Microsofts Bethesda-Kauf wird Gaming drastischer verändern, als ihr denkt

Microsofts Strategie mit dem Game Pass entscheidet über die Zukunft der Spiele. Elena erklärt, wo dabei die Chancen und Risiken für Spieler und Entwickler liegen.

von Elena Schulz,
10.03.2021 13:38 Uhr

Microsoft hat letztes Jahr für 7,5 Milliarden Dollar Bethesda gekauft und mit dem Game Pass beinahe schon ein Netflix für Spiele etabliert. Wer da mit den Schultern zuckt, hat etwas Entscheidendes nicht verstanden: Microsofts aktuelle Strategie entscheidet darüber, wie es mit Spielen in Zukunft weitergeht.

Hinweis: Weil die Entwicklungen um Microsoft und Bethesda diesen Artikel aktuell besonders relevant machen, haben wir ihn um neue Infos ergänzt und hochgezogen. Ursprünglich erschien er im September 2020, als der Deal verkündet wurde.

Nicht nur der »Konsolenkrieg« zwischen PS5 und Xbox Series X/S wandelt sich dadurch. Inzwischen ließ das Unternehmen verlauten: »Ja, Exklusivität wird es geben«. Aber auch wie Spiele zukünftig entwickelt werden und wie wir dafür bezahlen, könnte sich drastisch ändern. Falls Microsoft sich durchsetzt.

Mehr dazu erfahren wir wahrscheinlich Ende der Woche. Dann stellt Microsoft offenbar die aktuellen Pläne vor - jetzt, wo der Bethesda-Kauf von der EU durchgewunken wurde. Wir beleuchten hier Microsofts Strategie im Detail. Sie beinhaltet viele Chancen - aber auch Risiken.


Die Autorin: Elena Schulz (@Ellie_Libelle) will sich selbst eigentlich nur den Game Pass ausreden, um nicht noch ein Abo für 10 Euro im Monat zu haben. Aber genau wie bei Netflix ist die Versuchung einfach zu groß. Trotzdem will sie die Risiken des Abo-Services nicht völlig ausblenden. Denn Indie-Überraschungen wie Hellblade sind mit der Grund, warum Elena Spiele so sehr liebt. Und wenn der Einfluss von Microsoft solcher Vielfalt und Kreativität langfristig zu schaden droht, ist das etwas, worüber Spieler und Entwickler nachdenken sollten.

Warum die Next-Gen-Konsolen so spannend sind

Xbox oder PlayStation? Diese Frage hing früher von coolen Spielen und leistungsstarker Hardware ab. Im Fall von Xbox Series X und PS5 rangeln aber nicht mehr nur Spiele miteinander, sondern Business-Modelle. Und die dürften den Konsolen-Konflikt zum spannendsten seit Ewigkeiten machen.

Sony investiert weiter in hochwertige Exklusivspiele wie das nächste God of War oder Horizon: Forbidden West. Microsoft hingegen bietet über den Game Pass einen plattformübergreifenden Service an, der möglichst viele Leute überzeugen muss.

Das hat einen klaren Vorteil: Abo-Modelle binden Spieler langfristig. Und bitten monatlich zur Kasse. Game-Pass-Kunden erhalten Vollpreis-Spiele wie den Flight Simulator 2020, Wasteland 3 oder Crusader Kings 3 zum Launch, ebenso wie einen Katalog aus über 100 festen Spielen und nochmal so vielen wechselnden - ein starker Anreiz, um auch bei folgenden Generationen Xbox- oder PC-Spieler zu bleiben.

Gut möglich also, dass auch Sony in Zukunft neue Wege geht und PS Now oder PlayStation Plus stärkt - über Letzteres erhielten Spieler zum Launch der PS5 sogar einen Katalog mit PS4-Klassikern, was ein erster Effekt sein könnte. Warum eine PlayStation 5 vor allem als Zweitkonsole für PC-Spieler sinnvoll ist, lest ihr übrigens hier:

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Vorteile und Risiken des Xbox Game Pass

Ein fantastisches Angebot für Spieler

Im aktuellen Zustand gewinnen die Spieler durch den Game Pass. Selbst für zehn Euro monatlich (oder zwölf in der Ultimate-Variante) bekommt ihr nach der Preiserhöhung Zugang zu einem umfassenden Spielekatalog, der immer weiter wächst.

Und dieses Angebot wird zukünftig auch auf dem PC noch über die Basis-Version von EA Play mit Spielen wie Jedi: Fallen Order, Sims 4, FIFA 20 oder Titanfall 2 verstärkt. Seit kurzem lassen sich über Cloud Gaming fast alle Spiele darüber hinaus noch auf Android-Smartphones zocken - zwar nur im Ultimate-Pass, aber ebenfalls ohne Aufpreis.

Eine Chance für Spiele-Entwickler

Bei Netflix gewinnt die Vielfalt, jeder soll dort seine neue Lieblingsserie finden. Das Gleiche gilt schon jetzt für den Game Pass: Von Rollenspielen, über Strategie bis hin zu Shooter-Action sind sämtliche Genres vertreten. Aber die Entwicklung an sich kann das ebenfalls positiv beeinflussen: Star Wars Jedi: Fallen Order war zum Beispiel als Verkaufsargument für das Premium-Abo EA Play Pro gedacht.

Natürlich wollte der Publisher die Spieler so ködern, indem man ihnen sonst eine kurze Spielzeit zum Vollpreis von 60 Euro vorsetzte. Aber Fallen Order ist trotzdem ein großartiges Spiel geworden, das auf Mikrotransaktionen oder ein Live-Service-Modell verzichten darf.

