70. GTA 4
Entwickler: Rockstar Games
Genre: Open World Action
Release: April 2008
Dimitry Halley: Wie lässt man einen Neuanfang am besten gelingen? Naja, indem man die Dinge radikal anders macht. Und bei Dimitri Rascalovs Kinnbärtchen: Wie anders war bitte GTA 4? Nach dem flippigen, bunten Hip-Hop-Chaos eines GTA San Andreas stürze ich in ein graues, verregnetes, abgeranztes Liberty City, in dem wirklich niemand irgendein Happy End finden kann.
Rockstar sagt hier den klassischen Aufsteiger-Gangster-Helden der Marke Tommy Vercetti endgültig Tschüssi, stattdessen ist Hauptfigur Niko Bellic ein verstörter wie verstörender osteuropäischer Kriegsveteran, der auf der einen Seite endlich den Kampf hinter sich lassen will, aber andererseits einfach den Hass in seinem Herzen nicht los wird.
GTA 4 erzählt keine satirische Geschichte vom American Dream, sondern versteht sich als kaltherziges Verbrecherdrama, in dessen Wirren Niko, Roman und Co. einfach nur irgendwie überleben wollen. Überzeugende Gangsterdramen gibt’s im Gaming ja nicht allzu oft - und GTA 4 kann sich mit den besten seiner Klasse messen: Mafia, Max Payne, später dann L.A. Noire.
Natürlich gibt’s auch jede Menge klassischen bissigen Rockstar-Humor - aufgehangen an schrägen Vögeln wie Brucie, Little Jacob oder eben Cousin Roman. Aber GTA 4 bleibt eine düstere Mär mit satirisch-witzigen Auflockerungen, wo GTA 5 eher ein satirisch-witziges Abenteuer mit düsteren Untertönen ist.
Außerdem konserviert GTA 4 wie jedes GTA wunderbar den Geist seiner Zeit: Ende der 2000er befindet sich die Welt noch radikal im Aufbruch ins digitale Zeitalter, lässt jedoch zeitgleich den Optimismus der 80er und 90er hinter sich. Wo GTA 5 schon klar die Sprache von Social Media, Meme-Kultur und YouTube-Gurus spricht, bleibt GTA 4 ein kurioses Zwischending, das man auch 2025 noch wunderbar genießen kann. Und sollte.
Trivia:
- Niko taucht in den beiden Addons nur noch in Rückblenden auf, weil Synchronsprecher Michael Hollick Rockstar öffentlich vorgeworfen hatte, zu wenig zu zahlen.
- Die Freiheitsstatue im Spiel ähnelt Hillary Clinton. In der Hand hält sie einen Kaffeebecher statt der Fackel - eine klare Anspielung auf Clintons Kritik an der ganzen Hot-Coffee-Sexgeschichte von San Andreas.
69. Alan Wake
Entwickler: Remedy Entertainment
Genre: Action-Adventure
Release: Mai 2010
Natalie Schermann: Wenn in der GameStar-Redaktion der Name Alan Wake fällt, dann wird das meist von beklemmender Stille begleitet. Vielleicht ringt sich jemand zu einem desinteressierten Schulterzucken oder einem leisen Räuspern durch. Doch obwohl intern nur Michi Obermeier, Fabiano und ich die Alan-Wake-Fahne hochhalten, gehört der Remedy-Titel zu den erinnerungswürdigsten Horror-Abenteuern, die ich je erlebt habe.
Als sich der von einer Schreibblockade geplagte Schriftsteller für eine Weile in Bright Falls zurückziehen möchte, ahnt er noch nicht, dass er in seinen ganz persönlichen Albtraum stolpern wird. Die Geschichte wird in sechs Episoden erzählt und ist aufgeteilt wie eine Fernsehserie – die sofort zum Bing-Watching einlädt!
Das Grusel-Abenteuer vereint die atmosphärische Mystik von David Lynchs Twin Peaks mit einer Stephen King-esquen Erzählung und einem fantastischen Soundtrack. Das Spiel lässt nicht nur die furchteinflößenden Figuren aus Alan Wakes Roman zum Leben erwachen, sondern konfrontiert mich auch mit dem Innenleben des Schriftstellers. Vieles wird nur vage angedeutet und ich muss mir selbst ein vollständiges Bild zusammenreimen.
