Wieso Gothic 1 auch 2021 noch so wichtig ist

Meinung: Gothic feiert dieses Jahr seinen 20. Geburtstag. Und auch 20 Jahre später bleibt das Rollenspiel-Meisterwerk wichtig. Aber nicht nur aus guten Gründen.

von Dimitry Halley,
15.03.2021 13:15 Uhr

Gothic wird 20 Jahre alt. Feel old yet? Gothic wird 20 Jahre alt. Feel old yet?

Keine Sorge, jetzt kommt keine »Opa Halley erzählt euch vom Krieg«-Geschichte, in der ich zehn Minuten lang davon schwärme, wie viel besser früher alles war. Wer in Gothic 1 per Tastatur Gegenstände aufheben will, weiß eh: Es war definitiv nicht alles besser.

Mittlerweile ist eine komplette Generation junger Menschen herangewachsen, für die das Zocken von Gothic 1 vor 20 Jahren physisch unmöglich war, weil damals noch der Schnuller im Mund steckte. Diese jungen Leute tun mir fast schon leid, weil sie sich permanent von älteren Käuzen wie mir anhören müssen, dass Gothic die beste Open-World-Atmosphäre aller Zeiten hatte, die besten Dialoge, das beste Loot-System, den besten In-Extremo-Cameo. Schlimm sowas. Gut, sie tun mir eben nur fast leid, denn Gothic hatte nun mal die beste Open-World-Atmosphäre, die derbsten Dialoge, In Extremo und so weiter.

Aber zum 20. Geburtstag von Gothic 1 spare ich mir die alte Leier und hänge euch nicht wie ein Waschmaschinenverkäufer in den Ohren, warum ihr jetzt unbedingt zuschlagen und Gothic 1 nachholen müsst. Denn Gothic kann auch dann Bedeutung haben, wenn man es nicht aktiv spielt. Es gibt drei Aspekte an diesem Rollenspiel-Meisterwerk, die euch selbst dann wichtig sein können, wenn ihr Gothic nie gespielt habt - im Guten wie im Schlechten.

Gothic 1 feiert in den Iden des März 2021 seinen 20-jährigen Geburtstag. Grund genug, ein kleines Geschenk für euch da draußen zu basteln. Zum Beispiel ab morgen einen Hardware-Check, wie Gothic sich in 8K-Auflösung spielt. Doch schon jetzt gibt's haufenweise spannende Einblicke:

Projekt Phoenix: Modder bauen das Gothic, das wir nie bekommen haben
Gothic-Erinnerungen: Höhen, Tiefen und ein Anruf vom Anwalt (Podcast)
Rückblick: Wie Petra die Maussteuerung in Gothic erfand
Gewinnspiel: Wir verlosen 100 Gothic-Keys von GOG.com

Und natürlich haben wir das Rollenspiel auch schon vor dem Geburtstag auseinander genommen, zum Beispiel in diesen Artikeln:

Gothic analysiert: Wie einzigartig das Spiel euch durch seine Welt lenkt
Mythos Gothic: Was Gothic hatte, das allen Nachfolgern fehlt
Gothic-Mods: Wie zig Fan-Projekte Gothic bis heute am Leben halten
Das erste Mal: Sascha Penzhorn hat Gothic nie eine Chance gegeben - bis wir ihn zwangen!
Zukunftsprognose: Wie geht es mit Gothic weiter? Werden wir jemals Teil 5 sehen?

1. Der Preis des Erfolges

Es ist sehr leicht, über Gothic eine filmreife Erfolgsgeschichte zu erzählen. Drei nerdige Informatikstudenten träumen in den 90ern von ihrem ganz eigenen Ultima Underworld, wollen statt Uniprüfungen lieber Rollenspiele erschaffen - und pitchen ihr selbst erbautes Technikgerüst an diverse deutsche Entwicklerfirmen. Einzig Greenwood Entertainment (Der Planer) in Bochum beißen an, kurz bevor sie dicht machen. Vier tapfere Recken werfen alles in die Waagschale, nehmen die Engine der drei Studenten und gründen sich als Piranha Bytes aus:

Alex Brüggemann, Stefan Nyul, Mike Hoge und Tom Putzki (von links nach rechts) gründen 1997 Piranha Bytes, nachdem Greenwood zerfällt. Alex Brüggemann, Stefan Nyul, Mike Hoge und Tom Putzki (von links nach rechts) gründen 1997 Piranha Bytes, nachdem Greenwood zerfällt.

