Wieso gerade 2020 so viele Spiele verschoben werden

Dying Light 2, Cyberpunk 2077, Ubisofts große Blockbuster - zahlreiche wichtige Spiele werden 2020 verschoben. Und dahinter stecken durchaus vorhersehbare Mechanismen.

von Dimitry Halley,
22.01.2020 17:18 Uhr

Spiele-Verschiebungen - Warum kommen viele Blockbuster jetzt doch nicht? 12:50 Spiele-Verschiebungen - Warum kommen viele Blockbuster jetzt doch nicht?

Hat euch überrascht, dass Cyberpunk 2077 verschoben wurde? Oder Dying Light 2? Oder das komplette Arsenal von Ubisoft - also Watch Dogs Legion, Rainbow Six Quarantine und Gods & Monsters? Falls ja, dann nehmen wir euch jetzt mal mit auf eine kleine Reise in die Wirkungsmechanismen der Gaming-Industrie. Dass 2020 zahlreiche Big-Budget-Projekte Probleme bekommen würden, ihr Release-Datum einzuhalten, war nämlich abzusehen. Und hat bisweilen gar nichts damit zu tun, dass jemand schlecht arbeitet.

2020 ist ein historisch heikles Jahr - eine neue Konsolengeneration steht vor der Tür. In diesem Spannungsfeld finden sich Muster, die wir schon zum Ende der PS3- und Xbox-360-Ära gesehen haben. Denn auch GTA 5 wurde mehrfach verschoben. Für solche Verschiebungen gibt's meist zwei wichtige Gründe.

Wie läuft so ein Gaming-Jahr überhaupt ab?

In einem regulären Spielejahr erscheinen Triple-A-Spiele meist in zwei extrem wichtigen Zeiträumen: im Frühling oder Herbst. Die ganz besonders dicken Fische, die Crème de la Crème der Blockbuster, reservieren sich große Publisher in der Regel für das Herbst- und Weihnachtsgeschäft. Ja, es gibt hier Ausnahmen wie Blizzard oder Rockstar - Diablo 4 oder GTA 6 haben so eine Marktmacht, dass beide theoretisch Mitte Juli erscheinen und trotzdem wie eine Bombe einschlagen könnten.

Trotzdem gilt: Im September, Oktober und November kommen in der Regel Spiele des Kalibers Red Dead Redemption 2, Assassin's Creed: Odyssey, Call of Duty: Modern Warfare, Battlefield 5, Star Wars Jedi: Fallen Order und so weiter.

Die etwas kleineren, aber immer noch sehr großen Fische landen hingegen im Frühlingsgeschäft. Im Februar, März und April sehen wir deshalb Releases wie Sekiro, Far Cry 5, Kingdom Come: Deliverance oder Monster Hunter World. Warum ist das so?

Ein anspruchsvolles Triple-A-Spiel wie Sekiro ist ein typischer Frühlings-Release. Ein anspruchsvolles Triple-A-Spiel wie Sekiro ist ein typischer Frühlings-Release.

In der kalten Vorweihnachtszeit herrscht in der Regel eine deutlich höhere Nachfrage nach Spielen als im heißen Sommer, die Leute kaufen Geschenke, verbringen ohnehin viel Zeit drinnen. Vorweihnachtszeit ist Konsumzeit - das gilt nicht nur im Gaming. Deshalb stürzen sich Publisher auf diesen Zeitraum. Doch dadurch riskiert etwa ein Far Cry 5 trotz der eigenen Markengröße, im Herbst zwischen Call of Duty und Battlefield erdrückt zu werden.

Vor Weihnachten herrscht nämlich enorme Konkurrenz - da bietet sich für ein Monster Hunter World einfach an, stattdessen im Frühling zu erscheinen, wenn die Leute in der Regel mit dem Weihnachtsspiel durch sind, immer noch viel Zeit drinnen verbringen und Hunger nach neuen Blockbustern verspüren. So muss sich ein ohnehin anspruchsvolles Sekiro nicht gegen Assassin's Creed durchsetzen und stößt auf ein deutlich willigeres Publikum. 2020 sieht die Situation allerdings anders aus.

