Genshin Impact ist keine Abzocke, aber trotzdem nicht harmlos

Unser Gameplay-Fazit zu Genshin Impact: Das Spiel macht unheimlich viel Spaß. Aber über das Gacha-System müsst ihr dennoch Bescheid wissen.

von Dimitry Halley,
04.10.2020 14:30 Uhr

Genshin Impact ist ein kostenloses Open-World-Rollenspiel. Aber heißt kostenlos auch wirklich kostenlos? Genshin Impact ist ein kostenloses Open-World-Rollenspiel. Aber heißt kostenlos auch wirklich kostenlos?

Genshin Impact kommt für viele Leute völlig aus dem Nichts. Plötzlich gibt es ein komplett kostenloses Open-World-Rollenspiel für den PC, das auch noch richtig Laune macht, unterhaltsame Kämpfe, eine umfangreiche Story und zig andere Schokoladenseiten anpreist.

Das ist doch zu schön, um wahr zu sein! Irgendeinen Haken muss es da geben. Seit einer Woche stürze ich mich in die Welt von Genshin Impact und verkünde heute erfreuliche Nachrichten: Das Spiel ist tatsächlich in erster Linie ein sehr, sehr cooles Open-World-Rollenspiel. Erkundungen, Kämpfe, Story und das Freiheitsgefühl - passt alles.

Und anders als erwartet drückt euch das Spiel seinen Echtgeld-Shop auch nicht penetrant aufs Auge. Alles in Butter also? Nicht ganz, denn bei allen Stärken von Genshin Impact solltet ihr dennoch eine Sache wissen: Das Gacha-System ist nicht harmlos.

Was genau im Free2Play-Spiel steckt und ob sich der Download lohnt, lest ihr im großen GameStar-Test von Genshin Impact mit Wertung. Darin ziehen wir nach 40 Stunden Spielzeit auch ein Fazit zum umstrittenen Bezahlmodell mit Gacha-Helden:

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Wichtig: Alle Eindrücke beziehen sich auf die aktuelle Release-Version von Genshin Impact. Falls künftige Patches irgend etwas am Gacha-System ändern, informieren wir euch natürlich sofort.

In aller Kürze: Wieso ist Genshin Impact gut?

Letzte Woche erschien bereits ein GameStar-Artikel, der alle wichtigen Fragen zum Phänomen Genshin Impact beantwortet:

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Deshalb hier nur in aller Kürze: Das chinesische Open-World-Rollenspiel Genshin Impact schlägt zum Release am 28. September 2020 ziemlich ein. Spieler, YouTuber und Streamer überschlagen sich mit Lob, denn Genshin drückt all die richtigen Knöpfe. Wie in Zelda: Breath of the Wild erkundet ihr eine riesige, malerische Open World, in der Freiheit an oberster Stelle steht. Ihr klappert also nicht bloß Icons auf der Weltkarte ab, sondern durchforstet jeden Winkel der riesigen Welt auf der Suche nach Schätzen.

Doch der Zelda-Vergleich greift zu kurz: Neben der Open-World-Erkundung gibt es zig spielbare Figuren mit eigenen Fähigkeiten, einen Online-Koop, eine umfangreiche Story mit vielen Haupt- und Nebenquests sowie Dungeons, Weltbosse und andere MMO-Tugenden. Und ja, Elementarangriffe klingen auf dem Papier immer super lahm, aber der Gameplay-Flow des Spiels ist unheimlich spaßig. Einen Gegner buchstäblich nass zu machen, flink auf die Elektromagierin zu wechseln und den Feind dramatisch unter Strom zu setzen - das wird einfach nicht alt. Seht ihr auch hier:

Genshin Impact: Neuer Gameplay-Trailer des Zelda-Klons 1:35 Genshin Impact: Neuer Gameplay-Trailer des Zelda-Klons

Genshins Mix aus Kämpfen, Erkundung und Quests unterhält für Dutzende Stunden, weil unter der Haube ziemlich spaßige Rollenspiel-Mechaniken werkeln. Ihr könnt eure Figur, eure Waffen, eure Fertigkeiten allesamt separat leveln, es gibt massig Spezialisierungen - und all das ist über weite Strecken optional.

