4. The Witcher 3
Entwickler: CD Projekt Red
Genre: Rollenspiel
Release: Mai 2015
Maurice Weber: The Witcher 3 ist wenn du dir ein fettes All-You-Can-Eat-Buffet gönnst und einfach mal wieder so richtig fressen willst… und dann merkst, dass jede einzelne Speise von irgendeinem absurd virtuosen Sternekoch kreiert wurde. Plötzlich sitzt du da und willst jeden Bissen voll auskosten und fragst dich einfach nur: WIE?
Vieles von dem, was dieses Spiel leistet, galt bis dahin als kaum möglich, als unauflösbarer Gegensatz sogar: Tiefschürfende Story oder riesige Open World? Geht kaum beides, denn wenn man so eine dicke Welt füllen will, dann kann halt nicht jede Quest eine schöne Geschichte erzählen. Qualität oder Quantität, da muss man sich eben entscheiden! Dachten wir. Und dann kam Witcher 3.
Gut, auch hier gibt’s Füllmaterial wie die Monsternester. Aber selbst wenn man die alle wegstreicht, bleiben genug hochwertige Quests übrig, um gleich mehrere Rollenspiele zu füllen. The Witcher 3 zeigte, dass Open World und Story überhaupt nicht so unvereinbar sind wie bis dahin gedacht: In einer Open World geht es ja ums Entdecken… aber was, wenn die Entdeckungen einfach haufenweise kleiner und großer Geschichten sind?
Von kleinsten Aufträgen bis hin zu riesigen mehrstufigen Questketten, man weiß nie wo in The Witcher 3 die nächste packende Story wartet. Aber man weiß immer: Sie ist nicht weit. Geschichten sind überall, in jeder Region, jedem Dialog, selbst im grundlegenden Design der Welt. Von Ronvid vom Sümpfle über den Käsedungeon bis zum blutigen Baron, The Witcher 3 bringt uns zum Lachen oder zum Weinen, wo andere Spiele sich schon schwertun, genug Sammelquests für ihre riesige Welt zusammenzukriegen.
The Witcher 3 hat verstanden, was eine Open World in einem storybasierten Rollenspiel sein muss: Eine Leinwand für Geschichten.
Nun konnte Witcher 3 nicht alle Widersprüche zwischen Story und Open World auflösen: Selbst diesem Spiel gelang es nicht perfekt, eine dringende Hauptgeschichte (Oh Gott, meine Ziehtochter wird von einer Horde mordlustiger Dunkelelfen gejagt!) wirklich schlüssig mit den Nebenaktivitäten einer großen Spielwelt zu verheiraten (Lust auf eine Runde Gwent?). Dass Geralt seine Zeit in einem Kartenspielturnier verschwenden kann, während Ciri um ihr Leben flieht, hat nie wirklich Sinn ergeben, und entsprechend war ausgerechnet die Haupthandlung um Eredin einer der schwächeren Punkte der Witcher-Geschichte.
Nur: Das tut dem Spiel kaum Abbruch. Denn am Ende verbleiben wir trotzdem mit einem unglaublichen Schatz an denkwürdigen Erinnerungen. An berührenden Momenten, an überraschenden Entdeckungen, an dramatische Konflikte. Kaum ein anderes Spiel erzählt so unglaublich viele gute Geschichten wie The Witcher 3, und es bleibt bis heute ein Maßstab, an dem sich Open-World-Spiele und storybasierte RPGs gleichermaßen messen lassen müssen.
Trivia:
- Henry Cavill versuchte in der Witcher-Serie, die Badewannenszene näher an die aus dem Spiel zu bringen, aber die Wanne war zu groß als dass seine Füße am anderen Ende rausschauen konnten.
- Die englische Sprecherin von Anna Henrietta spielt auch in der Serie mit: MyAnna Buring übernimmt dort die Rolle von Tissaia DeVries.
3. Disco Elysium
Entwickler: ZA/UM
Genre: Rollenspiel
Release: Oktober 2019
12:53
Das beste Rollenspiel 2019 - Was macht Disco Elysium so gut?
Steffi Schlottag: Ich schwärme so oft von diesem Spiel, man könnte glauben, ich stelle mich fremden Leuten so vor: »Hallo, ich bin die Steffi und ich möchte mit dir über Disco Elysium sprechen«. Ich will das jetzt weder abstreiten noch bestätigen. Stattdessen möchte ich mit euch über Disco Elysium reden. Schon wieder – denn unser ehemaliger Platz 1 musste seinen Siegerrang räumen und rutscht nun auf eine immer noch glorreiche Position 3.
Beinahe hätte ich das bisher wichtigste Spiel meines Lebens verpasst: In den ersten Stunden verstand ich überhaupt nicht, was Disco Elysium eigentlich von mir will. Ich war verwirrt vom ausgefallenen Skill-System, das mir anfangs so gar nicht erklärt wird. Simple Quests zum Abklappern gab es auch kaum, ich wusste nicht mal, womit ich anfangen soll. Und dann diese seltsame Zeitmechanik, in der die Minuten nur dann vergehen, wenn ich mit jemandem rede oder etwas lese?! Ich gebe zu: Ich war überzeugt, dass Disco Elysium zu Unrecht so viel Lob eingefahren hat.
