«
Klein-Michael lernt schon als Kind, Tiere zu jagen, zu erschießen, er wird mit den Opfern der Mutter tagelang im Keller eingesperrt, weil das »zu seinem Besten ist«. Und der schlimmste Übeltäter ist sein Bruder Ray, der »Brother«, der Michaels Sehnsucht nach Familie und Zugehörigkeit gnadenlos ausnutzt und ihm immer wieder Karotten der Marke »Wir sind doch Brüder, du bist mein bester Freund« vor die Nase hält.
Der eigentliche Horror von Brother verbirgt sich nicht in irgendwelchen Schockmomenten, in mörderischen Verfolgungsjagden oder »Jump Scares« wie bei vielen Filmen, sondern in der Manipulation von Menschen. Ania Ahlborn beschreibt all das so konsequent, dass es weh tut.
Das muss sie aber auch, denn der eigentliche Plot von Brother ist ziemlich lahm.
Was mir an Brother fehlt
Ich bin normalerweise niemand, der in Krimis schon nach 20 Minuten den Mörder kennt, aber Brother ist selbst für mich extrem vorhersehbar. Die großen Wendepunkte siehst du kilometerweit kommen. Und gerade weil Autorin Ahlborn Michael so glaubhaft schreibt, ist der arme Kerl ein ziemlicher ... Pfosten. Meistens verfolge ich ihn als Leser dabei, wie er Erkenntnissen hinterherjagt, die ich schon vor 30 Seiten gewonnen habe.
Der Plot rund um Alice kommt außerdem extrem mühsam in die Gänge, erst nach 200 der insgesamt 300 Seiten kommt mal ein bisschen Schwung in die Handlung. Das stört mich dann nicht, wenn ich mich stattdessen auf die spannenden inneren Konflikte der Figuren einlasse, aber wenn ihr zur Ungeduld neigt, dann zieht sich Brother wie Kaugummi, obwohl es kein sonderlich dickes Buch ist.
Trotzdem: In Rückschau gibt mir dieses Buch etwas, das ich in Horrorfilmen selten bekomme. Statt Spektakel, Schreckmomenten und schrillem Violinengekratze findet der Horror hier subtiler statt, unter der Haut, im Zwischenmenschlichen.
Brother bemüht sich um eine frische Perspektive und versetzt mich in eine dieser Killer-Familien hinein, die in Texas Chainsaw Massacre, Resident Evil 7 und Co. die Hauptfiguren hetzen. Das Ergebnis ist abstoßend, toxisch und manchmal auch sehr zäh, aber insgesamt trotzdem eure Zeit wert. Sofern ihr eine dicke Haut mitbringt.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.