Die lyrische Inszenierung, das Spiel mit Licht und Dunkel, die fantastischen Dialoge und Vertonung bilden die perfekte Ergänzung zur großartigen Handlung. Hach, ich könnte einfach ewig über Alan Wake schwärmen. Mindestens eine Gelegenheit dazu bekomme ich ja noch in dieser Liste: Schließlich ist mittlerweile nach viel zu langer Wartezeit endlich ein fantastischer Nachfolger erschienen!
Trivia:
- Vor dem Release sollte eine Live-Action-Webserie das Spiel promoten. »Bright Falls« erzählt die Geschichte eines Mannes im ländlichen Ort mit demselben Namen, der selbst von der Dunkelheit verschlungen wird.
- Die Inspiration durch Twin Peaks ist in Alan Wake deutlich zu spüren. Das Diner und die Outfits der Kellnerinnen basieren beispielsweise auf David Lynchs TV-Serie.
68. Grim Fandango
Entwickler: Lucasfilm Games
Genre: Adventure
Release: Oktober 1998
Markus Schwerdtel: Game Designer Tim Schafer hat ein Herz für Underdogs, sonst hätte nicht Spielehelden wie Guybrush Threepwood oder Razputin (mit-)erfunden – beide ebenfalls in dieser Liste vertreten. Meine Lieblingsfigur aus der Schäfer'schen Feder ist allerdings Manny Calavera in Grim Fandango. Der ist ein glückloser Bürohengst, der in der Welt der Toten dafür sorgt, dass gute Seelen möglichst schnell zur ewigen Ruhe kommen. Als der zu Lebzeiten grundanständigen Mercedes Colomar nach ihrem Tod der schnelle Weg in Nirwana verwehrt wird, wittert Manny Misswirtschaft und kommt einer Verschwörung im Totenministerium auf die Spur.
Ihr sollt Grim Fandango ja selber spielen, deshalb gibt’s hier natürlich keine Spoiler. Aber man darf verraten, dass die sich über mehrere Spieljahre ziehende Geschichte einzigartig ist. Nicht nur wegen der dicht gewobenen Handlungsstränge und der nachvollziehbaren Motivation der Charaktere, sondern vor allem auch, weil das Adventure kaum einen Querverweis oder Gag sein lässt. Da ist zum Beispiel der an südamerikanische Rebellenführer angelehnte Revolutionär Salvador Limones, der Manny bei seinem Abenteuer hilft. Oder der Oberbösewicht Hector LeMans, ein klassischer Mafiaboss.
Die Story von Grim Fandango ist mitreißend, zieht einen großen Bogen über mehrere Jahre und entführt uns in eine ganz eigene Welt, eben die mexikanische Welt der Toten. Vor allem letzteres verleiht der Geschichte eine wunderbar melancholische Note. Schließlich geht es am Ende darum, dass Manny und Mercedes in Frieden ruhen dürfen – es geht also ausnahmsweise mal nicht ums Überleben.
Trivia:
- Die Remastered-Version von 2015 fängt den Charme des Originals perfekt ein – zugreifen!
- Mannys Nachname Calavera kommt nicht von ungefähr, so heißen die Skelette aus Pappmaché beim Tag der Toten.
- Der Fandango ist ein Tanz afrikanischen Ursprungs, der mittlerweile auch eine Gattung des spanischen Flamenco ist.
67. Psychonauts 2
Entwickler: Double Fine Productions
Genre: Action-Adventure
Release: August 2021
Peter Bathge: Psychonauts 2 ist für mich das erste Spiel von Double Fine, das nicht nur verrückte Ideen besitzt - sondern diese auch über die komplette Länge des Spiels mit spaßigem Gameplay unterfüttert. Psychonauts 2 überrascht von der ersten bis zur letzten Minute, es baut clever auf bekannten Mechaniken auf und wird einfach nicht langweilig. Es ist aber letzten Endes die Story, die mich zum Weiterspielen motiviert.
Denn unter den knalligen Farben, der verrückten Level-Architektur und den cleveren Wortwitzen zeichnen sich düstere Themen ab, die der Geschichte bei aller Blödelei einen erwachsenen Anstrich geben. Es geht in Psychonauts 2 um Spielsucht, Alkoholismus, unerfüllte Liebe, ja selbst Mord. All das sorgt dafür, dass ihr Psychonauts 2 meiner Meinung nach unbedingt erlebt haben müsst. Selbst wenn es euch letzten Endes nicht gefällt.
