New World: Dass ausgerechnet Amazon Warteschlangen zulässt, ist ein Witz

Die Server von New World sind zum Launch voll oder offline, Tausende Spieler warten in der Schlange. Das Bittere: Amazon hätte es besser wissen können.

von Peter Bathge,
30.09.2021 16:42 Uhr

Wer zum Launch versucht, New World zu spielen, muss sich darauf gefasst machen, dass er lange wartet. Dass nichtmal Amazon dieses alte MMORPG-Problem der Warteschlangen lösen kann, sollte uns zu denken geben. Wer zum Launch versucht, New World zu spielen, muss sich darauf gefasst machen, dass er lange wartet. Dass nichtmal Amazon dieses alte MMORPG-Problem der Warteschlangen lösen kann, sollte uns zu denken geben.

»Bevölkerung: HOCH«. In Rot steht das da, eine Warnfarbe. Und daneben: »Spieler in Warteschlange: 5.372«. Wer in New World angesichts dieses Begrüßungs-Screens bei der Serverwahl gleich wieder jede Lust verliert, dem ist das wahrlich nicht zu verdenken. Denn Amazons MMORPG ist nur das neueste Beispiel in einer langen Reihe von Launches, bei denen Spieler zum Start große Probleme haben, auf einen Server zu kommen.

Selbst World of Warcraft-Erfinder Blizzard hat bei jeder neuen WoW-Erweiterung mit überbeanspruchten Server-Kapazitäten zu kämpfen, zum Release von Diablo 2: Resurrected verschwanden jüngst sogar Charaktere. Ist es da so überraschend, dass New World unter demselben Problem leidet, dass Online-Spiele seit Beginn der Massively-Mutliplayer-Ära mit sich herumschleppen?

Grundsätzlich nein. New Worlds Startschwierigkeiten waren in gewisser Weise zu erwarten. Doch die Umstände werfen ein schlechtes Licht auf Amazon. Und wirken im Jahr 2021 wie ein schlechter Witz mit einer bitteren Pointe.

Der Autor
Peter Bathge schreibt seit 2018 für GameStar. Als Redakteur hat er nie ein Online-Rollenspiel testen müssen, erinnert sich aber noch gut an die Anfangszeiten von WoW und Guild Wars 1. New World wollte er eigentlich aus beruflichem Interesse spielen - aber als zum Launch nichts ging, ist er schnell wieder aus der Warteliste verschwunden. Dafür hat er sich ein paar Gedanken zum alten Server-Problem gemacht - und wieso ihn dessen erneutes Auftreten bei Amazons MMO besonders wurmt.

Schon vormittags sind die Server in New World voll (Bild vom 29. September 2021). Schon vormittags sind die Server in New World voll (Bild vom 29. September 2021).

Das alte Lied von den vollen Servern

Auf mich und viele andere Spieler, die New World gerade mit negativen Rezensionen bedenken, wirkt die offensichtlich mangelnde Vorausplanung seitens Amazon äußerst dilettantisch. Hätten die Verantwortlichen hier nicht anhand mehrerer Betatests und Vorbestellerzahlen sowie dem in Google-Suchanfragen ausgedrückten hohen Interesse der Kundschaft einfach besser planen können?

Zumal Amazon ja den ursprünglich für August geplanten Release in letzter Minute noch einmal verschoben hat, um sich vier Wochen lang speziell um Server-Architektur und Warteschlangen zu kümmern. Dass nun selbst jetzt noch viele meiner Kollegen in der Redaktion Probleme haben, auf die Server zu kommen, nervt.

Darüber, warum solche Probleme immer wieder auftreten und weshalb sie sich bis zu einem gewissen Grad nicht vermeiden lassen, erklärt euch ein Experte im Video-Talk:

Warum Multiplayer-Server so oft Probleme machen PLUS 28:33 Warum Multiplayer-Server so oft Probleme machen

Nun könnte man sagen: »Aber Peter, das ist dann doch offensichtlich nicht die Schuld von Amazon!« Und ich sage: Na ja, irgendwie doch! Denn wie Full Stack Engineer Jan Loß im Video erklärt, verpassen es die meisten Entwicklerstudios, frühzeitig in eine kluge Server-Architektur zu investieren. Das geht aber nicht mal ebenso nebenbei, sondern muss von Anfang an bei der Entwicklung mitgedacht werden.

