Meinung: Call of Duty Modern Warfare ist smarter als viele denken

Call of Duty: Modern Warfare inszeniert sich vor allem über Schock und Bombast, in der Vermarktung stecken allerdings verblüffend clevere Ideen, findet Dimi.

von Dimitry Halley,
13.08.2019 16:15 Uhr

Call of Duty: Modern Warfare will die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.Call of Duty: Modern Warfare will die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

Jeder macht mal Fehler. Letztens habe ich zum Beispiel eine abgelaufene Scheibe Brot gegessen und - zack - gab's vom Körper eine sehr spürbare Quittung. Diese Quittung dauerte dann eine Woche. Doch wo einige Fehler nur für Magen- und sehr viele Darmbeschwerden sorgen, haben andere Fehltritte deutlich drastischere Folgen. So sorgten dubiose Lootboxen in Star Wars: Battlefront 2 für internationale Glücksspielermittlungen. Ein neuer DLC von GTA 5 wurde prompt in 53 Ländern verboten. Und erinnert sich noch jemand an das Auktionshaus von Diablo 3?

Obwohl in Großkonzernen teils Hunderte von Menschen an der optimalen Umsetzung von Gaming-Ideen arbeiten, passieren doch viele, viele Fehler. Im Fall der obigen Beispiele (das Gammelbrot mal ausgeklammert) sind die Ursachen schnell gefunden: Publisher überschreiten in ihrem Profitstreben zu viele Grenzen. Und dafür gibt's auf den Latz. Doch bei Battlefield und Call of Duty passieren seit Jahren ganz andere Patzer, die weit weniger offensichtliche Gründe haben.

Jeder will heutzutage ein funktionierendes Service Game. Rainbow Six: Siege spielen die Leute seit vier Jahren, mit dem Ingame-Shop verdient Ubisoft ein Vermögen - was für ein Erfolgsmodell! Aber irgendwie bekommen es ausgerechnet die Multiplayer-Platzhirsche Call of Duty und Battlefield nicht auf die Kette, diese Langlebigkeit für sich zu kopieren.

Der Wille ist da, doch Jahr um Jahr scheitert es an dicken Fehlern. Bei Battlefield 1 erscheinen neue Inhalte viel zu spät. Battlefield 5 strauchelt mit Bugs, schlechtem Marketing und viel zu lansamen DLC-Erweiterungen. Black Ops 4 startet unheimlich erfolgreich, spaltet die Community jedoch mit einer veralteten DLC-Politik, die sich viel zu sehr aufs schnelle Geld konzentriert.

Call of Duty: Modern Warfare könnte das alles 2019 endlich mal ändern. Denn das Spiel zeigt sich bereits jetzt smarter, als viele denken.

Call of Duty: Modern Warfare - Alle bisherigen Infos zum Multiplayer

Die smarten Schachzüge von CoD: Modern Warfare

Smarter Schachzug Nummer 1: Modern Warfare bringt die Fans auf die eigene Seite. Der Multiplayer präsentierte sich jüngst ziemlich imposant, wagt mit 100-Spieler-Modi den direkten Angriff auf Battlefield, er bedient jedoch auch gezielt die Fan-Wünsche. Statt kontroverser Trailer zeigt Activision reichlich Gameplay, illustriert bodenständiges Shooter-Gameplay des bisher schönsten Call of Duty. Und Modern Military liegt als Szenario gerade weitgehend brach. Die Leute wollen ein neues Modern Warfare. Infinity Ward liefert, statt einen YouTube-Shitstorm auszulösen wie einst Infinite Warfare.

Über 20 Minuten reines Gameplay aus CoD Modern Warfare zeigt 5 Maps 24:02 Über 20 Minuten reines Gameplay aus CoD Modern Warfare zeigt 5 Maps

Smarter Schachzug Nummer 2: Modern Warfare wirkt einem Phänomen entgegen, das viele Entwickler unterschätzen: Die Spaltung der Spielerschaft. Wer zu viele Modi wie Battle Royale, Team Deathmatch, Koop und Co. in seinen Shooter packt, streut die Community so breit, dass das dem Matchmaking letztlich schadet. Ein Shooter, der auf zu vielen Hochzeiten tanzt, brilliert auf keiner einzigen so richtig, weil kaum ein Spieler Zeit und Lust auf zehn komplett unterschiedliche Modi hat. Das führt bei Battlefield 5 dazu, dass viele Modi keine Spieler mehr finden - und der Firestorm nach dem Release kaum noch mit echten Neuerungen versorgt wird.