Trivia:
- Schauspieler und Musiker Jack Black hat mehr als einen Gastauftritt in Psychonauts 2. Zum einen taucht sein Charakter Eddie Riggs aus Double Fines Brütal Legend auf, zum anderen leiht Black seine Stimme einem körperlosen Ball aus Licht in der zweiten Hälfte des Spiels.
- Die Ankündigung von Psychonauts 2 erfolgte ziemlich genau zehn Jahre nach Release des ersten Teils. Bis zur Veröffentlichung des Nachfolgers dauerte es dann jedoch noch einmal fünf weitere Jahre. Zwischendurch kaufte Microsoft das Entwicklerstudio Double Fine und stockte das per Crowdfunding finanzierte Budget des Spiels kräftig auf.
NEU
66. Elden Ring und Shadow of the Erdtree
Entwickler: FromSoftware
Genre: Action-Rollenspiel
Release: Februar 2022 (Hauptspiel), Juni 2024 (DLC)
10:37
Elden Rings Shadow of the Erdtree ist die beste Erweiterung, die From Software je gemacht hat!
Natalie Schermann: Elden Ring ist zwar kein Tomb Raider, trotzdem müssen wir hier ordentlich Story-Archäologie betreiben: Denn das Soulslike serviert seine Geschichte nicht auf dem Silbertablett, wie schon seine Vorgänger aus dem Hause FromSoft. Wer sich aber auf dieses Spiel, seine wunderschöne Welt und all die mysteriösen Figuren und Bosse einlässt, den erwartet ein Lore-Loch ohne Boden: Hier trifft High Fantasy auf Familiendrama, Intrigen, Politik und … eine Art Inzest – die Story stammt schließlich von Game-of-Thrones-Autor George R.R. Martin.
Die winzigen Puzzleteile für seine epische Geschichte gibt Elden Ring aber nur her, wenn ich aufmerksam durch die Zwischenlande streife. Wenn ich alle kleinen Details in der Open World aufsauge, Items untersuche, Dörfer genau unter die Lupe nehme und den wirren Gesprächen der Charaktere lausche.
Fallen die zerstreuten Einzelteile dann endlich zu einem Gesamtbild zusammen, ist es oft wie ein Schlag in die Magengrube: Ich fühle mit Blaidd mit, als er zwischen seiner Loyalität und seiner Pflicht zerrissen wird. Ich schöpfe kurz Hoffnung für die schwerkranke Millicent, bis mir ihr Ende in den Rücken fällt.
Der grandiose DLC Shadow of the Erdtree setzt noch einen drauf: Mit den Schattenlanden kommt nicht nur eine neue, hypnotische Open World ins Spiel, sondern auch viele neue Geschichten und Offenbarungen. Habe ich bisher immer amüsiert über die Krüge in Elden Ring geschmunzelt, bleibt mir seit Shadow of the Erdtree die Spucke weg, weil ich von ihrer Entstehung erfahren habe.
Elden Ring setzt mir eine komplexe Mythologie mit komplizierten Beziehungen, moralisch ambivalenten Halbgöttern und Schicksalen vor, vor denen ich am liebsten die Augen verschließen würde. Die Zwischenlande sind ein hoffnungsloser Ort voller Trauer und Schmerz, in dem ich dennoch hier und da schöne Momente vorfinde.
Elden Ring ist ein einzigartiges Erlebnis mit einzigartigem Storytelling und einer Geschichte, die ohne die fleißige Community zu großen Teilen an mir vorbeigegangen wäre. Aber genau dieses Zusammenstückeln und das Graben nach Details macht einen Großteil des Elden-Ring-Reizes für mich aus.
Trivia:
- Game Director Hidetaka Miyazaki hat George R.R. Martin nicht erlaubt, die Dialoge für das Spiel zu schreiben – der Autor war für die Lore und Hintergrundgeschichte verantwortlich. Die Dialoge schrieb der Game Director selbst, denn sie sollten sich fragmenthaft und zerstreut anfühlen.
- Der furchteinflößende Boss und Halbgott Radhan hat einen weichen Kern: Er lernte Gravitation-Magie, damit er sein hageres Pferd nicht zurücklassen muss und weiterhin auf ihm reiten kann. Naww.
