Mass Effect 5 und Dragon Age 4 machen mir wieder Hoffnung für Bioware

Meinung: Bioware ist nicht mehr dasselbe Studio wir früher und fernab jeder Rettung. Das sollte man wohl denken, doch Fabiano kann nicht anders, als hoffnungsvoll zu sein.

von Fabiano Uslenghi,
15.12.2020 14:57 Uhr

Meine Mama hat mal gesagt, ich würde mehr aus den Fehlern anderer lernen als aus meinen eigenen. Ein Stück weit hat sie damit recht. Ich musste nie auf eine heiße Herdplatte greifen, um zu wissen, dass man sich daran verbrennt. Das hat mir meine Schwester vorgemacht und ich hab es ihr geglaubt. Das ist grundsätzlich nichts Schlimmes. Aber an Tagen wie heute wird mir auch klar, dass ich offenbar dafür aus meinen eigenen Fehlern nicht so richtig schlau werde.

Denn ich weiß es eigentlich besser. Ich weiß, dass ich mir keine Hoffnungen mehr machen darf, wenn es um Bioware geht. Dieses Studio ist nicht mehr das, was es mal war. Was ich mit Baldur's Gate und Knights of the Old Republic verbinde, hat nichts mehr mit dem zu tun, was Bioware jetzt ausmacht. Und trotzdem kann ich mir nicht helfen. Als Bioware auf den Game Awards 2020 den ersten richtigen Trailer zu Dragon Age 4 präsentierte und ein wenig unerwartet ein neues Mass Effect angekündigt wurde, begannen meine Augen zu leuchten.

Dragon Age 4: Der erste Trailer zur RPG-Hoffnung ist da 1:12 Dragon Age 4: Der erste Trailer zur RPG-Hoffnung ist da

Und dabei bin ich eigentlich ein eher skeptischer Mensch. Man wird mich in den seltensten Fällen nach einer E3-Präsentation euphorisch und mit Schaum vorm Mund durch die Gegend taumeln sehen. Das ist nicht meine Art. Und so weit ging es bei den neuen Bioware-Trailern zum Glück auch nicht. Ich war eher selbst davon überrascht, dass das Gezeigte ein wohliges Kribbeln in meiner Magengrube auslöste.

Aber in dem Fall muss ich es einfach akzeptieren. In mir keimt vorsichtige Hoffnung auf. Der Traum von einem Mass Effect und einem Dragon Age, das die Fangemeinde wieder versöhnt. Während ich diese Worte schreibe, kann ich übrigens selbst aus dem Homeoffice hören, wie die Kollegen Maurice Weber und Peter Bathge mit den Ohren schlackern.

Der Autor
GameStar-Redakteur Fabiano Uslenghi liebt Rollenspiele über alles. Für ihn war Baldur's Gate der erste Schritt in dieses Genre und danach wollte er es nie wieder aus seinem Leben missen. Nach Baldur's Gate kam Knights of the Old Republic, danach Mass Effect und seitdem hat Fabiano kein Spiel der früher als RPG-Experten bekannten Entwickler mehr verpasst. Zumindest bis Anthem. Danach war er sich eigentlich sicher, dass er emotional mit dem Studio abgeschlossen hat. Doch die neuen Trailer zu Mass Effect und Dragon Age haben ihm gezeigt, dass er sich das offenbar einredet.

Das neue Mass Effect: Der Blick zurück

Gerade Mass Effect gehört zu den Spielen, denen wir die Bioware-Misere unter anderem zu verdanken haben. Für mich war es ein ziemlicher Schock, als Mass Effect: Andromeda rauskam. Damit will ich jetzt gar nicht allzu sehr gegen Andromeda schießen. Es hatte seine Stärken. Doch zum Release verdiente dieses Spiel mit seinen kruden Gesichtsanimationen und den vielen Bugs in meinen Augen den Stempel eines Mass Effect einfach nicht. In seiner Summe war das Spiel zwar immer noch »ganz gut«, aber »ganz gut« war bis dato nicht der Qualitätsanspruch dieser Reihe und auch nicht von Bioware.

