Elden Ring Spielzeit: Über 30 Stunden kann ich nur lachen

30 Stunden soll man laut Entwickler für die Story von Elden Ring brauchen. Völliger Quatsch, meint GameStar-Testerin Elena - und das ist in dem Fall ein gutes Zeichen.

von Elena Schulz,
26.02.2022 10:13 Uhr

Gäbe es einen Open-World-Therapeuten, würde er mir beruhigend die Schulter tätscheln und sagen, dass zu große offene Welten mir nicht wehtun können, dass ich selbst entscheiden kann, wie viel Zeit ich darin verbringe und ich überhaupt mal wieder an die frische Luft müsste.

Und ich würde unter Tränen antworten, dass ich ein Problem habe, weil ich all die Banditenlager, Truhen und Sumpfdotterblumen einfach nicht links liegen lassen kann. Sie sind ja da mit ihren vorwurfsvollen großen Icons auf der Karte, die dringend aufgeräumt werden müssen. Und vielleicht würde er dann nicken, lächeln und mir Elden Ring in die Hand drücken.

Denn das Action-Rollenspiel ist anders - und ein ganz besonderer Open-World-Titel, wie ich im Test schon festgestellt habe. Es gibt kein Sammelkram-Füllmaterial oder lahme Quests, die die Spielzeit strecken. Die braucht es auch gar nicht, damit ich Elden Ring gar nicht mehr zur Seite legen will.

Was die offene Welt mit mir macht, ist so einzigartig und fesselnd, dass mir die Spielzeit-Empfehlung der Entwickler wie die Untertreibung des Jahrhunderts vorkommt. Vielleicht kommt ihr in 30 Stunden mit der Hauptstory durch, wenn ihr schnurstracks von Boss zu Boss lauft und ein absoluter Gott in Soulsborne-Kämpfen seid. Aber selbst dann möchte ich davor warnen: Wer Elden Ring schnell durchspielen will, verpasst eine unvergessliche Erfahrung.

Die Autorin: Elena (@Ellie_Libelle) plädiert seit Jahren für Open Worlds, die mehr Eigeninitiative vom Spieler verlangen. Schluss mit geradliniger Wegführung in eigentlich offenen Welten, einem Questlog voller Aufgaben und unbefriedigendem Sammelkram! Elden Ring macht es für sie genau richtig, weil es den Spieler ohne viel Vorwissen und Hilfen einfach in seine Welt entlässt und erwartet, dass er sich selbst zurechtfindet. Wer seiner Neugier folgt und sich eigene Ziele setzt, hat für Elena im Action-Rollenspiel definitiv den meisten Spaß. Man entdeckt nicht nur überraschende Geschichten und Geheimnisse, sondern macht sich sogar die knüppelharten Bosskämpfe einfacher oder umgeht sie manchmal ganz.

Warum die Spielzeit sich nur schwer bemessen lässt

Es ist ohnehin schwierig, einfach eine Stundenzahl unter Elden Ring zu schreiben. Zum einen liegt das natürlich an den Kämpfen: Souls-typisch geht ihr anfangs schon drauf, wenn euch Normalo-Gegner in der Open World zu sehr belagern. Jeder Bosskampf kann zur stundenlangen Zerreißprobe für die Nerven ausarten und überrascht euch kurz vorm rettenden Ort der Gnade noch ein Feind aus dem Hinterhalt, war vielleicht die ganze Arbeit in diesem Abschnitt umsonst und ihr beginnt wieder beim letzten Speicherpunkt.

Wo andere in zehn Minuten durchpreschen, braucht ihr vielleicht Stunden. Ich spreche da aus Erfahrung - ein Bloodborne-Boss hielt mich einmal den halben Tag in Atem, aber ich war viel zu stur, um einfach aufzugeben. Selbst wenn ihr euch denselben Endgegnern in der exakt gleichen Reihenfolge stellt, könnt ihr trotzdem unterschiedlich schnell vorankommen - hier kommt der Anspruch sehr viel stärker als in anderen Spielen zum Tragen.

Die Kämpfe in Elden Ring sind hart. Selbst gewöhnliche Gegner können euch in Bedrängnis bringen, wenn ihr unachtsam oder gierig werdet. Die Kämpfe in Elden Ring sind hart. Selbst gewöhnliche Gegner können euch in Bedrängnis bringen, wenn ihr unachtsam oder gierig werdet.

Zum anderen leitet euch die Open World viel weniger eindeutig durchs Spiel, obwohl mit der Story ein grober roter Faden existiert: Ihr wisst, dass ihr einen Legacy Dungeon nach dem anderen meistern und die Halbgottkinder dort besiegen müsst. Die Schlösser, Burgen oder Festungen thronen auch deutlich sichtbar hoch oben über der Spielwelt.