65. Crusader Kings 3
Entwickler: Paradox Development Studio
Genre: Strategie
Release: September 2020
1:53
Crusader Kings 3: Der nächste DLC wird so groß, dass er die ganze Map erweitert
Gloria H. Manderfeld: Natürlich könntet ihr in Crusader Kings 3 strikt historisch spielen und bekannte Herrscher zum Erfolg führen - beispielsweise als byzantinischer Kaiser, Wikinger-Anführer oder einer der Sultane im nahen Osten. Aber viel mehr Spaß macht es, wenn ihr von der Historie abweicht, eigene Herrscher bastelt und vorhandene Religionen und Kulturen an euren Geschmack anpasst. Ein reformiertes Christentum mit ein klein wenig Kannibalismus kann doch nicht schaden, oder? Wie krass ein Herrscher abdrehen kann, hat Michael Graf schon beim Anspielen des Grundspiels erklärt - und das bildet nur einen Teil dessen ab, wie verrückt euer Spiel wirklich werden kann, wenn ihr es nur wollt.
Dank Herrscher-Baukasten stellt ihr schon zu Spielstart die Weichen: Wenn’s kein hocheffizienter König werden soll, lohnt sich ein Griff in die »skurrile Eigenschaften«-Kiste. Ein bisschen Paranoia, ein kleiner Schuss Perversion und darf’s vielleicht auch eine Portion Haschischsucht sein? Kombiniert mit Riesenwuchs und der Neigung zum Zorn wird das ganz sicher eine denkwürdige Dynastie. Da werden auch ganz entspannte Festmähler oder ein prächtiges Turnier zur Zerreißprobe, weil ihr nie wisst, welche Problemeigenschaft sich als nächste knallhart in Events bemerkbar macht. Dadurch entstehen absurde, abwechslungsreiche Geschichten, die nicht mehr viel mit dem geschichtlichen Geschehen zu tun haben, aber umso mehr im Gedächtnis bleiben.
Trivia:
- Eigentlich sollte die Phrase »Deus Vult!«, mit der der erste Kreuzzug historisch begründet wurde, aus dem Spiel gestrichen werden, da sie häufig von Rassisten zitiert wird. Nach einer Petition vieler Fans, die historische Korrektheit forderten, wurde diese Entscheidung von Chefentwickler Henrik Fåhraeus zurückgenommen.
- Historische Bauten wie die Theodosianische Mauer in Konstantinopel verleihen dem jeweiligen Besitztum einzigartige Boni und können auch nur dort errichtet und unterhalten werden.
64. The Wolf Among Us
Entwickler: Telltale
Genre: Adventure
Release: Oktober 2013
Fabiano Uslenghi: Ach, ich vermisse diese alte Telltale-Zeit. Man kann diese Spiele sicher leicht kritisieren. Einmal, da sie keinerlei spielerische Tiefe geboten haben. Aber auch dafür, dass die Entscheidungen oft nicht so weitreichend waren, wie man uns glauben lassen wollte. Trotzdem habe ich fast jedes einzelne davon geliebt. Interessanterweise waren es oft die Telltale-Spiele, bei denen ich mit der Lizenz wenig bis gar nichts anfangen konnte, die es mir ganz besonders angetan haben. The Walking Dead hat mich beispielsweise als Comic oder Serie nie interessiert. Noch überraschter war ich aber, was The Wolf Among Us mit mir gemacht hat.
Denn von dieser Marke hatte ich vor dem Telltale-Adventure absolut gar keine Ahnung. Das mag eine Bildungslücke sein, doch so konnte ich mir immerhin diese wirklich ungewöhnliche Welt beim Spielen erschließen. Und inzwischen liebe ich sie. Ich habe ein seltsames Faible für düstere Interpretationen klassischer Märchen und The Wolf Among Us treibt das auf die Spitze. Hier ist kein Platz für Heldenfiguren. Das zeigt sich schon allein daran, dass ausgerechnet der Große Böse Wolf als grimmiger Noir-Detektiv für Ordnung sorgen muss.
Trotz seiner märchenhaften Grundlage ist The Wolf Among Us ein Spiel, mit einer düsteren Geschichte, in der sich zahlreiche Abgründe auftun. Dabei ist es gar nicht so sehr der Kriminalfall, der mich zum weiterspielen motivierte. Es sind die Charaktere, die ihrer Identität beraubt versuchen müssen, sich in einer fremden Welt zurecht zu finden und dabei an der harschen Realität nach und nach verzweifeln. The Wolf Among ist tragisch, deprimierend - aber bewahrt sich einen Funken Edelmut und wird damit niemals hoffnungslos.
