Marvel's Avengers übermäßige Echtgeld-Shops werden dem Spiel mehr schaden als sonst

Meinung: Marvel's Avengers Release ist erst Anfang September, aber wir wissen jetzt schon, wie viele Mikrotransaktionen im Spiel stecken. Und die könnten einen ziemlichen Image-Schaden verursachen.

von Dimitry Halley,
30.08.2020 11:45 Uhr

Marvel's Avengers hat einen ausführlichen Service-Game-Plan für die Zeit nach Release. Und der macht kein gutes Gefühl. Marvel's Avengers hat einen ausführlichen Service-Game-Plan für die Zeit nach Release. Und der macht kein gutes Gefühl.

Eigentlich spielt Marvel's Avengers nach den Regeln. Also nach den Regeln, die sich heutzutage im Mainstream als Gewohnheit eingeschlichen haben: Wenn du ein Vollpreis-Spiel verkaufst, dann bitte maximal mit kosmetischen Mikrotransaktionen. Und alle Updates mit neuen DLC-Inhalten sollten kostenlos erscheinen.

Für Skins und fancy Kostüme lässt du Enthusiasten echtes Geld ausgeben, die restlichen Spielerinnen wie Spieler können all das ignorieren, weil's in puncto Gameplay keine Rolle spielt. Und wer echte Euros für Nameplates ausgibt, ist eh selbst schuld. Ich weiß, so richtig toll klingt all das natürlich nicht, aber das ist der Kompromiss, den die Community zähneknirschend akzeptiert. Bei einem Call of Duty: Modern Warfare. Oder Battlefield 5.

Meine Prognose: Bei Marvel's Avengers wird es deutlich mehr von den Fans auf den Deckel geben. Denn zum einen treiben es die vielen Echtgeld-Angebote des Spiels ziemlich auf die Spitze. Und zum anderen bin ich davon überzeugt, dass die Leute Avengers deutlich weniger durchgehen lassen als zum Beispiel Assassin's Creed: Odyssey.

Der Grund? Über dem Spiel kreisen jetzt schon zu viele Geier.

Der Autor: Da Dimi für die GameStar sehr viele Mainstream-Blockbuster testet, bewegt er sich zwangsläufig ausgiebig in der Welt der Mikrotransaktionen und Echtgeld-Shops. Und die ist - alle Kritik mal beiseite - rein fachlich durchaus faszinierend. Zu durchdringen, welche Maschinerie hinter EAs Ultimate Team steckt, hilft beim Verständnis der gesamten Triple-A-Branche. Und lässt auch erkennen, dass Marvel's Avengers den Bogen womöglich überspannt.

Welche Echtgeld-Möglichkeiten hat Marvel's Avengers?

Dröseln wir die Mikrotransaktionen mal auf, die Marvel's Avengers anbietet. Mehr dazu findet ihr übrigens in der offiziellen Echtgeld-Übersicht, aber ich raffe das Ganze für euch zusammen:

  • Alle DLCs erscheinen kostenlos: Neue Helden, Maps, Missionen, Story-Kapitel und so weiter.
  • Händler und Skin-Shops mit normaler Währung: Beim regulären Ingame-Händler könnt ihr Gameplay-Upgrades für eure Superhelden mit Ingame-Währung kaufen, alte Items für Scrap-Material verschrotten. Und auch einige Skins, Emotes und Co. lassen sich für reguläre Währung kaufen. Ganz ohne Echtgeld.
  • Der Premium-Shop: Im sogenannten Marketplace kauft ihr für echtes Geld Premium-Kostüme, -Emotes und so weiter für eure Kämpferinnen und Kämpfer.
  • Ein Battle Pass pro Held: Jeder neue DLC-Held bekommt einen Battle Pass, den ihr für knapp 10 Euro kaufen müsst, um alle Inhalte zu erspielen. Nicht-Käufer bekommen wie bei Modern Warfare zumindest ab und an ein paar kostenlose Freischaltungen. Die Battle-Pässe der Starthelden sind im Kaufpreis von 60 Euro übrigens enthalten.