Macht eure Schützin zu einer verheerenden Krit-Königin, die mit einem Schwachstellen-Treffer selbst Riesen auf die Matte schickt, oder lasst es sein. So spielt ihr Genshin bis ins Endgame, wie ihr wollt, werdet zum Experimentieren eingeladen, aber nicht gezwungen. Und für all das zahlt ihr keinen Cent. Doch es gibt ein »Aber«.

Das Gacha-System

Mir geht's wie euch: Wenn ich an Free2Play-Mobile-Spiele denke, kann ich mich gewisser Vorurteile nicht erwehren. Sind doch alles Kostenfallen, die dich anfangs mit Goodies bewerfen, locken und dann zur Kasse bieten, wenn du weiterspielen willst. Diese Vorurteile sind nicht aus der Luft gegriffen, die Realität sieht aber komplexer aus. Denn sogenannte Gacha-Spiele arbeiten mit ziemlich raffinierten Methoden.

Was ist Gacha? Der Begriff Gacha kommt nicht von Gotcha, sondern von Gachapon. So heißen in Japan Spielzeugautomaten, in die ihr ein paar Yen steckt, um per Zufall Spielzeugkapseln ausgeworfen zu bekommen. Irgendein Fuchs hat das dann für den Mobile-Markt adaptiert und seitdem scheffeln Spiele wie Summoners War, Raid: Shadow Legends oder Fate: Grand Order Milliarden. Der Trick: Ihr sammelt im Spiel unheimlich coole spielbare Charaktere, doch die coolsten versteckten sich hinter einem Lootbox-System. Mit frustrierend niedrigen Drop Rates.

Bei Gacha geht es weniger um Pay2Win und mehr um den Sammeltrieb - verknüpft mit Glücksspiel. Die meisten Genre-Platzhirsche wie Fate: Grand Order könnt ihr komplett kostenlos sehr gut und lange spielen. Das gilt auch für Genshin Impact. Wer echtes Geld zückt, kürzt bestimmte Prozesse ab, aber auch in Genshin Impact könnt ihr euch beispielsweise recht überflüssige Gameplay-Vorteile kaufen. Das Teufelchen versteckt sich woanders. Sehr anschaulich seht ihr das hier:

Link zum YouTube-Inhalt

Gacha-Spiele locken mit freischaltbaren Charakteren. Auf gut Deutsch: Hero Collecting. Am Anfang bekommt ihr haufenweise kostenlose Figuren, außerdem genügend Premium-Währung, um das Glücksrad ein paar Mal zu drehen. Und siehe da: Prompt landet eine mordsmäßig coole weitere Figur in eurem Arsenal. Bei Genshin ist das beispielsweise Noelle. Und siehe da: Der nächste coole Held ist bereits in Sicht, ihr müsst bloß ein paar Lootboxen kaufen und - zack - schlittert ihr in der Gacha-Falle.

Wie geht Genshin Impact mit Gacha um?

In Genshin Impact könnt ihr das Gacha-System fast komplett ignorieren. Die ersten Gacha-Figuren werden euch mehr oder weniger geschenkt - und mit denen kommt ihr problemlos bis ins Endgame aus. Nach etwa 40 Stunden werdet ihr ein bisschen grinden müssen, um euren Abenteuerrang zu erhöhen, doch hier gibt es viele kostenlose Möglichkeiten. Wer also ein bisschen Resistenz gegen Glücksspiel-Mechaniken mitbringt, kann das Spiel komplett kostenlos spielen. Doch ihr benötigt diesen inneren Widerstand, denn Genshin Impact manipuliert euch durchaus.

Ein Beispiel: Früh im Spiel trefft ihr Diluc, den wohl coolsten Schwertkrieger des ganzen Spiels, der in einer fulminanten Action-Szene auftaucht, euch für einen Dungeon auch kostenlos als Probecharakter in die Hand gedrückt wird. Diluc ist der typische schroffe Anti-Held, wird von der Damenwelt Mondstadts unisono verehrt und das Spiel wirft euch quasi permanent entgegen, wie unglaublich cool Diluc doch ist. Blöd nur, dass ihr im Gacha-Pool eine Chance von 0,6 Prozent habt, den Kerl zu ziehen.