Den schnellsten und besten Weg dorthin - oder auch drumherum - müsst ihr aber selbst aufspüren. Wer aufmerksam erkundet, umgeht die Dungeons geschickt und gelangt schon früh in neue Gebiete. Dort levelt ihr dann mit stärkeren Gegnern leichter auf, findet vielleicht eine besonders mächtige Waffe oder vergesst völlig die Zeit, weil es einfach so viel zu entdecken gibt. Ähnlich wie in Skyrim könnt ihr für hunderte Stunden vom Weg abkommen, ohne jemals in der Handlung vorangekommen zu sein. Ein Thema, das wir auch immer wieder in der ausführlichen Wertungsdiskussion ansprechen:

Elden Ring in der Wertungsdiskussion: Warum es für uns ein Meisterwerk ist PLUS 48:30 Elden Ring in der Wertungsdiskussion: Warum es für uns ein Meisterwerk ist

Warum euer Ziel nicht sein sollte, Elden Ring durchzuspielen

Müsste ich mich dennoch festlegen, würde ich sagen, dass ihr als durchschnittlicher Spieler wahrscheinlich ungefähr 80 bis 100 Stunden für einen Durchgang braucht, in dem ihr wirklich viel von der Welt seht, zahlreiche optionale Bosse legt und schließlich die Story-Endgegner zum Fall bringt. Allerdings sollte man meiner Meinung nach überhaupt nicht versuchen, möglichst schnell das Ende zu sehen.

Eigentlich musste ich Elden Ring für den Test durch den Zeitdruck nämlich völlig falsch spielen - oder zumindest nicht so, wie es gedacht ist. Ihr erlebt hier keine geradlinige Erfahrung, die euch durch eine Reihe von Herausforderungen zum glorreichen Triumph führt. Die Welt wurde vom Entwickler so gestaltet, dass man in ihr verloren gehen soll. Der Weg ist hier das wahre Ziel.

Das geht schon bei der Map los, die ihr genau studieren müsst, weil es keine klassischen Icons gibt - nur Marker, die ihr selbst als Gedächtnisstütze setzt. Oft hing ich mit der Nase fast schon im Bildschirm, weil ich genau erkennen musste, wo ein Pfad langführt oder ein Vorsprung zu Ende ist. Wie komme ich dorthin? Und noch viel wichtiger: Was erwartet mich dort?

Karte Selbst dieser kleine Ausschnitt steckt voller wertvoller Informationen zu Landschaft, Strukturen und interessanten Orten, die mir vorab beim Erkunden helfen.

Open World Allein der erste Blick auf Limgrave offenbart schon Bosse, Ruinen, den ersten großen Dungeon und mehr. Man will sofort loslaufen und alles bis ins Detail ergründen.

Elden Ring ist ein wildes Abenteuer, eine Entdeckungsreise in der persönliche, kleine Ziele viel wichtiger werden als die eigentliche Aufgabe. Manchmal reite ich stundenlang durch einen Wald, weil ich unbedingt einem NPC helfen will. Oder ich bilde mir ein, den Turm in der Ferne erklimmen zu müssen und bahn mir erstmal einen Weg dahin. Komme ich nicht weiter bei einem Boss, mache ich nicht frustriert das Spiel aus, sondern suche nach einem anderen Weg oder besserer Ausrüstung, die mir den Kampf erleichtert.

Das Gefühl für Zeit geht dabei völlig verloren. Kollege Michi erlebte zum Beispiel schon zweimal, dass er mittags anfing und erst spätabends mit dem Spielen aufhörte, während in seinem Kopf scheinbar nur zwei Stunden vergangen waren. Und auch ich machte Elden Ring abends oft erst aus, als mir schon die Augen nach einem langen Tag in den Zwischenlanden fast zufielen. Aber weil ich so vielen kleinen Geschichten folge statt nur einer großen, die mich immer wieder vor unüberwindbare Hindernisse stellt, fühlt es sich überhaupt nicht danach an.

Von seinen Erlebnissen und Erfahrungen, die sich zum Teil auch stark von meinen unterscheiden, berichtet Michi auch ausführlich in seinem Test-Video:

Mit Elden Ring übertrifft sich From Software selbst - TestReview 18:17 Mit Elden Ring übertrifft sich From Software selbst - Test/Review

Nehmt euch also Zeit für Elden Ring. So viel Zeit, wie ihr persönlich braucht und wie viel ihr investieren wollt. Lasst euch treiben und erlaubt euch selbst wieder ein Kind zu sein, das nicht auf die Uhr schauen muss. Genau dann wird Elden Ring nämlich zu einer Reise, die ihr nicht so schnell vergesst.

Braucht ihr dazu eine keine Starthilfe, könnt ihr unsere Einsteiger-Tipps zu Rate ziehen oder euch mit den Klassen und ihren Stärken vertraut machen. Seid ihr aus technischer Sicht noch unschlüssig, beantwortet außerdem unser Technik-Check alle Fragen zur PC-Version.

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