Warum Greedfall trotz seiner Schwächen die Spielelandschaft besser macht

Greedfall kann die selbst gesteckten Ambitionen nur teilweise erreichen. Trotzdem ist das Rollenspiel für Elena ein Schritt in die richtige Richtung.

von Elena Schulz,
14.09.2019 12:19 Uhr

Elena hält Greedfall trotz seiner Schwächen für ein wichtiges Spiel.Elena hält Greedfall trotz seiner Schwächen für ein wichtiges Spiel.

Greedfall weckte vor dem Release bei Rollenspiel-Fans einerseits große Hoffnungen, aber andererseits auch Bedenken, die Maurice in seiner Kolumne äußert: Entwickler Spiders ist schließlich für ähnlich ambitionierte Projekte bekannt, die meist genau daran scheitern. Sie wollen zu viel und werden dem letztlich, was Technik und Feinschliff angeht, nicht gerecht.

Schon The Technomancer setzte auf alte Bioware-Tugenden, was die Rollenspiel-Elemente angeht. Es gibt zahlreiche Charaktere, Dialoge, Entscheidungsmöglichkeiten oder Fertigkeiten-Punkte für unterschiedliche Spielstile zum Verteilen.

Allerdings stehen dem eine öde Welt und mittelmäßige Story gegenüber. Der Eindruck wird noch weiter durch den technischen Zustand getrübt. Am Ende ist Technomancer für viele Spieler bestenfalls mittelmäßige Rollenspiel-Kost.

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Ein Schritt auf dem Weg zum Hit

Auch Greedfall leidet unter ähnlichen Schwächen. Veraltete Optik, steife Animationen, erzählerische Längen oder öde und repetitive Kämpfe singen wieder ein Lied davon, dass der Entwickler erneut den Mund zu voll genommen hat.

Allerdings weist Greedfall auch enorme Verbesserungen im Vergleich zu Technomancer auf. Gerade die Welt mit ihrem ungewöhnlichen Mantel-und-Degen-Szenario zeigt, dass man sich die Kritik beim Technomancer in Sachen Spielwelt und Setting zu Herzen genommen hat.

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Greedfall ist das deutlich bessere Spiel und fühlt sich in seinen besten Momenten aufregend und neu an. Mal wegen der erfrischend anderen Spielwelt mit ihrer ausgefeilten Hintergrundgeschichte, mal wegen der vielen Entscheidungsmöglichkeiten in Missionen oder den gut geschriebenen und vertonten Dialogen.

Dahinter kann Greedfall seine Fehler trotzdem nicht verbergen und es zeigt auch, dass Spiders mit seinen Rollenspielen längst noch nicht da angekommen ist, wo das Studio gerne wäre. Allerdings bin ich trotzdem froh darüber, dass der Entwickler immer wieder viel zu große Bissen abbeißt. Denn so kann er immer mehr dazulernen, weiter wachsen und irgendwann dann doch den großen Rollenspiel-Hit landen, den sich einige von Greedfall erhofft haben.

GreedFall wird dramatisch wie ein Bioware-RPG - Im Launch-Trailer nimmt die Story Fahrt auf 1:36 GreedFall wird dramatisch wie ein Bioware-RPG - Im Launch-Trailer nimmt die Story Fahrt auf


Elena Schulz
@Ellie_Libelle

Elena hat die Redaktion 2017 verlassen, schreibt aber trotzdem weiterhin fleißig als Freelancerin für die GameStar. Nebenbei studiert sie Game Art & Animation, um Spiele auch einmal von der Entwicklerseite aus zu betrachten. Seit sie weiß, wie viel Arbeit selbst in einem popligen kleinen Stuhl-Asset steckt, sieht sie Spiele mit ganz neuen Augen. AA-Projekte wie Greedfall haben es ihr besonders angetan, weil sie die Spielewelt ihrer Meinung nach mit ihren Ambitionen trotz einiger Schwächen noch vielfältiger und interessanter machen.