Mit solchen Tricks verleitet euch das Spiel indirekt, ins Gacha-System zu schauen. Für die coolste Kriegerin, Jean, gilt nämlich exakt das gleiche Spiel - und die gleiche Drop Rate. Neue Figuren werden in Quests prominent vorgestellt, etwa der Drachengott Venti oder die charmante Köchin Xiangling. Und im Anschluss müsst ihr halt überlegen, ob ihr sie nicht vielleicht doch so sehr spielen wollt, dass ihr mal ein paar Euro in die Hand nehmt.

Kurzum: Wenn ihr in Genshin Impact unbedingt eine ganz bestimmte Figur haben wollt, kann das sehr teuer werden. Und das Spiel beeinflusst euch subtil, dieses Bedürfnis zu entwickeln. Tipps für den richtigen Umgang mit der Ingame-Währung und Hilfen zum Einstieg in Genshin Impact gibt's im großen Guide bei GameStart Plus:

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Sind eure Probleme mit Genshin Impact auf dem PC eher technischer Natur, hilft unser Guide zu Download-Problemen, Fehlern beim Spielstart und mehr.

Fair oder nicht fair?

So pikant das auch klingen mag, am Ende des Tages wird auch in Genshin nicht so heiß gegessen wie gekocht. Das Spiel ist nach allen Maßstäben ein faires und gutes Free2Play-Spiel. Dass ihr in der Open World recht viel grinden müsst, hat nichts mit Kostenfallen zu tun, sondern mit einem Faible für Grind-Mechaniken, das ihr in asiatischen Spielen oft findet. Und den Helden-Shop könnt ihr getrost ignorieren, denn ihr müsst zum Beispiel Xiangling ja nicht kaufen, um die sehr coolen Quests mit ihr zu erleben.

Außerdem bekommt ihr bestimmte Figuren in regelmäßigen Events auch mal geschenkt. Xiangling gibt's beispielsweise, wenn ihr im Spiral Abyss eine bestimmte Ebene schafft. Und Barabara, falls ihr vor dem ersten großen Patch Abenteuerrang 20 knackt. Das passiert ganz automatisch beim Spielen der Kampagne.

Zudem darf man auch nicht vergessen: Bei einem Free2Play-Spiel kann es durchaus die richtige Geste sein, die Entwickler mit einer kleinen Investition zu unterstützen. Aber eben in gesundem Rahmen - und hier liegt der Hund begraben.

Denn mir ist wichtig, klar darauf hinzuweisen: Genshin Impact mag keine Abzocke sein, aber diese Gacha-Mechaniken sind nicht harmlos. Es gibt Menschen, die auf Sammel-Spiralen im Verbund mit einer Glücksspiel-Lotterie sehr anfällig reagieren.

In den Gacha-Communitys finden sich sehr viele sogenannte Whales (also Wale), die immense Geldsummen für einen bestimmten Charakter in ihrem Ensemble ausgeben. Checkt bitte unbedingt bei euch selbst, wie ihr auf solche Reize reagiert. Und konsultiert unsere Artikel zum Thema:

Der Autor: Als großer Fan von Open-World-Rollenspielen hat Dimi derzeit sehr viel Spaß mit Genshin Impact - ganz ohne einen Cent auszugeben. Was ihr hier für umme geboten bekommt, kann sich wirklich sehen lassen und ist auch handwerklich schlicht ein gelungenes, spaßiges Spiel. Trotzdem solltet ihr wissen, worauf ihr euch einlasst - und wie das Spiel euch umschmeichelt, dem »Hero Collecting« eine Chance zu geben. Dimi ist kein Feind von kostenlosen Mobile-Spielen, beobachtet diese Whale-Mechaniken aber im Hinblick auf anfällige Menschen mit sehr viel Skepsis.

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