Trivia:
- The Wolf Among Us basiert auf einer Comicreihe namens Fables, die von Bill Willingham erdacht wurde und von 2002 bis 2015 bei DC Comics veröffentlicht wurde.
- The Wolf Among Us 2 wurde schon 2017 angekündigt. Nachdem Telltale 2018 geschlossen wurde, galt das Projekt als gestorben. 2019 kündigte das von LCG wiederbelebte Studio den Nachfolger ein weiteres Mal an. Wann es aber erscheint, steht noch in den Sternen.
63. Call of Juarez: Gunslinger
Entwickler: Techland
Genre: Ego-Shooter
Release: Mai 2013
Steffi Schlottag: Für mich persönlich ist Call of Juarez: Gunslinger ein perfektes Spiel. Denn es hat eine glasklare Vision, was es sein möchte und setzt diese absolut meisterhaft um. Natürlich gibt es unzählige aufwändigere, hübschere, abwechslungsreichere Titel als diesen kleinen Western-Shooter – aber selten wurde eine Geschichte mit so viel Liebe und Witz erzählt wie die von Kopfgeldjäger Silas Greaves.
Er stapft eines Tages in einen Saloon, lässt sich ein paar Bier ausgeben und erzählt den Anwesenden seine wilde Lebensgeschichte. Wir spielen die Episoden dann selbst nach, während Silas das Geschehen farbenfroh kommentiert und sein Publikum skeptische Fragen stellt. Und weil der alte Revolverheld es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, werden wir immer wieder mit halsbrecherischen Wendungen überrascht. Zum Beispiel, wenn wir uns ein heftiges Gefecht mit Apachen-Kriegern liefern, unserem Helden aber plötzlich einfällt, dass es ja eigentlich Cowboys waren. Die Szene spult zurück und wir schießen jetzt halt auf Hutträger.
In Gunslinger stecken viele fantastische Ideen und das simple, aber unheimlich spaßige Arcade-Gameplay unterstreicht die Story perfekt. Entweder ballert sich Silas durch ganze Banditenlager (klar, alter Mann, es waren bestimmt 50 Feinde) oder er stellt sich berühmten Outlaws wie Butch Cassidy oder Jesse James im Duell. Zum Ende hin erwartet uns noch ein wirklich dramatischer Showdown, den ich euch hier auf keinen Fall spoilern will. Nur so viel: Jede noch so kleine Anekdote, die Silas erzählt, hat eine tiefere Bedeutung, die erst zum Finale hin klar wird.
Call of Juarez: Gunslinger ist hervorragend gealtert und wird an keiner Stelle langweilig, auch nicht, wenn man es mehrmals spielt. Es hat mit etwa sechs bis acht Spielstunden die perfekte Länge, um einen verregneten Sonntag damit zu verbringen. Glaubt mir, diese Story ist es unbedingt wert, erlebt zu werden.
Trivia:
- In einem Teaservideo aus dem Jahr 2018 wandte sich Silas Greaves an Arthur Morgan, den Protagonisten von Red Dead Redemption 2 und erklärte, dass Legenden nie sterben. Gunslinger-Fans hoffen seitdem auf eine Fortsetzung.
- Es ist das vierte Spiel der Reihe Call of Juarez, die Geschichte hängt aber überhaupt nicht mit den Vorgängern zusammen.
62. Mass Effect 3
Entwickler: Bioware
Genre: Rollenspiel
Release: März 2012
Mary Marx: Ich weiß, ihr und der Großteil meiner Kollegen stimmt mir nicht zu, aber für mich ist Mass Effect 3 der beste Teil der Reihe. Selten hat sich der Abschluss einer Geschichte so gewichtig und so endgültig angefühlt, wie in diesem Finale.