Andromeda sorgte bei seinem Release für einen Eklat. Vor allem technisch konnte der neueste Ableger der geschätzten Rollenspiel-Reihe nicht mal ansatzweise überzeugen. Andromeda sorgte bei seinem Release für einen Eklat. Vor allem technisch konnte der neueste Ableger der geschätzten Rollenspiel-Reihe nicht mal ansatzweise überzeugen.

Wir können jetzt noch nicht wissen, ob sich das beim neuen Mass Effect ändert. Aber eines ist jetzt schon klar: Bioware versucht, sich auf alte Stärken zu besinnen. Der erste Teaser bringt Liara aus der Shepard-Trilogie zurück. Es geht wieder in die Milchstraße. Und vielleicht machen wir uns sogar auf die Suche nach Shepard selbst.

Diese Ausgangslage an sich hat zwar ein paar Probleme, sie beweist mir aber eine Sache: Das Studio versucht, an die Vergangenheit anzuknüpfen. Aktuell kann man sich mit diesen Spielen kein Risiko erlauben. Noch einen Shitstorm wie bei Andromeda und Anthem werden weder Bioware noch EA in Kauf nehmen. Das Studio hat die letzten Jahre experimentiert und ist daran gescheitert. Es bleibt nur der Weg zurück. Und das bei einer Reihe, bei der das nach Teil drei eigentlich keine Option war.

Und wenn die Vergangenheit schon thematisch wieder eine größere Rolle spielt, wieso nicht auch spielerisch? Ob jetzt aus Kalkül oder Nostalgie, das neue Mass Effect zeigt mir, dass Bioware seine alten Fans nicht aufgeben wird.

Wir haben von dem neuen Mass Effect noch nicht viel gesehen, der erste Trailer sorgte aber bereits für Gänsehaut. 1:43 Wir haben von dem neuen Mass Effect noch nicht viel gesehen, der erste Trailer sorgte aber bereits für Gänsehaut.

Das neue Dragon Age: Eine vertrackte Lage

Dragon Age hat eine noch kompliziertere Geschichte als Mass Effect. Auch hier gibt es natürlich viele Spieler, die nach Origins eher enttäuscht wurden (ich zähle mich dazu). Gleichzeitig springen deutlich mehr Fans von Inquisition oder sogar des zweiten Teils herbei, sobald man zu harsche Kritik an Origins Nachfolgern äußert.

Einen so vehementen Shitstorm wie bei Mass Effect musste Dragon Age nie erdulden. Aber die Entwicklung von Dragon Age 4 steht dafür unter einem etwas schlechteren Stern. Nach dem Anthem-Debakel kamen auch viele Hintergründe rund um die Planung eines neuen Dragon Age ans Tageslicht. Von Entwicklern die hin- und hergeschoben wurden. Die erst Andromeda retten und dann bei Anthem aushelfen mussten.

Biowares letzter Sargnagel? Der Loot-Shooter Anthem von 2019 wurde von Fans und Kritikern alles andere als positiv aufgenommen. Biowares letzter Sargnagel? Der Loot-Shooter Anthem von 2019 wurde von Fans und Kritikern alles andere als positiv aufgenommen.

Außerdem gab es laut eines Kotaku-Berichts eine komplette Neuausrichtung: Dragon Age 4 solle ein Live-Service-Game auf Basis von Anthem werden, hieß es da. Da schaudert es einigen. Damals versicherte der ehemaligen General Manager Casey Hudson jedoch noch, man konzentriere sich auf Story und Charaktere. Hudson arbeitet inzwischen nicht mehr bei Bioware. Eben so Mark Darrah, der als Produzent der Dragon-Age-Reihe tätig war. Alles keine guten Vorzeichen. Findet auch Kollege Peter:

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Was ich bis jetzt von Dragon Age 4 gesehen habe und über die Story weiß, stimmt mich trotzdem positiv. Das liegt in meinem Fall zu ganz großen Teilen auch an persönlichen Vorlieben. Der wichtigste Satz im Game-Awards-Trailer war für mich: »Keine magischen Hände, keine uralte Prophezeiung. Die Sorte Mensch, die nie jemand kommen sieht.« Ja! Es ermüdet mich jedes Mal, wenn ich in einem Rollenspiel von vornherein der Auserwählte bin. Ich will ein Niemand sein, der Großes leistet. Nur diese Geschichten haben Bedeutung.

