6. The Last of Us
Entwickler: Naughty Dog
Genre: Action-Adventure
Release: Juni 2013
Markus Schwerdtel: Als The Last of Us 2013 erscheint, habe ich eigentlich gar keine Lust drauf. Zombies (jaja, Infizierte) kann ich schon lange nicht mehr sehen, mein Bedürfnis nach Stealth-Action ist befriedigt und auf Crafting mit ewig knappen Rohstoffen kann ich auch verzichten. Und zu allem Überfluss lese ich im Test bei den GamePro-Kollegen auch noch was von klischeehafter Story, auch wenn da durchaus schon was von »Vater-Tochter-Beziehung« steht. Und gerade die ist es schließlich, die mich auf The Last of Us neugierig und die das Spiel für mich so einzigartig macht.
Denn als The Last of Us erscheint, kommt auch meine eigene Tochter gerade ins Teenager-Alter. Unwillkürlich ziehe ich Parallelen: Wie würde ich an Joels Stelle mit dem Verlust aus dem Prolog des Spiels umgehen? Denn der hat mir – ich schäme mich nicht – die Tränen in die Augen getrieben und ich wollte erst mal gar nicht weiter machen. Und würde ich Ellie dann später so ins Herz schließen können wie Joel es tut? Hätte ich in jeder Situation so entschieden wie er? Man muss es Naughty Dog zugute halten, dass sich die Macher für diesen Aspekt der Story alle Zeit der Welt nehmen.
Langsam, ganz langsam kommen sich Joel und Ellie näher, zum Beispiel in der berühmten Giraffen-Szene (einfach mal auf YouTube suchen). Aber auch direkt im Spiel, wenn die beiden von lebensechten Kommentaren begleitet zusammen Rätsel lösen oder sich im Kampf gegenseitig beschützen müssen. Hier sind nicht einfach nur zwei Heldenfiguren gemeinsam auf einem gefährlichen Roadtrip, hier entsteht eine Familie.
Natürlich spiele ich The Last of Us fast in einem Rutsch durch. Denn die Neugier auf die weitere Entwicklung der Vater-Tochter-Beziehung lässt mich die durchaus vorhandenen spielerischen Längen verschmerzen. Ich bin gefangen in der melancholischen Welt, in der zwei vom Schicksal gebeutelte Menschen zueinander finden müssen, um zu überleben. Und zueinander finden wollen, weil sie einander auch emotional brauchen.
Im Rückblick erinnere ich mich kaum noch daran, was ich in The Last of Us eigentlich gemacht habe, etwa an besonders spektakuläre Kämpfe oder harte Rätsel. Aber ich erinnere mich an eine emotionale Reise und schließlich den dramatischen Schluss, bei dem ich wie schon zu Spielbeginn mit Augenpipi kämpfen musste. Und das ist doch das größte Kompliment, dass man der Story eines Spiels machen kann.
Trivia:
- Zu The Last of Us gibt es von Dark Horse auch eine Prequel-Comic-Reihe, »The Last of Us: American Dreams«.
- HBO hat sich die Rechte für eine Serienverfilmung gesichert, an der ist auch TLoU-Chef Neil Druckmann beteiligt.
- Joel-Sprecher Troy Baker ist ein vielbeschäftigter Mann, seine Stimme hört ihr u.A. auch in Batman Origins, Uncharted 4, Infamous: Second Son, Bioshock Infinite oder Tales from the Borderlands.
- Das rote T-Shirt mit der Sonne drauf, das Ellie im Spiel trägt, gab es eine Weile im PlayStation-Gear-Store zu kaufen. Markus hat natürlich eins, wenn auch in einer anderen Größe als Ellie.
5. Red Dead Redemption 2
Entwickler: Rockstar
Genre: Action-Adventure
Release: Oktober 2018
14:15
Red Dead Redemption 2 - Test-Video zur PC-Version
Heiko Klinge: Eigentlich habe ich ein fundamentales Problem mit den Rockstar-Titeln: Ich will keine Arschlöcher spielen! Bei GTA 4 wollte ich Nico Bellic fast schon im Minutentakt anbrüllen: »Was bist du eigentlich für eine Napfsülze!?« Auch die drei Charaktere aus GTA 5 fand ich weder spielenswert noch witzig. Vielleicht fehlt mir dafür eine gewisse emotionale Distanz, aber ich kann und will mich nicht mit einem psychopathischen Sadisten wie Trevor identifizieren.
Trotzdem oder gerade deswegen ist Red Dead Redemption 2 die große Ausnahme meiner Rockstar-Regel und steht für mich völlig zu Recht auf dem Podium unseres Rankings. Der entscheidende Unterschied: Arthur Morgan ist kein Arschloch – auch wenn er sich anfangs regelmäßig wie eines benimmt.