Denn mit Mass Effect 3 wird nicht nur das Problem der Reaper-Invasion auf die ein oder andere Weise gelöst. Auch viele andere Geschichten, die wir im Verlauf der Trilogie mitverfolgt haben, finden im dritten Teil ihr Ende. Und das auf so wundervolle, tränenreiche oder niederschmetternde Weise, dass wir irgendwann gar nicht mehr wissen, wohin mit diesem Emotions-Cocktail. Wir nehmen Abschied von unserer Crew, die uns all die Spiele begleitet hat, lernen die Konsequenzen unserer Taten kennen und fragen uns, was passiert wäre, wenn wir vielleicht andere Entscheidungen getroffen hätten.
Normalerweise passt meine Gefühlswelt auf einen Teelöffel. Doch Mass Effect 3 schafft es bis heute, mich immer wieder zu Tränen zu rühren oder mir ein freudiges Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Das schaffen nicht viele Geschichten. Deswegen steht Teil 3 trotz umstrittenen Endes zurecht auf der Liste der besten Story-Spiele aller Zeiten.
Trivia:
- In der Mass Effect Legendary Edition wurde der Multiplayer für Mass Effect 3 rausgestrichen. Den konntet ihr damals spielen, um ein besseres Ende zu sehen.
- Das Ende von Mass Effect 3 war so umstritten, dass die Arbeit an allen DLCs pausiert wurde, um einen kostenlosen Epilog zu entwickeln.
61. The Witcher 2: Assassins of Kings
Entwickler: CD Projekt Red
Genre: Rollenspiel
Release: 17. Mai 2011
Valentin Aschenbrenner: Ja, das zweite Spiel der Witcher-Reihe kam noch ohne Open World aus. Die lieferte erst der dritte Teil der Reihe. Dafür setzte Assassins of Kings auf semi-offene Gebiete, die sich erst nach und nach im Verlauf der Story auftaten. Macht das The Witcher 2 automatisch schlechter? Mitnichten. Assassins of Kings ist schlichtweg anders als sein ausgezeichneter Nachfolger, aber erzählt noch immer eine fantastische Geschichte. Man kann sogar guten Gewissens behaupten, dass die Story von dem Verzicht auf eine Open World profitiert.
Denn wenn wir mal ehrlich sind: In Spielen mit offenen Welten tendiert man verdammt leicht dazu, sein Ziel aus den Augen und sich selbst in trivialen Nebenaufgaben und -Quests zu verlieren. Die gibt es natürlich auch in The Witcher 2 nicht zu knapp. Und wie schon in Wild Hunt erzählt Assassins of Kings teilweise seine besten Geschichten in den am unscheinbarsten wirkenden Nebenmissionen. Mit dem Verzicht auf eine Open World geht man aber möglicherweise etwas fokussierter vor und lässt sich weniger leicht ablenken. Immerhin geht es in den Spielgebieten von The Witcher 2 irgendwann nicht mehr weiter.
Doch natürlich weiß auch die Hauptgeschichte um den grummeligen und weißhaarigen Hexer Geralt zu begeistern. Wir heften uns an die Fersen eines Königsmörders und werden dabei in den Konflikt zwischen Menschen und Anderlingen hineingezogen. Wie für die Rollenspielreihe üblich, können wir den weiteren Verlauf durch unsere Handlungen maßgeblich beeinflussen. The Witcher 2 liefert hier sogar einen besonders spannenden Kniff: Je nachdem, wie wir uns im ersten Akt des Spiels entscheiden, bekommen wir danach einen komplett anderen Schauplatz zu Gesicht. Wer dann den anderen erleben möchte, muss noch einmal von vorne anfangen. Eine mutige Entscheidung seitens CDPR, die The Witcher 2 nochmal von anderen Rollenspielen abhebt.
Trivia:
- Dass CD Projekt Red kein Fan des umstrittenen Kopierschutzes DRM ist, dürfte jedem PC-Spieler bekannt sein. Für The Witcher 2 haben sich die Entwickler aber was ganz besonderes einfallen lassen, um Raubkopierern eins auszuwischen: Bei Geralts Techtelmechtel wurden die Charaktermodelle seiner Partnerinnen mit denen alter Damen ausgetauscht.
- Obwohl der Elfen-Kommandant Iorweth in The Witcher 2 eine tragende Rolle spielt, fehlt von ihm in Teil 3 der Rollenspielreihe jegliche Spur - ganz im Gegensatz zu Vernon Roche. Tatsächlich sollte Iorweth in The Witcher 3 vorkommen und es war sogar ein Charaktermodell für ihn in Arbeit. Allerdings hat es Iorweth nie ins fertige Spiel geschafft.
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