Modelle wie der Game Pass können also den Trend wieder hin zu kürzeren Spielen oder Singleplayer-Erfahrungen ohne Ingame-Käufe und Updates bis in die Ewigkeit fördern. Und längst erschienene Spiele wie ein Kingdom Come: Deliverance erhalten über einen Release im Abo eine Chance auf einen zweiten Frühling.

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Kein Deal für die Ewigkeit

Aber das kann sich bei dem Preis langfristig nicht für Microsoft lohnen. Das ist der Knackpunkt: Der aktuelle Game Pass will nur neue Spieler für das Abo gewinnen. Mit Erfolg: Schon über 15 Millionen Spieler haben den Deal abgeschlossen. Microsoft profitiert aber erst richtig, wenn sie den Service teurer machen. Genau das konnte man bereits bei Netflix beobachten. Und hat sich erst einmal ein Monopol etabliert, kann Microsoft frei entscheiden, wie Preis, Angebot oder Leistungen für Entwickler aussehen.

Andere Einnahmequellen

Entwickler werden schon jetzt gerne dafür kritisiert, über DLCs Spielbestandteile herauszuschneiden und einzeln zu verkaufen. Das Problem könnte zunehmen, wenn das zusätzliche Geld verdienen außerhalb des Abos attraktiver wird. Immer mehr Spiele könnten in Zukunft Addons erhalten oder doch zu Ingame-Käufen greifen, um finanzielle Verluste auszugleichen.

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Wird Microsoft zu Disney?

Das größte Risiko beim Game Pass birgt der wachsende Einfluss Microsofts. Der könnte ähnliche Dimensionen annehmen wie bei Disney und der Filmbranche. Aktuell erhalten Entwickler zum Beispiel einen festen Betrag für einen Release im Game Pass. Aber was, wenn die Bezahlung in Zukunft an Downloadzahlen wie bei Spotify oder der Spielzeit gemessen wird?

Der Druck in den ersten Spielstunden überzeugen zu müssen, würde deutlich steigen - das nächste Abenteuer ist ja nur einen Klick entfernt. Und Spieler müssten wieder endlos lange mit Challenge-Blabla und Loot-Blubbern bei der Stange gehalten werden. Oder Entwickler stopfen möglichst viele Spiele in den Katalog, was die Produktionsqualität senkt und hochwertige Medium-Budget-Experimente wie Hellblade noch riskanter macht.

Darüber hinaus sind Studios von dem abhängig, was Microsoft ihnen zahlt. Dadurch werden vielleicht die Produktionskosten inklusive eines kleinen Gewinns wieder reingeholt. Aber das Doppelte oder mehr werden Entwickler mit dem aktuellen Modell nicht bekommen. Und die wachsene Vielfalt im Game Pass wird die Spieler wahrscheinlich immer häufiger daran hindern, außerhalb des Abos Geld für Einzeltitel auszugeben.

Disneys Entscheidungsmacht lässt sich auch gut an Star Wars nachvollziehen: Der Konzern kontrolliert nicht nur, was in den neuen Filmen passiert. Weil ausschließlich EA über die Spiele-Lizenz verfügte, wurden hier zeitweise die kreative Freiheit und Vielfalt massiv eingeschränkt.

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Umso erfreulicher, dass sich Disney jetzt weiteren Spieleherstellern öffnet und auch Ubisoft ein Open-World-Spiel im Star-Wars-Universum produzieren lässt. Vielleicht ist dem Konzern ja selbst der unschöne Nebeneffekt bewusst geworden.

Wie der Bethesda-Deal ins Bild passt

Die 7,5 Milliarden Dollar für Bethesda samt all seiner Marken wie Elder Scrolls, Fallout, Doom und mehr wirken auf den ersten Blick übertrieben. Zum Vergleich: Disney hat für Star Wars und Marvel zusammen etwa 8 Milliarden Dollar gezahlt. Bei aller Liebe zu Dishonored, so viel dürfte Bethesda eigentlich gar nicht wert sein.

Doch die Exklusivrechte für kommende Spiele wie Elder Scrolls 6 fallen eben sehr schwer ins Gewicht. Wenn Skyrims Nachfolger erscheint, kann sich der Rest des Weihnachtsgeschäfts quasi verabschieden. Sollte die PlayStation 5 da außen vor bleiben, wäre der Schub für PC und Xbox enorm. Zwar hat Microsoft noch nicht bestätigt, welche Spiele exklusiv werden könnten. Dass es solche Deals ohne Sony geben wird, steht aber fest.

Rein taktisch bieten sich hier natürlich hochkarätige Titel mit großer Fangemeinde wie Elder Scrolls oder Fallout an. Und auch ein Starfield dürfte viele Spieler von einer Xbox oder gar dem Game Pass überzeugen, wenn es zum Release darin enthalten ist. Microsoft könnte die Spieler so nicht nur auf seine Konsole, sondern gar in sein Abo locken.

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Dass man den Deal nicht nur kritisch sehen muss, beweist Peter Bathge in seiner Kolumne - er freut sich über den Bethesda-Kauf und ein Elder Scrolls 6 von Microsoft.

Auch der Game Pass gewinnt also: Next-Gen-Spiele werden schließlich teurer. Und wenn man plötzlich 70 oder 80 Euro zahlen soll, erscheint ein Angebot für 10 Euro im Monat nur noch attraktiver. Letztlich ist der Game Pass also nur ein Exklusivdeal in einem anderen Gewand. Zugegebenermaßen momentan ein sehr guter, aber die finale Rechnung sehen wir erst in ein paar Jahren.

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