Interessant ist, wie Red Dead Redemption 2 meine verbrecherischen Handlungen legitimiert und dabei sogar eine eigentlich in Stein gemeißelte Rockstar-Regel bricht. Sämtliche GTAs und mit Abstrichen auch das erste Red Dead Redemption erzählen eine Geschichte des AUFstiegs. Die Protagonisten werden mal mehr, mal weniger aus Versehen (wieder) zum Outlaw oder Söldner und erklimmen im Zuge der Story quasi eine Verbrechens-Karriereleiter.
Spielmechanisch ergibt das durchaus Sinn, allerdings denke ich mir bei jeder weiteren Eskalationsstufe »Hör doch einfach auf mit dem Scheiß!« – auch weil meine Auftraggeber in den seltensten Fällen echte Sympathieträger sind.
Read Dead Redemption 2 hingegen erzählt eine Geschichte des AUSstiegs. Bereits zu Spielbeginn steht meine Gang eigentlich schon auf der vorletzten Eskalationsstufe. Ein Coup ist mächtig in die Hose gegangen, die Gruppe befindet sich auf der Flucht vor den Gesetzeshütern. Mein charismatischer Ziehvater und Gang-Anführer Dutch Van Der Linde wil nur noch ein letztes großes Ding drehen, um genug Kohle für den endgültigen Ausstieg aus dem Sumpf des Verbrechens einzusammeln.
Gebetsmühlenartig verspricht er mir und den anderen ein ruhiges Leben als Farmer im Paradies. Ein Traum, dem ich als Arthur Morgan wesentlich bereitwilliger folge als dem Streben nach Ruhm, Geld oder Rache anderer Rockstar-Protagonisten.
Red Dead Redemption 2 überzeugt mich auch deshalb vom Gangster-Leben, weil es mir immer wieder clever vor Augen führt, für wen ich das alles tue. Denn meine Gang besteht eben nicht nur aus Schwerverbrechern, sondern auch aus Ehefrauen und Kindern, die sich (zumindest teilweise) genauso nach einem ruhigen und angstfreien Leben sehnen wie der Typ vor dem Bildschirm.
Dafür betreibt Red Dead Redemption 2 einen bis heute unerreichten Aufwand. Ich führe im Camp unzählige Gespräche über die kleinen Freuden und Probleme des Alltags, unternehme Angel- oder Jagdausflüge oder singe gemeinsam am Lagerfeuer.
Obwohl oder gerade weil das Camp regelmäßig umziehen muss und mit seinem betont banalen Familienleben einen krassen Gegensatz zur knallharten Gangsterarbeit bildet, fühlt sich jeder Besuch für mich wie ein Nachhausekommen an.
So knüpfe ich enorm enge Beziehungen, schließe manche Menschen ins Herz, hinterfrage die Motive anderer, oder entwickle auch enorme Abneigungen. So oder so: Die Menschen in Red Dead Redemption 2 sind mir nicht egal, was auch an den herausragenden schauspielerischen Leistungen des Casts liegt. Also erledige ich, was von mir verlangt wird. Für die Familie.
Damit Red Dead Redemption 2 seine volle Storywucht entfalten kann, muss ich mich freilich auf sein fast schon schmerzhaft ruhiges Erzähl- und Spieltempo einlassen. Aber ich hetze ja auch im echten Leben nicht im Laufschritt von Questmarker zu Questmarker, sondern unterhalte mich am Bahnsteig ein paar Minuten mit Mitreisenden oder lasse ein schönes Fleckchen Natur einfach mal auf mich wirken.
So schafft Red Dead Redemption 2 bei seinem Helden etwas, das ich noch nie über eine Spielfigur gesagt habe: Arthur Morgan war für mich wie ein Freund. Und ich werde ihn nie vergessen.
Trivia:
- Es dürfte kaum ein Spiel geben, in dem ihr so viele kuriose Easter-Eggs finden könnt: Angefangen bei einem Geisterzug und einem verunglückten Flugzeug-Prototypen, über ein verstecktes Hobbithaus oder eine Anspielung auf Mt. Rushmore bis hin zu einem komplett erkundbaren Mexiko-Abschnitt, den ihr nur via Glitch erreichen könnt.
- Der Schauspieler Benjamin Byron Davis, der in Red Dead Redemption 2 den Gang-Anführer Dutch Van Der Linde verkörpert, spielt auch im Marvel-Film Ant-Man and the Wasp mit, als FBI-Agent Burleigh.
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