»Das beste Rollenspiel, das ihr nie gespielt habt, kommt zurück!«

Meinung: Kingdoms of Amalur war ein Allstar-Mammutprojekt, ein Best-of-Rollenspiel mit riesigen Ambitionen. Jetzt bekommt es ein Remaster. Und das macht unseren Genre-Experten Markus sehr, sehr leidenschaftlich.

von Markus Schwerdtel,
06.06.2020 09:00 Uhr

Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning bringt ein lang vergessenes Rollenspiel als Remaster zurück. Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning bringt ein lang vergessenes Rollenspiel als Remaster zurück.

Im August 2020 ist es soweit, dann bekommt eins der besten Rollenspiele überhaupt eine Neuauflage. Unter dem Titel Re-Reckoning bringt Publisher THQ Nordic das Action-Rollenspiel Kingdoms of Amalur von 2012 ordentlich aufgehübscht in die Neuzeit. Zumindest laut dem Microsoft Store. »Moment«, sagt ihr, »in der GameStar-Liste der 100 besten Rollenspiele schafft es das originale Kingdoms of Amalur doch gerade mal auf Platz 86, soooo toll kann es dann ja nicht sein.«

»Pah!«, sage ich, denn wenn es nach mir ginge, hätte das Action-Rollenspiel unter die besten zehn, mindestens aber die Top 20 gehört. Nicht nur wegen seiner spielerischen Qualitäten, sondern allein schon wegen der irren Entstehungsgeschichte und dem kompromisslosen Anspruch, mit dem die Macher das Projekt Mitte der Nullerjahre angehen.

Markus Schwerdtel

Der Autor: Seine erste Begegnung mit Kingdoms of Amalur hatte Markus Schwerdtel in einer Präsentation während der Game Developers Conference 2011. Schon damals mochte er die genau richtige Mixtur aus Simpel-Fantasy, Rollenspiel und Action. Endgültig angefixt hat ihn die Demo im Januar 2012. Eigentlich hat er die nur gespielt, weil man so besondere Items für Mass Effect 3 freischalten konnte, ist dann aber hängen geblieben. In Summe hat Markus wohl deutlich mehr Stunden in den Faelands verbracht, als mit Commander Shepard und seinen Kameraden.

Kingdom of Amalur war immer ein Mammut-Projekt

Am Anfang steht Curt Schilling. Der ist nicht etwa Game Designer, sondern Ex-Baseball-Star und TV-Kommentator, quasi die US-Version von Oliver Kahn. Vor allem ist Curt aber auch ein Computerspieler und gewiefter Geschäftsmann. 2006 gründet er mit seinen im Sport verdienten Millionen die 38 Studios (anfangs heißt die Firma allerdings noch Green Monster), benannt nach der Nummer auf seinem Baseball-Trikot.

Weil selbst Curts Sportkohle für sein Vorhaben nicht reicht, verlegt er den Firmensitz von Massachusetts nach Rhode Island. Der kleinste US-Bundesstaat sucht verzweifelt nach neuen Wirtschaftszweigen und unterstützt den Firmengründer Schilling mit einer Bürgschaft über stolze 75 Millionen Dollar - im Gegenzug soll er 450 Arbeitsplätze schaffen.

Finanziell so üppig ausgestattet stellt sich Schilling sein Allstar-Team zusammen: Der Fantasy-Autor R.A. Salvatore (Forgotten Realms) schreibt eine 10.000 Jahre umfassende Hintergrundstory, in der auch das für später geplante MMO Platz finden soll. Der Künstler Todd McFarlane (Spider-Man, Spawn) ist für den Look verantwortlich.

Original Original
Remaster Remaster

Schon 2012 glänzte Kingdoms of Amalur nicht unbedingt mit der neuesten Grafik - dafür aber mit einer Menge Atmosphäre.

Und für das eigentliche Game Design holt man sich mit Ken Rolston (Morrowind, Oblivion) einen echten Veteranen. Und tatsächlich: Dieses Dreamteam liefert mit Kingdoms of Amalur im Februar 2012 ein Action-Rollenspiel ab, das zwar bei Kritikern fast durchweg gut wegkommt, bei den Spielern aber nur lauwarm angenommen wird.

Die Verkaufszahlen bleiben hinter den Erwartungen zurück, Publisher Electronic Arts gibt keine Fortsetzung in Auftrag. Für Curt Schilling ist der Traum vom Spielemachen damit aus, doch sein Traumprojekt ist nach wie vor ein schönes Stück Software.