Auf diesem Screenshot der Entwickler seht ihr den Echtgeld-Marketplace. Auf diesem Screenshot der Entwickler seht ihr den Echtgeld-Marketplace.

Die kleinste Echtgeld-Einheit kostet umgerechnet 5 Dollar (also aufgerundet wahrscheinlich 5 Euro). Ein Epic Skin für Thor kostet 9 Euro. Der Battle Pass pro Charakter 10 Euro. Wer einen Battle Pass durchgrindet, bekommt wie in Modern Warfare den Wert wieder raus - aber natürlich steckt dahinter die Kalkulation, dass lange nicht jeder alle Tiers freischaltet.

Wie gesagt: Auf dem Papier hält sich das Spiel an die »Regeln«. Ihr könnt als DLC-Held Hawkeye alle Missionen spielen, lediglich für kosmetische Freischaltung müsst ihr den Geldbeutel öffnen.

Trotzdem muss ich kein Nostradamus sein, um zu erahnen: Die besten Kostüme werden allesamt hinter einer dicken Paywall landen. Wer PS4-exklusiv mit Spidey durch die Levels schwingt, wird für das sagenhaft coole Venom-Outfit garantiert 9 Euro blechen müssen. Kostüme sind bei Superheldenspielen nun mal das A und O aller Freischaltungen.

Als Comic-Fan schiele ich jetzt schon auf Iron Mans klotzigen Mark 1, den ich unbedingt haben will. Mit eigenem Battle Pass pro Figur und allen Fan-Lieblingsoutfits hinter der Paywall kratzt Marvel's Avengers also hart an der Grenze des Erträglichen. Doch das größte Problem fängt da erst an.

Marvel's Avengers steht unter keinem guten Stern

Ein ausgeklügeltes Netz aus Premium-Shops, Battle-Pässen und Vorbesteller-Boni ist dann am schrägsten, wenn das eigentliche Spiel wie eine lose zusammengeklopfte Bretterbude wirkt. Das war bei Ghost Recon: Breakpoint ein riesiges Problem. Und auch bei Fallout 76 meckerten die Leute über den (damals noch) völlig harmlosen Shop, weil der Rest des Spiels einer Baustelle glich. Marvel's Avengers könnte genau dieses Schicksal ereilen.

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Denn das Spiel steht derzeit unter keinem guten Stern. Die Beta sorgte auf PC und Konsolen für Stirnrunzeln: Ein katastrophaler technischer Zustand, lahmes Missionsdesign, seelenloser Grind. Dass eine Beta natürlich noch Ecken und Kanten haben darf, liegt auf der Hand. Aber die Probleme des Spiels reichen so tief in die einzelnen Spielmechaniken - Kämpfe, Missionsdesign -, dass Presse, Fans und YouTuber hier ziemlich einträchtig das Menetekel an der Wand sehen.

Ja, Marvel's Avengers könnte ein spaßiges Spiel werden. Das sehen viele Fans noch immer so. Und auch der Comic-Fan in mir wünscht sich ein famoses Avengers-Abenteuer. Aber meine ganz persönliche Meinung: Sollte Avengers hier ein ähnlich löchriger Service-Game-Dampfer wie Ghost Recon: Breakpoint sein, dann wird die Monetarisierung die Leute davon abhalten, dem Spiel eine zweite Chance zu geben.

Dass der schon eine ausführlich durchmonetarisierte Zukunft von den Dächern schreit, bevor der Release halbwegs ordentlich gestemmt ist - das alles könnte die Community dem Spiel sehr übel nehmen. Gerade wenn mein Spiel zum Release unter Problemen leidet, brauche ich das Vertrauen der Fans auf kommende Patches. In Ingame-Shops mag viel Geld auf der Straße liegen, doch als Entwickler und Publisher riskiere ich genau dieses Vertrauen. Oder wie seht ihr das?

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