Was folgt, sind vier Jahre Entwicklung, die sich wie ein Hollywood-Drama der Marke »Das Streben nach Glück« lesen. Mit tragischen Tiefen, in denen die Gründer zeitweise auf ihr Gehalt verzichten, um das frisch gegründete Team in einem winzigen Büro am Leben zu halten. Mit epischen Höhen, weil immer mehr Leute beim kleinen Amateurteam mitmischen wollen, plötzlich ein neuer Publisher Gelder fließen lässt. Und am Ende dieser Achterbahn entsteht nach Blut, Schweiß und Tränen eines der größten Rollenspiel-Meisterwerke aller Zeiten.

Wie gesagt: Man kann über Gothic 1 leicht eine filmreife Erfolgsgeschichte erzählen. Aber das wäre naiv und gerade aus heutiger Sicht ein Fehler. 80 Prozent von Gothic 1 entstehen in den letzten vier Monaten der Entwicklung. In dieser heftigen Crunch-Phase arbeitet das Team zwischen 80 und 120 (!) Stunden pro Woche. Den Preis dieser Dauerbelastung zahlen viele Piranhas erst Jahre später. Die ganze Geschichte lest ihr in unserem großen Gothic-Report, für den wir mit über 20 ehemaligen Mitarbeitern gesprochen haben:

Aufstieg und Fall von Gothic: Der große Report   84     58

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Crunch ist kein exklusives, aber ein anhaltendes Problem der Spielebranche. Menschen leiden unter Dauerbelastung, opfern der Spieleentwicklung ihre Gesundheit - heutzutage wird dieser Umstand zum Glück weit häufiger thematisiert als noch vor 20 Jahren. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass wir 2021 auch den Blick in die Vergangenheit wagen. Gothic 1 wird dadurch zu keinem schlechten Spiel. Aber es hat eben deutlich mehr gekostet als die paar Mark, die ich damals dafür auf den Tisch gelegt habe. Und darüber müssen wir mehr und mehr sprechen.

Der Autor: Dimi hat sich schon als kleiner Knirps in den Zauber der Gothic-Serie verliebt. Aus seinem ersten Ausflug nach Khorinis und ins Minental wurde eine leidenschaftliche Liebe, die bis heute anhält. Gut, Dimi ist auch heute noch ein kleiner Knirps, aber zumindest eine Sache hat sich verändert: Die Beziehung zu Gothic wurde Jahr für Jahr vielschichtiger. Und das nicht bloß durch Gothic 3 und Arcania. Als GameStar-Redakteur hat er Piranha Bytes mittlerweile persönlich kennengelernt, durch Hintergrundberichte hinter die Fassade dieses Rollenspiel-Meisterwerks geblickt. Viele Einblicke haben seinen Respekt für Gothic nur vergrößert - aber es zeigten sich eben auch Schattenseiten, die man gerade als Fan kennen sollte.

2. Man braucht nicht diese eine Idee

Ich gehöre zur Generation Y. Während meiner Unizeit Anfang der 2010er Jahre begann dieser ganze Startup-App-Boom und mein gesamtes Umfeld schickte sich Reden von Steve Jobs, Randy Pausch, garniert mit allerlei Motivationsvideos. Viele träumten von dieser einen genialen Idee, dieser einen sensationellen App der Marke Facebook, von dem ganz persönlichen Durchbruch, mit dem sie später die Welt verändern würden. Und darüber will ich hier gar nicht spötteln, denn ohne dieses motivierende Mindset wäre ich heute nicht bei der GameStar. Große Träume sind wichtig. Aber man braucht nicht zwangsläufig diese eine geniale Idee.