Ambitionierte AA-Spiele

Ich finde es gut, dass kleinere Entwickler nicht automatisch auf Pixel-Roguelikes oder malerische Walking-Simulatoren setzen, auch wenn ich beides liebe. Aber während die großen AAA-Blockbuster immer mehr in Richtung Service Games mit Online-Fokus mäandern, ist das Schöne an kleineren Projekten eben die Vielfalt, die sie ermöglichen, weil kein Riesen-Studio mit XXL-Budget dahintersteckt, das entsprechende Kosten wieder reinholen muss.

In dieser Vielfalt entstehen auch Spiele wie Greedfall, Control von Remedy oder The Sinking City von Frogwares. All diese Spiele teilen sich ihre großen Ambitionen und Ideen, denen sie nicht immer ganz gerecht werden können. Sie bauen mutig Elemente ein, die sonst eigentlich meist AAA-Spielen vorbehalten sind. Seien es komplexe Rollenspiel-Systeme, beeindruckende Grafik oder eine Open World.

Das machen sie nicht perfekt. Control leidet trotz faszinierender Spielwelt unter repetitiven Kämpfen und The Sinking City rettet sich mit seinem interessanten Lovecraft-Setting und der offenen Welt auch nicht über erzählerische und spielerische Schwächen hinweg. Aber diese Spiele wagen etwas und das allein reicht für mich schon ein Stück weit, um sie ins Herz zu schließen.

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XXL-Open-Worlds und Live Service

In diesen sogenannten AA-Spielen finde ich aktuell das, was mir nur noch wenige Blockbuster-Spiele bieten. Natürlich gibt es dort immer noch große Singleplayer-Rollenspiele wie ein Cyberpunk 2077 oder ein The Outer Worlds. Genauso wie sich im scheinbaren Einheitsbrei noch coole Ideen, interessante Geschichten und spielerische Freiheit verstecken.

Ein Assassin's Creed: Odyssey zeigt zum Beispiel wunderbar, wie Singleplayer und Live Service vereinbar sind oder wie aus einem Schleich-Spiel ein gelungenes Open-World-Rollenspiel werden kann. Aber auch die Proportionen dieser Spiele fallen riesig aus. Sie fordern spielerisch und zeitlich eine große Investition von mir, die ich nicht immer tätigen möchte.

Zudem ist der Trend hin zu Multiplayer und Service Games, die mich noch länger beschäftigen sollen, trotzdem deutlich spürbar. BioWare macht heute eben kein besseres Greedfall, sondern ein Anthem, das eher an ein Destiny erinnert und ein Bethesda, das vorher die Singleplayer-Fahne mit Spielen wie Prey oder Dishonored hochgehalten hat, probiert mit einem Fallout 76 ebenfalls ein langfristigeres Spielmodell aus.

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Manchmal ist weniger mehr

Auch Service-Spiele haben für mich ihren Reiz. Dass ich seit über 400 Stunden in Monster Hunter World versinke, liegt eben nicht zuletzt daran, dass ständig neue Monster, Event-Quests und mehr dazukommen, die das Spiel erweitern und verbessern.

Aber Greedfall und Co. bringen für mich das in die Spiele-Landschaft zurück, was früher ein großer Teil von AAA-Titeln war: aufwändige Singleplayer-Projekte mit erfrischenden neuen Ideen, coolen Welten und spaßigen Spielmechaniken, die mich vielleicht nur 15 oder 20 Stunden unterhalten, aber damit trotzdem ein solides bis großartiges Unterhaltungspaket liefern.

Wenn die Entwickler aus ihren Fehlern lernen und weiter wachsen, werden diese AA-Spiele für mich der perfekte Lückenfüller für das, was ich in der aktuellen Blockbuster-Landschaft oft vermisse. Damit muss ich nicht immer nach kleinen Pixel-Indies gucken, wenn ich besondere Spielmechaniken oder eine fesselnde Geschichte erleben möchte.

Ich hoffe also, Spiders, Remedy und Co. machen da weiter, wo sie aufgehört haben. Dann können Bioware oder Bethesda von mir aus noch zig Service-Spiele veröffentlichen, weil die Spielelandschaft auch abseits der Indie-Nische trotzdem so originell und vielfältig bleibt, wie ich sie liebe.

Daher kommt der Hype: Greedfall erscheint zum bestmöglichen Zeitpunkt

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