Es gibt Kolumnen, da warnen einen die Kollegen schon im Vorfeld: Mach das nicht. Da stichst du in ein Wespennest. Da gibt es nichts zu gewinnen, nur zu verlieren.
Das in Verruf geratene Blizzard loben? Diablo 4 als Positivbeispiel hervorheben? Obwohl ich es nicht einmal aktiv spiele? Ich muss verrückt sein! Aber gut, das wusste ich schon immer, also kann ich unbesorgt weiterschreiben.
Vessel of Hatred ist vor wenigen Tagen erschienen. Mir kommt es von außerhalb der Fan-Blase so vor, als sei die vorherrschende Stimmung rund um das Diablo-4-Addon eher negativ als positiv. Meist dreht sich die Kritik um … einen Hund? Außerdem sind viele nur halbgar umgesetzte Neuerungen ein Ärgernis.
Glaubt mir, liebe Diablo-Fans: Ich verstehe euren Frust! Aber trotzdem muss ich an dieser Stelle mal eine Lanze für das Entwicklerteam bei Blizzard brechen, auch wenn ich dafür in der Hölle lande.
Der Teufelskreis im Hause Blizzard
Schon seit dem Release von Diablo 3 ist es stets der gleiche Zyklus:
- Ein neuer Hauptteil erscheint und sorgt mit kontroversen Entscheidungen, technischen Problemen zum Launch und Gameplay-Schwächen für Kritik.
- Blizzard bessert mit vielen Updates nach, die Fans bejubeln die vielen Änderungen.
- Das Addon geht an den Start und wieder hagelt es massenhaft Kritik an Blizzard allgemein und Diablo im Speziellen.
- Blizzard bessert erneut mit Updates nach, der Sturm legt sich, bis das nächste Addon oder der nächste Hauptteil erscheint und alles wieder von vorn losgeht.
Ja, Blizzard tritt oft und mit Anlauf ins Fettnäpfchen. Das lässt sich auch mit der wohlwollendsten Kolumne nicht wegdiskutieren. Was mir persönlich aber imponiert: Blizzard schmeißt nicht das Handtuch.
13:39
Diablo 4: Vessel of Hatred macht im Test so viel richtig und eine Sache furchtbar falsch
Das Diablo-Team gibt einfach nicht auf
Es wäre für einen Entwickler mit dem Namen und den Ressourcen wie Blizzard ein Leichtes, in Verruf geratene Spiele auf das Abstellgleis zu schieben und sich neuen, unbelasteten
Projekten zu widmen.
Wäre ich Entscheidungsträger bei Blizzard, würde ich mich fragen: Warum immer und immer wieder all die finanziellen Mittel und personellen Ressourcen nach dem Launch aufwenden, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Warum immer wieder die Wut der - meist zu Recht - enttäuschten Fans über sich ergehen lassen? Warum nicht einfach die Marke Diablo begraben und sich etwas Neues ausdenken?
Auf letztere Frage liefere ich euch gleich eine unschöne Antwort, trotzdem möchte ich es an dieser Stelle noch einmal klar und deutlich sagen: Ich finde es spitze, wie ausdauernd und unnachgiebig sich Blizzard rund um Diablo zeigt.
Vessel of Hatred mag einen holprigen Start hinter sich haben, aber ich vertraue auf den oben skizzierten Blizzard'schen Teufelskreis und bin sicher, dass die Welt von Sanktuario schon in wenigen Monaten dank umfangreicher Patches und neuer Seasons wieder ganz anders (und besser) aussieht.
2:25
Diablo 4: Gameplay-Trailer zu Season 6 stellt neue Mechaniken, Monster und Skills vor
Das Beste kommt erst noch
Bei Diablo sind es traditionell nicht die Addons, die das Spielerlebnis runder machen, sondern die vielen Updates im Nachgang. Das lehrt uns die Geschichte, wenn wir in das Jahr 2014 zum Release von Reaper of Souls zurückreisen.
Die Erweiterung für Diablo 3 sorgte damals zum Release für reichlich Kritik seitens der Fans und zwar …
- … wegen des abrupten Endes.
- … wegen der wenigen wirklich sinnvollen Neuerungen.
Genau die Punkte, die nun auch bei Vessel of Hatred für erhitzte Gemüter sorgen. Doch schon damals hat das Entwicklerteam im Nachgang viele umfangreiche Updates nachgeschoben, auf die Kritik der Fans gehört und Diablo 3 so zu einem zweiten Frühling und vor allem sehr langen Atem verholfen.
Natürlich lässt sich an dieser Stelle einwerfen: Warum denn nicht gleich so, Blizzard?
Aber wie gesagt: Trotz aller Fehler zeigt Blizzard beim Thema Diablo stets den Willen zur Verbesserung. Ich bin sicher, dass Vessel of Hatred mit seinen vielen spielerisch tollen Ansätzen nur der Auftakt vieler großer Updates sein wird. Und diese Hartnäckigkeit ringt mir Respekt ab!
Die unbequeme Wahrheit für Blizzard
So, genug gelobt. Jetzt kommen wir noch zu der unschönen Antwort
, die ich euch vorhin auf die Frage versprochen habe, warum Blizzard nicht einfach Diablo 4 den Rücken kehrt: Weil sie es nicht können.
Ich glaube felsenfest daran, dass es im Entwicklerteam viele Menschen gibt, denen die Marke sehr am Herzen liegt. Aber es gehört auch zur unbequemen Wahrheit, dass Blizzard nach dem Overwatch-2-Flop, den eingestellten Strategiespielen wie Warcraft 4 und dem auch nicht jünger werdenden World of Warcraft mehr denn je auf Diablo angewiesen ist.
Diablo 4 ist zum Erfolg verdammt - und erfolgreich ist die Monsterhatz auch allen Unkenrufen zum Trotz. Das beweisen die über eine Milliarde US-Dollar, die das Action-Rollenspiel bislang in Blizzards Kassen gespült hat, nicht zuletzt dank Mikrotransaktionen.
Es steht also außer Frage, dass der einst als unfehlbar angesehene Kult-Entwickler an seinem inzwischen wichtigsten Zugpferd festhält, ob er will oder nicht. Das ständige Nachbessern aufgrund von heftigen Exploits, nervigen Balancing-Problemen oder wie jetzt kontrovers diskutierten Addon-Launches ist also nicht nur wollen
, sondern auch müssen
.
Es gibt auch ein unrühmliches Beispiel, was passiert, sobald Blizzard mit der Kombination aus Shitstorm und finanzieller Sackgasse konfrontiert wird: Das zum Release grottige Warcraft 3: Reforged verzichtete auf Mikrotransaktionen und wurde von Blizzard einfach fallengelassen.
Ich weiß: Damit stelle ich mir argumentativ gerade selbst ein Bein, habe ich doch vorher noch über die Leidenschaft der Entwickler gelobt. Aber wisst ihr was? Das eine schließt das andere nicht aus!
Blizzard ist von Diablo abhängig. Blizzard liebt aber auch Diablo. Davon bin ich in meiner zugegeben etwas naiven Gutgläubigkeit überzeugt. Das Spiel hat neben Warcraft ihren Aufstieg überhaupt erst ermöglicht, hat ihnen viele tolle Momente mit Fans beschert und das Team auch in kreativer Hinsicht ein ums andere Mal herausgefordert.
So einen langjährigen und liebgewonnenen Partner lässt man nicht einfach im Dreck liegen. Man reicht ihm die Hand und hilft ihm auf die Beine. Immer und immer wieder - zumindest, solange er Geld heimbringt.
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