Modern Warfare kontert dieses Phänomen mit zwei Manövern. Es wird keinen Season Pass geben, dafür aber Crossplay. Black Ops 4 kämpft spürbar mit der Trennung in DLC-Playlists und »Normalo«-Matchmaking. Dieses Premium-Modell ist nicht mehr zeitgemäß, Modern Warfare streicht es in weiser Voraussicht. Crossplay ermöglicht außerdem, die Pools unterschiedlicher Konsolen zu mixen, falls es mal an Spielern mangelt. Keiner zockt den neuen 2vs2-Modus auf der PS4? Dann mischen wir eben Xbox-Leute dazu.

Der Autor: Dimi ist kein eingefleischter Call-of-Duty-Fan, sondern fährt seit Jahren mehrgleisig. Ob Battlefield oder CoD spielt prinzipiell keine Rolle, solange der Shooter Spaß macht, fordert und die Fans nicht an der Nase herumführt. Mit Battlefield 5 verbindet er genauso eine Hassliebe wie mit Black Ops 4, denn beide Spiele haben tolle Ideen, machen oft Spaß, frustrieren aber umso mehr durch all die Probleme, um die sich DICE und Treyarch zu langsam kümmern. Das neue Modern Warfare hat er bereits ausführlich angespielt - und verbleibt entsprechend neugierig.

Smarter Schachzug Nummer 3: Modern Warfare schleudert Unsummen auf eine Singleplayer-Kampagne, obwohl die meisten Fans ohnehin im Multiplayer landen. Das klingt im ersten Moment vielleicht wie eine dumme Idee, doch das neue CoD verfolgt im Marketing eine ganz gezielte Strategie: Es will den Meisterwerk-Status des alten und bis heute beliebtesten Call of Duty 4: Modern Warfare beerben. Und das verdankt seinen immensen Erfolg eben auch der wendungsreichen und provokanten Kampagne. Kein Wunder, dass das neue Modern Warfare ganz bewusst provozieren möchte.

Modern Warfare ist nicht über den Berg

Das neue Call of Duty wirft also ein paar smarte Ideen in den Ring, um die Community für sich zu gewinnen und - noch wichtiger - langfristig zu halten. Zwar wird's allen Gerüchte zufolge 2020 bereits ein neues Black Ops geben, doch will die Leute trotzdem mehr denn je über den Release hinaus in Modern Warfare halten. Trotz guter Ideen ist allerdings alles anderes als sicher, ob das klappt.

Podcast: Modern Warfare & Gaming-Kontroversen: Wie weit sollten Spiele gehen?

Zum einen könnte die Kampagne sich letztlich bloß als heiße Luft entpuppen und weit hinter den Stärken des einstigen Modern Warfare zurückbleiben. Aber noch viel wichtiger: Nach Release darf Activision es sich nicht mit der Community verscherzen. Dass es Mikrotransaktionen geben wird, ist zwar noch nicht bestätigt, aber extrem wahrscheinlich. Skin-Pakete und Lootboxen müssen wenn überhaupt kosmetisch bleiben, um die Fans nicht zu verjagen. Und die Shops erst nach Release zu aktivieren, um womöglich während der Release-Phase keinen Ärger zu machen, kommt selten gut bei den Leuten an. Hatten wir alles schon.

Und noch, noch wichtiger: Die Content-Updates müssen pünktlich kommen. Gerade EA und Activision tun sich schwer damit, aus dem jährlichen Release-Denken auszubrechen. Doch um ein Service Game am Leben zu halten, müssen Entwickler langfristig denken. Der wegfallende Season Pass mag zum Release eine tolle Werbestrategie sein, in den Wochen danach müssen die Versprechen jedoch auch erfüllt werden.

Das geschieht häufig viel zu langsam, Patches bleiben aus, Bugs und Content-Armut beherrscht die Server. Und das könnte Modern Warfare trotz Crossplay das Genick brechen. Aber hey, vielleicht lernt Activision ja genauso aus den eigenen Fehlern wie ich aus meinem Gammelbrot. Warten wir mal ab.

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