Easy Mode für Elden Ring? Die Beißreflexe nerven, und zwar von beiden Seiten

Auf Twitter wird erneut um den Schwierigkeitsgrad eines From-Software-Spiels gestritten. Und wieder gibt es nur schwarz oder weiß, was Heiko mächtig frustriert.

von Heiko Klinge,
08.03.2022 14:23 Uhr

Twitter hat offenbar mal wieder nichts Besseres zu tun, als sich über ein Spiel zu streiten. »Elden Ring ist zu schwer und unzugänglich!«, beschweren sich die einen. »Ein Easy Mode würde die Vision von From Software zerstören, spielt halt besser!«, erwidern die anderen.

Dann folgen mal mehr mal weniger höflich die immergleichen reflexhaften Vorwürfe und Gegenvorwüfe, aber nur ganz selten wird einander wirklich zugehört. Und das finde ich ebenso traurig wie frustrierend. Denn der Kern der Debatte ist absolut diskussionswürdig, mit guten Argumenten auf beiden Seiten.

Zugänglichkeit ist wichtig. Auch für From Software.

Grundsätzlich gilt für mich: Gatekeeping ist scheiße. Immer. Wenn es Optionen gibt, die anderen Menschen den Zugang zu so etwas Wunderschönem wie Spielen erleichtern und die für mich keinerlei Nachteile haben, dann sagt es viel über die eigene Kinderstube aus, wenn man solche Optionen aus Prinzip ablehnt.

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Ich finde es großartig, dass sich Entwicklerstudios hierüber inzwischen immer mehr Gedanken machen, hervorzuheben sind vor allem Microsoft, Sony und Ubisoft. Menüs können auf Wunsch vorgelesen werden, es gibt unterschiedlichste Modi für Farbenblinde, in Horizon: Forbidden West kann ich sogar Tinnitus-Geräusche deaktivieren.

Und ja, Elden Ring muss sich den Vorwurf gefallen lassen, hier deutlich weniger Optionen und Hilfen anzubieten als andere Blockbuster. Ich darf nicht mal die Schriftgröße der Texte anpassen. Wer sich für eine differenzierte Diskussion und die unterschiedlichen Accessibility-Perspektiven zu Elden Ring interessiert, sollte sich unbedingt das Video des blinden Gaming-Youtubers Steve Saylor anschauen:

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Das Interessante: Elden Ring wird im Video nicht ausschließlich kritisiert, sondern in bestimmten Bereichen sogar für sein inklusives Design gelobt – gerade im Vergleich zu früheren From-Software-Titeln.

Denn bei Accessibility geht es eben nicht nur um Dutzende Optionen in einem Spielmenü, sondern auch darum, welche Hürden innerhalb des eigentlichen Spiels existieren. Und hier macht Elden Ring demnach mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes barrierefreien Open World einiges besser als manche auf dem Papier leichtere Spiele mit linearem Design, in denen es schon im ersten Level für manche Menschen unüberwindbare Hindernisse gibt.

Accessibility ist einfach ein unglaublich komplexes und vor allem sehr individuelles Thema, bei der es für jede Person mit Handicap andere Herausforderungen und Lösungen gibt. Lösungen, über die sich From Software auch meiner Meinung nach in Zukunft mehr Gedanken machen sollte.

Ein hoher Schwierigkeitsgrad ist legitim

Auf der anderen Seite finde ich es genauso beißreflexig, wenn die Argumente der »Elden Ring muss schwer sein!«-Fraktion einfach unreflektiert als unsozial und egoistisch beiseite gewischt werden. Mal völlig unabhängig davon, dass in der Debatte regelmäßig die Zugänglichkeit beziehungsweise Accessibility eines Spiels mit dessen Schwierigkeitsgrad verwechselt oder in einen Topf geworfen werden.

Selbstverständlich haben Studios das Recht, Spiele genauso zu entwickeln, wie es ihrer künstlerischen Vision entspricht. Und bei den Titeln von From Software macht der hohe Schwierigkeitsgrad für viele nun mal einen elementaren Bestandteil der Faszination aus – egal ob man diese Faszination persönlich nachvollziehen kann oder nicht.

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Bei Dark Souls 1-3 oder Bloodborne war auch für mich noch völlig unverständlich, wie jemand Spaß daran haben kann, von einem Spiel regelmäßig bestraft zu werden. Dass Elden Ring für mich trotzdem funktioniert, ist echt ein kleines Wunder, auch wenn es dafür gute Gründe gibt.

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Aber egal, wie häufig ich nach wie vor ins Gras beiße: Mir würde nie einfallen, einen leichteren Schwierigkeitsgrad für Elden Ring zu fordern. Genauso wenig wie ich diejenigen verurteile, die Elden Ring frustriert abbrechen und sich schwören, nie wieder einen Titel von From Software anzufassen.

Death Metal und Helene Fischer machen gleich glücklich

Es ist okay, unterschiedliche Geschmäcker zu haben. Niemand würde auf die Idee kommen, von einer Death-Metal-Band zu fordern, doch bitteschön leiser zu spielen und das Brüllen zu lassen. Gleichzeitig habe ich als Metal-Fan zu akzeptieren, dass andere Menschen Freude empfinden, wenn sie Helene Fischer hören. Ich muss es nicht verstehen, um anderen ihr persönliches Glück zu gönnen.

Der Witz ist: Bei Metal- wie Helene-Fischer-Konzert gibt es die gleichen Möglichkeiten, Menschen mit Handicap dieses Glück zu ermöglichen. Nicht nur durch klassische Accessibility-Hilfen wie Rampen oder spezielle Bereiche, sondern auch durch Rücksichtnahme, Verständnis und Unterstützung.

Das Leuchten in den Augen eines Rollstuhlfahrers, den wir bei einem Dragonforce-Gig mit vereinten Kräften spontan zum Crowdsurfen in die Höhe gehoben haben, gehört jedenfalls bis heute zu meinen schönsten Konzerterinnerungen. Sowas muss doch auch in Videospielen gehen! Und zwar völlig unabhängig vom Schwierigkeitsgrad und anderen persönlichen Geschmackssachen.

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Grundsätzliche finde ich es großartig, wenn ein Spiel derart angeregt diskutiert wird wie Elden Ring. Dass so viele darüber reden, was dessen Faszination ausmacht und was es besser machen könnte, damit sich diese Faszination noch mehr Menschen erschließt. Denn alles wird schöner, wenn wir es mit denjenigen teilen können, die uns etwas bedeuten.

Und deshalb frustriert es mich gerade auch so sehr, wie wenig hier teilweise einander zugehört und auf der eigenen Position beharrt wird. Vielleicht bin ich naiv, aber ich hoffe wirklich, dass From Software diese Diskussion interessiert verfolgt und einfach mit Elden Ring 2 beweist, wie verbohrt hier manche waren. Denn ich glaube fest daran, dass ein zugänglicheres Elden Ring möglich ist, ohne dass dessen Identität und Besonderheit darunter leiden müssten.

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