Beyond the Wire: Warum ich als Noob ausgerechnet einen Hardcore-Shooter zocke

Meinung: Beyond the Wire ist ein gnadenloser Hardcore-Shooter im Ersten Weltkrieg. Und obwohl ich nicht zielen kann, fühl ich mich hier wohler als in Battlefield oder Call of Duty.

von Fabiano Uslenghi,
03.11.2020 14:20 Uhr

Ich kann einfach nicht zielen. Und ich habe auch kein Problem das zuzugeben! Wenn ich danebenschieße, suche ich den Grund dafür eher bei mir als beim Lag. Oft sehe ich die Gegner nicht einmal, bevor mich auch schon der Donnerschlag trifft. Wahrscheinlich liegt das auch schlicht daran, dass ich meine Shooter-Zeit mit Call of Duty: World at War oder Bad Company 2 ausschließlich auf der Konsole verbracht habe. Ich habe also nie gelernt, anständig mit der Maus zu zielen.

Irgendwann hatte ich dann genug. In Shooter verirre ich mich heutzutage nur noch selten. Doch obwohl ich im wahrsten Sinne ein Shooter-Noob bin, reizen mich gewisse Neuerscheinungen. Aktuell habe ich mich ein wenig in Beyond the Wire verliebt. Das Spiel startete vor kurzem seinen Early Access und verspricht riesige Schlachten, brutale Nahkämpfe und ein realistisches Schlachtfeld-Feeling im Ersten Weltkrieg.

Der Autor
Fabiano spielt meistens Rollenspiele oder verbringt hunderte Stunden als strategischer Anführer auf virtuellen Schlachtfeldern. Doch sobald er selbst an der Front steht und versucht sich in Online-Shootern zu behaupten, ist das in der Regel ein sehr bemitleidenswertes Schauspiel. Als Geschichtsstudent legte er allerdings einen großen Fokus auf die jüngere Geschichte und besonders auf beide Weltkriege. Deshalb schaffen es Shooter mit diesen Settings immer wieder sein Interesse zu wecken.

Beyond the Wire erinnert dabei stark an Post Scriptum, was wiederum aus dem Taktik-Shooter Squad hervorgegangen ist. Damit reiht sich Beyond the Wire eher in der Nische der Hardcore-Shooter ein. Und obwohl ich wie gesagt selbst ein Noob auf diesem Gebiet bin, habe ich mit diesen extrem anspruchsvollen Shootern in der Regel mehr Spaß als mit der Mainstream-Konkurrenz. Und dafür gibt es drei Gründe.

1. Ich treffe selten, aber tödlich

Schon zu meinen CoD-Zeiten bevorzugte ich den Hardcore-Modus. Für mich gibt es bei Spielen wenig wichtigeres als eine immersive Welt. Hardcore-Shooter bieten mit ihren reduzierten Interfaces und dem Friendly Fire genau das. Ein Gefecht fühlt sich für mich nicht real an, wenn meine Kollegen mir einfach ohne Konsequenzen vor die Flinte laufen können.

Noch wichtiger war mir aber die geringe Time to Kill - also vereinfacht gesagt, die Zahl der Treffer, die ich und alle anderen einstecken, bevor der Respawn droht. Battlefield 5 verscherzte es sich 2019 in diesem Bereich ein wenig mit seiner Community, als plötzlich die TTK hochgesetzt wurde. Anscheinend, um weniger erfahrenen Spielern einen leichteren Einstieg zu gewähren:

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Wer mehr Kugeln aushält, bleibt immerhin länger am Leben und wird weniger frustriert. Für mich passt diese Rechnung aber einfach nicht zusammen. Ich kann eben schlechter Zielen als die meisten anderen Spieler. Und was mich mehr frustriert als der eigene Tod, ist selbst keine Abschüsse zu verzeichnen.

In Hardcore-Shooter wie Beyond the Wire bedeutet eine einzige Kugel meistens das digitale Ableben. Ich treffe immer noch selten. Dafür zahlt sich jeder Treffer aber aus. In Beyond the Wire spielt zusätzlich der Nahkampf eine große Rolle, was man auch im Trailer sieht:

Beyond The Wire zeigt seine brutalen Grabenkämpfe im Ankündigungs-Trailer 1:17 Beyond The Wire zeigt seine brutalen Grabenkämpfe im Ankündigungs-Trailer

2. Ich bin einer von vielen

Ich bin kein besonders kompetitiver Spieler. Ich hatte früher mal einen gewissen Siegeswillen. Doch gerade die Erkenntnis, einfach kein Talent für Shooter zu haben, hat das mittlerweile gedämpft. Mainstream-Shooter wie Call of Duty und Battlefield setzen mich allerdings immer unter Druck. Hier kann die Leistung einiger weniger ein ganzes Match entscheiden. Ranglisten verraten mir, wer gerade der krasseste Supersoldat auf dem Server ist.

In Hardcore-Shootern wie Beyond the Wire verblasst die Leistung einzelner sehr leicht vor dem großen Ganzen. Die 50 Spieler starken Teams werden in verschiedene Kompanien unterteilt. Das macht einen Überblick über die Gesamtleistung fast unmöglich und ist nicht zielführend. Diese Spiele leben von ihrer Teamarbeit. Nur wer kommuniziert und seine Rolle erfüllt, hat eine Chance auf den Sieg.

Als Teil der Artillerie sieht man von der Front oft wenig. Das kann auch mal langweilig sein, erfüllt aber einen wichtigen Zweck abseits der intensiven Grabenkämpfe. Als Teil der Artillerie sieht man von der Front oft wenig. Das kann auch mal langweilig sein, erfüllt aber einen wichtigen Zweck abseits der intensiven Grabenkämpfe.

In Beyond the Wire muss ich nicht einmal auf meine Gegner schießen, um meinen Beitrag zu leisten. Wer zu Artillerie gehört verbringt äußerst viel Zeit hinter den eigenen Linien und baut Geschütze auf. Sanitäter helfen gefallenen Soldaten auf die Beine und Kommandanten befehlen Artillerieschläge.

Das macht es mir einfach, mich hinter meiner designierten Aufgabe zu verstecken und den Leistungsdruck an der Front zu vergessen. Ich bin nicht besonderes, das sind die anderen aber auch nicht!

Noch mehr Hardcore gefällig?
Genau wie Fabian hat Christian Just aus der GameStar-Redaktion einen Hardcore-Shooter lieben gelernt. Und zwar Escape from Tarkov. Bei GameStar Plus erklärt er euch, was dieses »Dark Souls der Shooter« ausmacht und woher die große Faszination rührt:

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3. Die Community macht das Spiel lebendig

Damit ich in ein Multiplayer-Spiel eintauchen kann, muss ich es ernst nehmen. Das funktioniert am besten, wenn ich nicht der einzige bin, der das macht. Shooter wie CoD oder Battlefield haben dank hochwertiger Optik eine mitreißende Atmosphäre, doch Beyond the Wire und Co. haben was anderes: eine Community, die jede Runde für voll nimmt.

Eine Angriff fühlt einfach deutlich nachvollziehbarer an, wenn über den Voice-Chat sinnvolle Befehle gerufen werden oder Spieler tatsächlich verzweifelt nach einem Medic rufen. In einigen Fällen gleitet diese Identifizierung mit dem Geschehen sogar ins Rollenspiel ab.

Das ist natürlich nicht immer so und nicht jeder geht mit der selben Ernsthaftigkeit an Beyond the Wire ran. Doch in meinen Stunden mit diesem Hardcore-Shooter trug die Community einen großen Teil dazu bei, für eine lebendige Atmosphäre zu sorgen.

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