Zum Glück bin ich ziemlich stur und wollte nicht auf mir sitzen lassen, dass ich mit diesem sperrigen Rollenspiel einfach nicht zurecht kam. Immerhin bin ich mit Gothic groß geworden, zefix! Und es gab ja durchaus einiges, das mich lockte: der fantastische Sprecher, zum Beispiel. Die wunderschöne Musik, beruhigend und aufwühlend zugleich. Nicht zu vergessen, Kim Kitsuragi, der weltbeste KI-Begleiter seit Garrus. Und nach etwa zehn Spielstunden geschah ein Wunder.
Als hätte ich zum ersten Mal die Augen geöffnet, erkannte ich plötzlich, wie genial Disco Elysium ist. Wie es meine anfängliche Verwirrung genau beabsichtigt hat, damit ich mich so fühle wie die Hauptfigur, ein leidender Alkoholiker, der sich sogar seinen eigenen Namen aus der Birne gesoffen hat. Auf einmal ergab alles Sinn, was mich vorher geärgert hatte, und ich sah zum ersten Mal die pure Schönheit, die hinter dem Spiel steckt.
Die Entwickler haben mit ihrem Erstlingswerk exakt ins Schwarze getroffen: Jede noch so kleine Mission, jeder Nebencharakter ist komplett durchdacht und fügt sich nahtlos ins Gesamtkunstwerk ein. Das merkt man aber nicht unbedingt sofort – also gebt dem Spiel ruhig nochmal eine zweite Chance, wenn es euch bisher nicht gepackt hat. Der Final Cut bügelt außerdem die restlichen Falten aus und bringt deutsche Untertitel. Ich wünsche euch, dass es euch noch überzeugen kann, denn die Einstiegshürde ist recht hoch, doch dahinter wartet ein Goldschatz.
Es klingt kitschig, aber Disco Elysium hat etwas an mir verändert, so wie ein ganz besonderes Buch einen zutiefst prägen kann. Das liegt für mich vor allem an der Sprachgewalt und Poesie, mit der die Geschichte unseres verirrten Cops erzählt wird: Ich würde mir jeden zweiten Satz tätowieren lassen (wenn ich den Platz nur hätte!), weil er in mir Freude, Trauer oder tiefste Melancholie auslöst. Besonders die inneren Stimmen Empathy und Shivers haben es mir angetan.
Wie oft ich zum Beispiel immer noch über das Gespräch mit einer Frau nachdenke, der ich sagen muss, dass ich ihren Mann tot aufgefunden habe. Und dass er schon ziemlich lange dort lag, während sie dachte, er sei wieder mal auf Sauftour. Oder wie sehr ich grüble, was es mit der Heiligen Dolores Dei auf sich hat. Und dann ist da ja noch dieses beunruhigende Körnchen Nichts unter dem Dach einer kleinen Kirche …
Und auch spielerisch ist es herausragend, lässt mir unglaubliche Entscheidungsfreiheit und schafft das Kunststück, dass Scheitern plötzlich Spaß macht. Jede versemmelte Probe eröffnet mir nämlich andere Möglichkeiten und bringt meine Story voran, statt mich in eine Sackgasse namens »Game Over« zu schicken.
All das macht Disco Elysium immer noch zum herausragenden Story-Erlebnis, das nun aber ein bisschen Platz machen musste für zwei andere Titel, die noch ein wenig größer sind, noch ein wenig tiefer gehen, noch komplexer denken, wie man Geschichten im Medium Spiele erzählen kann. Aber wer weiß, wenn die ehemaligen Entwickler ihr neues Werk veröffentlichen, sieht unsere nächste Liste ja vielleicht auch wieder anders aus!
In den vergangenen Jahren hat sich noch eine Art Meta-Geschichte um das Spiel entsponnen, die die Autoren selbst sich kaum passender und dramatischer hätten ausdenken können: Ein bitterer Rechtsstreit zwischen Kreativen und den Finanzierenden sorgte dafür, dass bei ZA/UM heute ein völlig anderes Team arbeitet, während ehemalige Chefs alle an eigenen neuen Spielen arbeiten. Ganz schön bedauerlich, aber auch ganz schön Disco.
Trivia:
- Das Skript von Disco Elysium enthält etwa 1,2 Millionen Wörter. Das sind mehr als die gesamte Harry-Potter-Reihe!
- ZA/UM-Gründer und Lead Writer Robert Kurvitz hat 2013 einen Roman veröffentlicht, der in der gleichen Welt wie Disco Elysium spielt. Bisher ist »Püha ja õudne lõhn« (Sacred and Terrible Air) nur auf Estnisch verfügbar, die geplante englische Übersetzung verzögert sich. Von einer deutschen Version war bisher leider nie die Rede.
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