Das habe ich damals schon mit der unendlichen Weisheit eines 21-jährigen meinen Unifreunden propagiert - und ausnahmsweise halte ich's 10 Jahre später immer noch nicht für Quatsch, denn Gothic ist der beste Beweis. Gothic sollte so viele Dinge werden. Ein Ultima-Underworld-Klon. Ein Dungeon Crawler mit Multiplayer:

Ja, so sah Gothic in einem frühen Stadium aus. Inklusive Multiplayer-Ideen und Dungeon-Fokus. Ja, so sah Gothic in einem frühen Stadium aus. Inklusive Multiplayer-Ideen und Dungeon-Fokus.

Es sollte mehrere spielbare Klassen geben (Krieger, Psioniker, Dieb und Magier), die magische Barriere war ursprünglich bloß eine Levelgrenze, bevor man sie zum Teil der Story machte und, und, und. Das frühe Gothic wirkt wie ein Mischmasch der Ideen, ein Best-Of damaliger Rollenspiele. Als langlebige Vision findet man vor allem diese: Das Spiel sollte einsteigerfreundlicher sein als die teils sehr verkopfte Konkurrenz. Das führte beispielsweise dazu, dass Gothic 1 ausschließlich mit Tastatur spielbar war, doch selbst hier überzeugte unter anderem Kollegin Petra die Entwickler, dieses Vorhaben über den Haufen zu werfen:

20 Jahre Gothic: Wie Petra die Maussteuerung erfand   36     27

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Noch heute lässt sich Gothics Besonderheit kaum mit einem Wort beschreiben. Fans skizzieren dann die Atmosphäre, die tollen Tagesabläufe der Inhaftierten, das Gefühl von Errungenschaft, das »Ich werde nicht an der Hand genommen«. Auch ich kann mühelos 20 Minuten über die Faszination von Gothic babbeln:

Faszination Piranha Bytes - Sie entwickeln seit 20 Jahren das gleiche Spiel und werden trotzdem geliebt. Wie kann das sein? 19:19 Faszination Piranha Bytes - Sie entwickeln seit 20 Jahren das gleiche Spiel und werden trotzdem geliebt. Wie kann das sein?

Aber das sind alles recht weiche, vielschichtige, vernetzte Kategorien. Gothic hat nicht diese eine geniale Idee. Es ist kein Minecraft, sondern ein riesiger Eintopf, bei dem die einzelnen Zutaten durch unheimlich viel Abschmecken, Ausprobieren, Verwerfen und einer Prise Glück zum Gourmet-Gericht führten. Falls ihr also auf diesen perfekten Einfall wartet, um mit eurem ersten Buch, eurem ersten Bild, eurem ersten Gedicht loszulegen - macht einfach mal. Oder um es mit den weisen Worten von Shia LaBeouf zu sagen: Just do it. Vielleicht klärt sich der Rest dann auf dem Weg.

3. Gothic lebt auch 2021 noch

Ich finde wenig faszinierender als die Faszination an sich. Mit Enthusiasten zu reden, die sich seit Jahrzehnten für einen ganz bestimmten Teil des Gaming-Hobbys begeistern, gehört zu den besten Parts des Jobs. Beispielsweise quatscht man mit Landwirtschafts-E-Sportlern (Teaser für einen künftigen Podcast!) oder mit den Enderal-Moddern - oder mit einem der ambitionierten Gothic-Modding-Teams überhaupt.

Gut, gequatscht hat diesmal eigentlich Plus-Kollege Martin Dietrich, aber zumindest kann ich mich an den Ergebnissen leben: Das Modding-Projekt Phoenix Tales möchte das Gothic spielbar machen, das wir niemals bekommen haben. Eben die oben skizzierte Alpha mit Psioniker-Klassen, verworfenen Ideen und, und, und. Das Team hat so tief im Fundus längst vergessener Gothic-Bestände gewühlt, dass die Ergebnisse selbst mich als Kenner verblüffen:

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Gleichzeitig werkelt das neu gegründete Barceloner Studio Alkimia Interactive am offiziellen Remake von Gothic 1, um einer neuen Generation die Faszination des Minentals zugänglich zu machen. Auch wenn wir wahrscheinlich nie ein Gothic 5 (oder ein echtes Gothic 4) erleben werden: Gothic 1 lebt 2021 weiter. In ambitionierten Fan-Projekten, in offiziellen Remakes, aber vor allem in unseren Erinnerungen. Von daher: Herzlichen Glückwunsch zum 20. Geburtstag.

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