Warum ist Kingdom of Amalur so gut?

Kingdoms of Amalur ist riesig. Das Fantasy-Reich der sogenannten Faelands hat fünf abwechslungsreiche Regionen, bewohnt von vier spielbaren Rassen. Als Held wähle ich unter drei drei Klassen (Kämpfer, Schurke, Magier), jede davon mit rund 20 eigene Fertigkeiten. Unzählige Quests und Nebenaufgaben versprechen zusammen mit der dicht gewobenen Hintergrundgeschichte ein episches Abenteuer.

Das alles wäre nichts ohne ein schnelles, griffiges Kampfsystem mit Finishern, Magieeinsatz und fetten Effekten. Dazu gibt's eine dank Crafting-Fertigkeiten und moralischen Entscheidungen variantenreiche Charakter-Entwicklung. Es wirkt wirklich - wie von Curt Schilling in Interviews versprochen - wie eine Mischung aus The Elder Scrolls 4: Oblivion und God of War. Allerdings deutlich hübscher, auch wenn der bunte Grafikstil vielleicht nicht jedermanns Sache ist.

Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning bleibt im Stil seiner Vorlage treu. Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning bleibt im Stil seiner Vorlage treu.

Die Wahrheit ist aber auch: Ein Innovationswunder ist das Spiel ganz sicher nicht. Der Autor R.A. Salvatore hat das Standard-Fantasy-Setting eher aus der Notfall-Schublade gezogen, als in durchwachten Nächten unter schriftstellerischen Schaffensqualen ersonnen. Und auch die restlichen Elemente wirken alle wie irgendwo zusammen geklaut und noch mal neu durchgesalzen.

Als ich mit Amalur durch bin, fange ich trotzdem gleich nochmal von vorne an. Mit einem anderen Helden und anderen Entscheidungen. Und als das Spiel auf der Liste der abwärtskompatiblen Titel für die Xbox One auftaucht, krame ich mein altes Xbox 360-Exemplar aus dem Keller und spiele es leicht aufgehübscht gleich noch mal. Mittlerweile dürfte ich bei meinem insgesamt 3,5-ten Durchlauf sein. Denn für mich bekommt Kingdoms of Amalur wie kaum ein anderes Action-Rollenspiel die Balance zwischen Action, RPG-Elementen und Story hin - da kann höchstens noch The Witcher 3 mithalten.

Was das Remaster leisten muss

Bald kommt also mit Kingdom of Amalur: Re-Reckoning die Neuauflage. Ich werde es dann selbstverständlich noch mal durchspielen, trotzdem habe ich natürlich eine Wunschliste an die Remaker bei THQ Nordic: Das ultra-umständliche Inventar benötigt dringend eine Überarbeitung, da ist ja sogar Skyrim komfortabler. Generell könnte die Balance eine gründliche Generalüberholung brauchen, so richtig schwierig ist das Spiel nämlich nicht.

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Wer sich nicht ganz doof anstellt, kann es ohne einen einzelnen Bildschirmtod durch das Spiel schaffen. Ich erinnere mich nicht mal mehr, was passiert, wenn man stirbt. Bei der Gelegenheit könnten die Macher auch gleich den Fernkampf aufwerten, die standardmäßig ausgerüstete Armbrust hat aktuell zu wenig Wumms. Und dann ist da natürlich die Optik, die vielleicht größte Baustelle. Denn eine Schönheit war Kingdoms of Amalur schon 2012 nicht gerade. Vor allem die Texturen und die Polygonarmut können nicht mit den ansonsten schicken Effekten und Animationen mithalten.

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Wenn THQ Nordic all das hinkriegt, bekommt Kingdoms of Amalur mit Re-Reckoning die Wiedergeburt, die es verdient. Und ihr die Chance, eines der besten Action-Rollenspiele der letzten Jahre nachzuholen. Euch eben in diesen weichen, gemütlichen Fantasy-Sessel fallen zu lassen, der genau die richtige Balance aus Rollenspiel und Action findet. Wenn ihr diesen Artikel gelesen habt, gilt die Entschuldigung »das hatte ich nicht auf dem Schirm« zumindest schon mal nicht mehr. Man muss es ja auch nicht gleich 3,5-mal durchspielen …

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