Gleichzeitig wird Dragon Age 4 als erster Teil der Reihe sehr viel direkter von seinem Vorgänger profitieren. Wir kennen Solas bereits, bei dem es sich vermutlich um den großen Gegenspieler handeln wird. Und um einen spannenden Gegenspieler obendrauf! In meinen Augen kann die Geschichte nur davon profitieren, dass wir als Spieler zu unserem Feind bereits eine persönliche Verbindung haben.

Solas könnte gerade deshalb zu einem sehr spannenden Gegner werden, da er in Inquisition ursprünglich mal unser Begleiter war. Solas könnte gerade deshalb zu einem sehr spannenden Gegner werden, da er in Inquisition ursprünglich mal unser Begleiter war.

Electronic Arts: Der böse Boss?

»Der Uslenghi«, denken jetzt wohl viele. »Klar klingen die Ausgangslagen von Dragon Age 4 und Mass Effect 5 an sich spannend. Aber denkt er denn gar nicht mit? Dahinter steht ja immer noch EA und die werden Bioware bestimmt niemals wieder erlauben, der profitablen Live-Service-Schiene zu entfleuchen.«

Ja, ich weiß, welcher Publisher hinter Bioware steht. Und ich kenne EAs schlechten Ruf. Aber ich werde an dieser Stelle einfach mal zum Advokat des Teufels: unterschätzt Electronic Arts nicht! Beziehungsweise, steckt den Publisher nicht bedenkenlos in eine Schublade.

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Hier kann man mich gerne wieder auf den Herdplatten-Vergleich festnageln. Aber wenn ich mir EA in den letzten Jahren mal genau anschaue, dann sehe ich da einen Publisher auf Kuschelkurs. Oder zumindest einen Publisher, dessen Interessen mit unseren Forderungen öfters konform gehen.

FIFA und andere Sportspiele lasse ich dabei sehr bewusst außen vor. Diese Spiele befinden sich in einem Sumpf, dem EA gar nicht so leicht entkommen kann und damit auch nicht alleine dasteht. Sportspiele sind aber auch nicht das Revier von Bioware. Viel mehr fällt mein Blick auf Star Wars.

Was die Spieler wollen

EA weiß, was seine Spieler wollen. Es klingt kurios, aber der Publisher hört es, wenn ihr redet. In den letzten zwei Jahren veröffentlichte EA mit Star Wars Jedi: Fallen Order und Squadrons zwei Spiele, die komplett auf Live-Service pfeifen. Die starke Einzelspieler-Kampagnen in den Fokus rücken und nicht mal DLCs verkaufen. Die genau das machen, was wir uns gewünscht haben. Sogar Battlefront 2 hat extrem zurückgerudert. Hat sich zu einem fairen Multiplayer-Spaß gemausert - ohne Aufpreis.

Jahrelang wurde sich über EAs Umgang mit Star Wars beschwert. Die Antwort des Publishers: Fallen Order, ein Traum für Singleplayer. Jahrelang wurde sich über EAs Umgang mit Star Wars beschwert. Die Antwort des Publishers: Fallen Order, ein Traum für Singleplayer.

Dieses Jahr öffnet sich EA wieder anderen Plattformen. Sperrt seine Spiele nicht mehr hinter die Origins-Mauer. Die Sims, Star Wars, Battlefield, Dragon Age und Mass Effect findet ihr alles auch auf Steam. EA Play wurde in den Game Pass integriert. Sogar an Anthem wird tapfer weitergeschraubt. Die Kritik ernst genommen.

Ist das eine Falle? Vielleicht. Aber ich werde EA aktuell nicht vorwerfen, ausnahmslos die Wünsche der Spieler finanzieller Interessen unterzuordnen. Und wenn dieser Kurs anhält, dann könnten Mass Effect und Dragon Age davon profitieren. Dann will EA nämlich seine Spieler weiterhin zufriedenstellen.

Das alles trägt zum Gedeihen meiner Hoffnung bei. Es ist eine kleine Hoffnung, nicht mehr als eine Knospe, die sich gerade einen Weg durch das zähe Geröll des zerstörten Vertrauens bahnt. Aber ich bin froh, dass ich zu dieser Hoffnung in der Lage bin. Zumindest solange, bis ich mich wieder an Bioware verbrenne. Das ist dann vielleicht wirklich das letzte Mal.

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