Grund 1: Alles muss raus

Der Aufprall der PS5 und Xbox Series X wird im Herbst 2020 alles andere in den Schatten stellen. Die großen Launch-Titel der neuen Konsolen erhalten auch im Marketing der großen Publisher maximale Aufmerksamkeit. Für Ubisoft dürfte das neue Assassin's Creed maßgeblich im Rampenlicht stehen, Activision posiert mit Black Ops 5 und Sony und Microsoft bewerben hauseigene Kracher wie Halo: Infinite und Co.

Das heißt umgekehrt aber auch, dass alle wichtigen Last-Gen-Spiele bis dahin idealerweise rausgehauen wurden. Watch Dogs Legion kann sich im Frühjahr viel besser platzieren als im dichten Gedrängel des kommenden Konsolen-Starts. Und das nötigt Hersteller wiederum dazu, ihre Release-Daten sehr optimistisch fürs März, April, Mai anzusetzen. Wo 2018 oder 2019 ein Launch-Termin eventuell direkt später ins Jahr gewandert wäre, herrscht 2020 größere Not, den Frühling zu nutzen.

Current-Gen-Titel wie Watch Dogs Legion werden es zum Launch der PS5 deutlich schwieriger haben, sich durchzusetzen. Current-Gen-Titel wie Watch Dogs Legion werden es zum Launch der PS5 deutlich schwieriger haben, sich durchzusetzen.

In einer idealen Welt räumt dann beispielsweise Ubisoft im Frühjahr mit Watch Dogs Legion, Gods & Monsters und Rainbow Six Quarantine ordentlich auf und schafft damit das perfekte Fundament für den großen PS5-Star Assassin's Creed. Nur ist die echte Welt eben oft nicht ideal.

Grund 2: Große Ambition, harte Realität

Entwickler werden in der Regel besser in dem, was sie tun. Als PS4 und Xbox One 2013 eine neue Konsolenära einläuteten, mussten große wie kleine Studios erstmal lernen, die neuen Plattformen zu beherrschen. Bei Launch-Titeln wie Ryse: Son of Rome oder Assassin's Creed Unity sahen wir deshalb typische Startprobleme. Umgekehrt sieht es am Ende eines Konsolenzyklus' aus: In der Regel finden sich dort die ambitioniertesten Titel einer Ära.

Im Fall der PS3 und Xbox 360 war das ein GTA 5, heutzutage bekommen wir stattdessen Red Dead Redemption 2, The Last of Us 2, Cyberpunk 2077 und andere. Studios fühlen sich firm im Umgang mit den Devkits, doch diese Sicherheit führt nicht immer zu reibungslosen Projekten. CD Projekt RED hat im Rahmen der Cyberpunk-Verschiebung selbst konstatiert, dass 2077 ihr großes Meisterstück der aktuellen Hardware-Generation werden soll. Techland will gleichzeitig mit Dying Light 2 nicht einfach Teil 2 produzieren, sondern eine komplett transformierbare Open World.

Das sind edle Ziele, aber sie hauen nicht immer hin. Ubisoft hat sicherlich nicht damit gerechnet, dass ihnen Ghost Recon: Breakpoint so sehr um die Ohren fliegt, dass sie das Feedback in all ihren kommenden Releases erstmal umsetzen müssen, bevor sie damit zur Ladentheke schreiten.

Dying Light 2 will mehr sein als ein Aufguss des ersten Teils. Dying Light 2 will mehr sein als ein Aufguss des ersten Teils.

Die Verschiebungen begünstigen sich also aus zwei Richtungen. Durch den Konsolendruck sind Publisher eher geneigt, Release-Termine mit gedrückten Däumchen ins Frühjahr zu pressen - und durch die hohen Ambitionen am Ende eines Hardware-Zyklus' wächst das Risiko, diese Termine nicht einhalten zu können. Im Fall von GTA 5 haben die Verschiebungen dem Spiel nicht geschadet. Warten wir mal ab, wie es bei Dying Light 2, Cyberpunk 2077 und Co. im Lauf des Jahres aussieht.

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