Wenn man dann aus der Not heraus nach Release schnell neue Kapazitäten schafft, indem man zusätzliche Rechner ans Stromnetz anstöpselt, hilft das nur bedingt, denn die Fehler sind systemischer Natur. Was mich dabei so wurmt: Gerade Amazon müsste es besser wissen!

Ihr wollt euch für den Start in Amazons MMO vorbereiten? Unsere Guide-Autoren haben die Beta-Phasen genutzt und für euch hilfreiche Tipps für New World zusammengetragen. Bei GameStar Plus findet ihr einen umfangreichen Einsteiger-Guide und hilfreiche Tipps zum Crafting. Außerdem könnt ihr euch jetzt schon Inspiration für eure Builds holen.

Noch mehr Guides und Tipps zu New World findet ihr in unserem Überblick.

Server sind eigentlich Amazons Expertise

Sagt euch AWS etwas? Amazon bietet unter diesem Akronym Web Services und Cloud-Dienste an. Das Unternehmen ist damit einer der wichtigsten Eckpfeiler der globalen Internetstruktur; längst sind die Zeiten vorbei, als Amazon rein durch den Versand von Paketen sein Geld verdiente.

Auf der AWS-Webseite werden die Skalierungsfähigkeiten dieser Technik angepriesen: »AWS Auto Scaling überwacht Ihre Anwendungen und passt die Kapazität automatisch an, um eine stabile, vorhersagbare Leistung zu den geringstmöglichen Kosten zu erreichen«, heißt es da. »Binnen Minuten« soll die Einrichtung dieser Automatismen möglich sein.

Doch ausgerechnet bei New World versagt Amazons Technik, die sonst unter anderem Millionen von Nutzern problemloses Streaming auf Amazon Prime UND Netflix ermöglicht. Bei New World sind es laut SteamDB aktuell bis zu 734.000 Spieler, die das MMO gleichzeitig spielen. Oder zumindest versuchten es so viele Menschen am Releasetag.

Im Endeffekt drehte mehr als die Hälfte der Spielwilligen Endlosrunden in der Wartschleife (auf EU-Servern zu Hochzeiten am Feierabend gut 400.000), weil Amazon auf eine fragwürdige 2.000-Spieler-Begrenzung pro Server setzt und vergleichsweise wenige Welten zum Launch bereitstellte. Die 63 EU-Server waren somit auf lediglich 126.000 Spieler ausgelegt. Erst im Nachgang verspricht das Unternehmen jetzt zusätzliche Server und erhöhte Kapazitäten, in Australien experiment das Unternehmen offenbar schon mit 2.500 Spielern pro Server.

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Nichts aus der Vergangenheit gelernt

Je nach Zählweise lässt sich die Geburtsstunde der ersten Online-Spiele mit großen Spielerzahlen 47 oder 36 Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgen. Ultima Online ist auch schon 24 Jahre her, Everquest 22 Jahre. Und immer noch müssen wir uns im Jahr 2021 mit ähnlichen Ärgernissen wie zur Pionierzeit herumschlagen, die heutzutage durch die gestiegene Popularität des Genres und die höheren Spielerzahlen noch verschärft werden.

Der Ratschlag »Dann spiel halt nicht am Releasetag!« mag in dieser Beziehung gut gemeint sein, wirkt aber fehl am Platz: Wer New World zum Vollpreis gekauft hat, darf auch erwarten, dass er für seine Investition das Spiel tatsächlich spielen kann. Und wenn das nicht der Fall ist, dann darf man das meines Erachtens auch kritisieren, etwa im Rahmen unseres Tests:

New World im Test: Täglich aktualisierte Live-Review   306     33

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Dabei hätte es seitens Amazon durchaus Möglichkeiten gegeben, die langen Warteschlangen zu umgehen. Etwa, indem man ein Offline-Tutorial einbaut, in dem Spieler schon mal eine halbe oder ganze Stunde verbraten können, ohne die Server zu verstopfen. Man hätte sich frühere Launches anschauen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen können.

Vor allem aber darf man von einem der größten und wertvollsten Unternehmen dieser Welt erwarten, dass es nach mindestens fünf Jahren Entwicklungszeit seines großen MMOs New World zumindest in genau dem Bereich nicht alles vermasselt, für den es sich anderswo rühmt: bei den Servern.

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